Der junge Mitarbeiter der Thomas-Mann-Villa hat überhaupt keine Zeit. „Meine Familie und ich, wir sind gerade dabei zu evakuieren“, sagt er. „Wir müssen sofort weg.“ Die Villa in Pacific Palisades, ein Vorort von Los Angeles, steht sie noch? „Wir wissen es nicht.“ Das Feuer, eines der verheerendsten, das Kalifornien jemals erlebt hat, frisst sich durch die Vororte, zerstört Strandhäuser, lässt Palmen in Flammen aufgehen und bedroht Kulturstätten. Es ist, als finde ein Hollywood-Katastrophenfilm wie Roland Emmerichs „2012“ statt, der die echten Stars der Traumfabrik trifft. Österreichs Regisseur Robert Dornhelm bringt es auf den Punkt: „Es herrscht Weltuntergangsstimmung“. Auch er musste sein Haus verlassen.

Die Villa, in der Thomas Mann im Exil lebte, ein weißer, vor kurzem erst renovierter Bau, liegt in der Gefahrenzone. Desgleichen die Villa Aurora, vor fast hundert Jahren im spanischen Stil errichtet. Sie war das Heim von Lion Feuchtwanger, der deutsch-jüdische Dichter, der 1941 via Marseille mit seiner Frau Marta nach Amerika floh. Damals war die Villa der gesellschaftliche Mittelpunkt des Exilantenlebens, als Künstler wie Bert Brecht, Theodor Adorno, Alfred Döblin, Fritz Lang, Arnold Schoenberg und Hanns Eisler in „Weimar am Pazifik“ lebten.

Heute gehören beide Villen dem deutschen Goethe Institut. Das richtet alljährlich in der Villa Aurora eine Feier zur Oscar-Verleihung aus, in dem Garten, den Marta Feuchtwanger gestaltet hat. Vom Goethe-Institut hieß es, alle Mitarbeiter seien in Sicherheit. Aber offenbar sind Teile der Villa Aurora schwer beschädigt. Die Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen wurde inzwischen auf Ende Jänner verschoben.

Malibu am Pacific Highway in Schutt und Asche

Feuchtwanger, der 1958 in Los Angeles starb, ist in Santa Monica beerdigt; auch dieser Vorort — bekannt durch die Seebrücke mit dem Riesenrad — ist vom Feuer bedroht, desgleichen das mondäne Malibu am Pacific Highway, wo Mark Hamill lebt und wo „Two and a Half Men“ spielt, die Serie mit Charlie Sheen. Die berühmte Meile mit ihren Restaurants und Strandbars liegt in Schutt und Asche.

Gleich fünf Großbrände fressen sich vom Nordosten her an die 14-Millionen-Metropole Los Angeles heran und verdunkeln den Himmel. Rund 200.000 Menschen haben auf Anordnung der Behörden ihre Häuser verlassen. Ganze Straßenzüge wurden von Feuerstürmen vernichtet. Plünderer treiben sich herum — bisher sind 20 verhaftet worden. „Auch viele Tiere leiden“, sagt Christine, die nahe den Hollywood Hills wohnt. „Es gibt Hunde, die im Chaos verloren gegangen sind, und über den heißen Asphalt irren“. Bisher wurden 100.000 Häuser zerstört, und zehn Leichen geborgen. Der Schaden wird auf mehr als 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Villen berühmter Amerikaner bedroht

Inzwischen hat das Feuer die Hollywood Hills erreicht und damit das eigentliche Stadtgebiet. Die Getty-Villa mit ihrer weltberühmten Kunstsammlung ist bedroht; die Häuser von Billy Crystal, John Goodman und Paris Hilton brannten, womöglich auch das des Präsidentensohnes Hunter Biden. Der Schauspieler James Wood erzählte unter Tränen, wie er in den TV-Nachrichten sah, dass sein eigenes Haus abbrannte. In Altadena fiel die historische Synagoge dem Feuer zum Opfer. Altadena ist die Nachbarstadt von Pasadena, wo Caltech liegt, California Institute of Technology.

Los Angeles ist eigentlich ein Stück heiße Wüste am Meer, nur lebensfähig, weil das Wasser von weither transportiert wird. Aber das Wasser wird weniger. Seit dem letzten März hat es in Los Angeles nicht mehr geregnet. Wohl deswegen gingen die Wasserreserven rasch aus; die Hydranten gaben kein Wasser mehr.

Bilder vom Feuer in Los Angeles

Bürgermeisterin trat bei Brandausbruch Reise an

Dazu kommen die heißen Santa-Ana-Winde, die durch die Canyons blasen und die Feuer anfachen. Die Winde haben in der Nacht zu Freitag Fahrt aufgenommen. Feuer wie diese waren in den letzten Jahren nicht selten, aber noch keines hat so viel Schaden angerichtet. Nun steht auch die Bürgermeisterin Karen Bass in der Kritik. Zum einen wegen Budgetkürzungen für die Feuerwehr, andererseits wegen einer Dienstreise nach Ghana, die Bass zu Beginn des Feuers antrat.