Auch heuer verwandelt sich der kleine Ort Fresach bei den „Europäischen Toleranzgesprächen“ wieder zum „Denkraum“. Im 12. Jahr ihres Bestehens widmen sie sich diesmal dem spannenden und mehr als aktuellen Themenkomplex „Widerstand und Verantwortung“ und bringen damit auch zwei Begriffe zusammen, die eng miteinander verknüpft sind.

„Die Frage, die sich stellt, ist, wie weit darf Widerstand gehen, ohne Frieden und Stabilität zu gefährden?“, erklärt Organisator Wilfried Seywald. Denn Widerstand sei ein durchaus zwiespältiger Begriff, der eine ganze Bandbreite von Möglichkeiten eröffne. „Das reicht von friedlichen Demonstrationen bis hin zu Terrorismus und Anarchie“, so Seywald.

Begleitet werden die Toleranzgespräche, zu denen international renommierte Referentinnen und Referenten geladen sind, von einer zweiteiligen Sonderausstellung im Fresacher Museum. Ein Teil widmet sich den Grundlagen evangelischer Widerständigkeit, kuratiert von Alexander Bach, wissenschaftlicher Leiter des Museums. Eine umfangreiche Zusammenstellung, in der widerständiges Verhalten im Laufe der Menschheitsgeschichte beleuchtet wird – ausgehend von der Bibelgeschichte bis hin zu den Herausforderungen der Gegenwart. „Denn zu allen Zeiten haben Menschen die Kraft gefunden, gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt aufzutreten“, sagt Bach.

Der zweiter Teil der Sonderausstellung unter dem Motto „Aufstehen ist das Wort“ ist der wohl bedeutendsten Kärntner Autorin Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) gewidmet, die heuer ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte und deren Werk – auch oder gerade im Hinblick auf Widerständigkeit – bis heute hochaktuell ist. „Sie entlarvt schonungslos autoritäre Denkweisen, die systematische Ausbeutung von Frauen in der Gesellschaft sowie Macht und Missbrauch von Sprache“, erklären die Organisatorinnen Dagmar Sakrausky und Claudia Rosenwirth-Fendre vom Team Fresach. „In einer Zeit der zunehmenden sprachlichen Verrohung treffen ihre Worte auch heute genau den wunden Punkt von Verantwortung und Widerstand. Bachmann hat ihr ganzes Leben lang gegen jede Form von Gewalt, Vereinnahmung, ideologischem Missbrauch und politische Instrumentalisierung angeschrieben.“

Seltene Fundstücke von Ingeborg Bachmann

Die Gestaltung der Ausstellung sei keine leichte Aufgabe gewesen, „denn wie soll man dieser großen Autorin, ihrer Bedeutung und ihrem umfassenden Werk im Rahmen einer kleinen Schau auch nur annähernd gerecht werden? Das war eine große Herausforderung und hat wirklich viel Mut zum Fragment erfordert“, erklärt Rosenwirth-Fendre, der es unter anderem gelungen ist, im Vorjahr das Taufbuch der Bachmann auszuheben, das jetzt hier zu sehen ist.

Die meisten der ausgestellten Fotografien stammen aus dem Familiennachlass, so etwa auch ein Foto, das sie gemeinsam mit ihrer ersten großen Liebe, dem britischen Besatzungssoldaten Jack Hamesh, zeigt, einem Wiener Juden, dem 1938 die Emigration gelang und der 1945 mit den Alliierten zurückkehrte und die Bachmann bei einer Befragung zu einer Mitgliedschaft im „Bund deutscher Mädel“ kennen lernte. Besonders stolz ist man auch darauf, die einzig existierende Fotografie, auf der die Bachmann gemeinsam mit Max Frisch zu sehen ist, ausfindig gemacht zu haben und hier zeigen zu können.

„Uns war es vor allem wichtig, die Autorin auch jenen Menschen näher zu bringen, die sich bisher noch nicht mit ihr beschäftigt haben oder kaum mit ihr in Berührung gekommen sind“, sagt Rosenwirth-Fendre. Neben Bildtafeln mit Gedichten sowie einer ausführlichen Biographie wurde auch eine Hörstation mit der Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises für „Der gute Gott von Manhatten“ (1959) aufgebaut. Der Titel der Rede ist ja bis heute untrennbar mit Ingeborg Bachmann verbunden: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.