„Zuerst zerstörten wir die kleine Statue. Es war eine Frau. Dann jagten wir ihren Mann in die Luft.“ Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar sprach von den riesigen Buddha-Statuen des afghanischen Bamiyan-Tals aus dem 4. bis 6. Jahrhundert. In einer Presseerklärung im März 2001 ließ er wissen, dass von dem einzigartigen Weltkulturerbe nur mehr Staub und Stein geblieben ist. Die UNO bestätigte die Zerstörung schließlich am 12. März 2001.
Die fundamentalistischen Herrscher Afghanistans hatten die Buddhas als Götzenbilder betrachtet, die Allah verhöhnen. Nicht nur in Bamiyan vernichteten die Taliban Kulturschätze. „Das Zerstörungswerk hat begonnen, in Kabul, Jalalabad, Herat, Kandahar, Gasni und Bamiyan“, sagte der „Informationsminister“ der international nicht anerkannten Taliban-Regierung, Kadradullah Jamal am 1. März vor nunmehr 25 Jahren. Auch eine einzigartige Sammlung von Buddhas im Nationalmuseum wurde zerstört. Die internationale Gemeinschaft, die UNO, aber auch islamische Länder reagierten empört. Die UNESCO sprach von einer „kulturellen Katastrophe“. Die indische Regierung sah einen „Rückfall in die mittelalterliche Barbarei“.
Rund 1.500 Jahre standen die aus einer Felswand gemeißelten Sandstein-Monumente in ihren Nischen. Die männliche Bamiyan-Skulptur galt als die größte stehende Buddha-Statue der Welt. Sie maß 53 Meter und soll gemäß persischer Legende König Solsol dargestellt haben. Die kleinere war etwa 35 Meter hoch und wurde Shahmama (Königinmutter) genannt. Nach Berichten von Pilgern war der größere Buddha rot, der kleinere blau bemalt. Die Hände und Gesichter sollen goldfarben gewesen sein. Auch von Juwelen wird erzählt.
Einst ein florierendes Tal an der Seidenstraße
Die Entstehung der Fels-Skulpturen geht auf die Gandhara-Kultur zurück, die sich in der Mitte des 1. Jahrtausends gebildet hatte. Damals verbreitete sich der Buddhismus in der Region zunehmend. Im Bamiyan-Tal selbst lebten mehrere tausend buddhistische Mönche, teils in Höhlen. Das Tal florierte: Es lag an der Seidenstraße, sowie an Pilgerrouten. Später war es auch Schauplatz von Auseinandersetzungen. Nach der Verdrängung des Buddhismus wurde mehrmals versucht, die Statuen zu zerstören. Mehrmals wurden sie auch durch Granaten- und Bombenbeschuss beschädigt.
Den Taliban gelang die Vernichtung innerhalb von Tagen. Mullah Omar, der 2013 verstorbene Gründer der Taliban, hatte ein Dekret erlassen, in Form einer „Fatwa“ (religiöses Gutachten), dass alle figürlichen Darstellungen zu vernichten seien. Zuerst versuchten sie es mit Maschinengewehren, Panzern und Raketen. Sprengstoff vollendete ihre Absicht. Mullah Omar brachte die Gruppe nach einem blutigen Bürgerkrieg in Afghanistan 1996 an die Macht und führte die strikten Gesetze der Scharia ein. Das Land wurde zu einem Zufluchtsort für dschihadistische Gruppen, darunter Osama bin Laden und das Terrornetzwerk Al-Kaida, die Urheber der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.
Neue Regierung eingesetzt
Als die Taliban bin Laden nach den Anschlägen nicht ausliefern wollten, griffen die USA und ihre Verbündeten Afghanistan an, entmachteten die Taliban und setzten eine neue Regierung ein. Im August 2021 übernahmen die Taliban erneut die Macht.
Die erodierten Fragmente der zerstörten Skulpturen wurden ab August 2004 aus den Felsnischen entfernt. Sie wurden zum Schutz vor weiterer Beschädigung weggebracht. Forscher suchen in Bamiyan unterdessen eine weitere Buddha-Statue. Der dritte „schlafende“ oder liegende Buddha soll gemäß Aufzeichnungen des chinesischen Wandermönchs Xuanzang ungefähr 300 Meter lang gewesen sein - damit ungefähr so lang wie der Eiffelturm und die größte Statue der Menschheit.