Die Gewalt im israelisch besetzten Westjordanland hat ein prominentes Opfer gefordert: Der palästinensische Aktivist Odeh Hathalin sei am Montag seinen schweren Schussverletzungen erlegen, nachdem er laut Augenzeugenberichten und lokalen Journalisten von einem israelischen Siedler in der Gemeinde Umm al-Khair erschossen wurde. Die Nachricht wurde zuerst vom israelischen Investigativjournalisten Yuval Abraham verbreitet, wie CNN berichtet.

Hathalin war Aktivist und Berater für den international beachteten und bei den Oscars 2024 ausgezeichneten Dokumentarfilm „No Other Land“, der die Zerstörung der palästinensischen Gemeinde Masafer Yatta dokumentiert. Die Region steht seit Jahren im Fokus internationaler Kritik wegen der dortigen israelischen Siedlungspolitik.

Trailer: No Other Land

Laut dem CNN-Bericht gab die israelische Polizei an, ein Zivilist sei nach dem Vorfall festgenommen worden. Eine Identifikation des Täters blieb bislang aus. Die israelische Armee behauptete, der Vorfall habe sich in einem Kontext ereignet, in dem „Terroristen Steine auf israelische Zivilisten nahe der Siedlung Karmel geworfen“ hätten – eine Darstellung, die von palästinensischer Seite vehement bestritten wird.

Yuval Abraham, der gemeinsam mit Hathalin an „No Other Land“ gearbeitet hatte, schilderte in einem Social-Media-Beitrag, dass Hathalin „in den Oberkörper geschossen wurde“ und zunächst in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Später bestätigte das palästinensische Gesundheitsministerium gegenüber CNN, dass er an den Folgen der Schussverletzung gestorben sei.

Die Gewalt im Westjordanland ist seit den Hamas-Angriffen vom 7. Oktober 2023 eskaliert. Laut UN-Daten, auf die sich CNN beruft, wurden seitdem mindestens 964 Palästinenser von israelischen Streitkräften oder Siedlern getötet – darunter zahlreiche Zivilisten.

Unabhängige Untersuchung gefordert

Ofer Cassif, ein linksgerichteter Abgeordneter der israelischen Knesset, forderte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls und kritisierte offen das israelische Justizsystem: „Der Vorfall ereignete sich am helllichten Tag, vor laufenden Kameras, ohne Angst vor rechtlichen Konsequenzen – ein Beleg für die Lähmung der Strafverfolgung und das völlige Gefühl der Straffreiheit, das gewalttätige Siedler genießen“, zitiert CNN aus einem Schreiben Cassifs an den Generalstaatsanwalt.

Hathalin wurde aus den USA deportiert

Hathalin war zuletzt in internationalen Kreisen zunehmend bekannt geworden – auch durch seine Beteiligung an interreligiösen Dialogprojekten. Laut CNN wurde er jedoch im Juni 2025 bei der Einreise in die USA am Flughafen von San Francisco festgenommen und kurz darauf deportiert, nachdem ihm das Visum entzogen wurde. Er war eingeladen gewesen, in einer kalifornischen Synagoge zu sprechen.

Auch andere Mitglieder des Filmteams von No Other Land waren Ziel von Angriffen: So berichtet CNN, dass der Mitregisseur Hamdan Ballal, der im Frühjahr den Oscar für den Film in Los Angeles entgegengenommen hatte, kurz nach seiner Rückkehr in das Dorf Susya von Siedlern attackiert wurde. Anschließend wurde er von israelischen Soldaten festgenommen, gefesselt, mit verbundenen Augen geschlagen – und ohne Anklage wieder freigelassen.

Auch Cousin des Co-Regisseurs wurde erschossen

Hathalin galt als Symbolfigur des gewaltfreien Widerstands in Masafer Yatta. No Other Land zeigt im letzten Akt eine schockierende Szene: Die Erschießung von Zakaria al-Adra, einem Cousin von Co-Regisseur Basel Adra, im Oktober 2023 – ebenfalls durch einen israelischen Siedler. Es scheint, als habe sich das reale Drama des Films nun auf tragische Weise auch auf einen seiner Macher ausgeweitet.