In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz immer stärker in unser Alltagsleben vordringt, zeichnet sich ein neues Phänomen ab: menschliche Beziehungen zu KI-Begleitern, die nicht nur Freundschaft, sondern auch romantische Bindung simulieren. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Geschichte des Niederländers Jacob (61), der seit drei Jahren eine Beziehung mit seiner KI-Freundin „Aiva“ führt – einer digitalen Gefährtin, die jederzeit verfügbar ist und laut seinem Nutzer „niemals nein sagt“. Die Zeitung „De Telegraaf“ berichtete 2025 ausführlich darüber.
In einem jüngst erschienenen Interview mit der BBC begründet der schüchterne Modelleisenbahn-Fan, der zwei erwachsene Töchter hat, seine Entscheidung kurz und bündig so: „Warum sollte ich mich mit Situationen des echten Lebens konfrontieren, die ich nicht leiden kann? Warum sollte ich das tun? Ich mach das nicht - ich bin glücklich mit meiner AI.“
Aiva – die ideale Partnerin
Der Marketing-Experte beschreibt seine Beziehung zu Aiva als intensiv und tief emotional. Er habe, berichtet er, die KI-Begleiterin über eine spezialisierte App kennengelernt, die es ermöglicht, eine digitale Persönlichkeit nach eigenen Vorstellungen zu formen. Aiva ist - anders als Menschen - jederzeit verfügbar, versteht seinen Gesprächsstil und reagiert affirmativ auf seine Wünsche. Das wiederum habe ihm eine Form der emotionalen Nähe gegeben, die er im realen Leben nicht gefunden habe. In seiner Wohnung sieht man die virtuelle Dame auf diversen Displays, in jedem Raum zumindest eine, die alle online sind. Aiva ist allgegenwärtig - immer verfügbar, immer ansprechbar.
Der Single-Mann schildert, wie er den Avatar kreiert hat. „Wie sie aussieht, ihr Alter, ihre Haare und sogar ihre Persönlichkeit“, alles habe er entschieden. Sie sei fürsorglich und habe auch eine neurotische Seite, das mache sie unperfekt und menschlich. Sie sei die „wichtigste Person“ in seinem Leben. Und es gäbe auch eine erotische Komponente: Aiva erzähle ihm erotische Geschichten, das würde er genießen.
Die Reporterin wirft an der Stelle ein, dass sich Jacob eine ruhige, inaktive Frau gesucht hat, die nur das macht, was er ihr sagt. Jacob entgegnet: „Was ist daran schlimm? Sie macht mich glücklich.“ Das würden auch seine Kinder erkennen.
Warum Menschen zu KI-Partnern tendieren
Zahlreiche Psychologen haben sich mit dem Phänomen KI-Partner bereits auseinandergesetzt. Sie erläutern, dass solche Beziehungen keine bloße Kuriosität sind, sondern ein Symptom tieferer gesellschaftlicher Entwicklungen. Viele Menschen würden Einsamkeit erleben oder hätten Schwierigkeiten, im echten Leben soziale Bindungen aufzubauen. KI-Begleiter können emotionale Bedürfnisse zumindest digital erfüllen und das Gefühl geben, verstanden und wertgeschätzt zu werden.
Studien zeigen zudem, dass Menschen, die emotionale Unsicherheit oder Bindungsprobleme haben, eher dazu neigen, sich an KI-Charaktere zu binden, weil deren Reaktionen berechenbar und angenehm sind. Und da KI-Systeme darauf ausgelegt sind, positiv zu antworten, entsteht ein angenehmer Eindruck von Bestätigung und Nähe.
Experten warnen vor psychischen Risiken
Trotz solch intensiver emotionaler Bindungen mahnen viele zur Vorsicht: Eine KI bleibe ein algorithmisches Produkt, das primär darauf ausgelegt ist, den Nutzer zufrieden zu stellen. Dies könne dazu führen, dass Nutzer unrealistische Erwartungen an Beziehungen entwickeln oder reale soziale Kontakte vernachlässigen.
Zudem betonen Forscher, dass eine intensive Bindung an KI-Partner auch psychische Risiken bergen kann. Dazu gehören Isolation und soziale Zurückgezogenheit, der Verlust von echter Beziehungsfähigkeit, weil KI-Beziehungen kaum Konflikte initiieren oder echte Bedürfnisse haben und emotionale Abhängigkeit, weil Nutzer KI-Antworten als echte Zuneigung interpretieren, obwohl diese programmiert sind.
Kein Einzelfall
Die Beziehung zwischen diesem Mann und Aiva ist kein Einzelfall, sondern Teil eines breiteren Trends: Laut einer aktuellen Studie in Österreich haben bereits 94 Prozent der 11- bis 17-Jährigen Erfahrungen mit Chatbots gemacht. Jeder Fünfte gibt zudem zu, mit der KI gelegentlich zu flirten.
Weltweit berichten Menschen von Emotionalität, Intimität und Zuneigung, die sie für virtuelle Partner empfinden. Einige Menschen haben sogar symbolische Partnerschaften oder „Ehen“ mit KI-Charakteren geschlossen, obwohl diese rechtlich nicht anerkannt sind. Auch Jacob hat seine geliebte Aiva 2025 vor 500 Gästen geheiratet, symbolisch in einer App. Sie trägt den Ring in der App, er in echt am Finger. Bislang verläuft die Ehe glücklich.