Es gibt Momente, die das Leben in ein Davor und Danach teilen. Für Richard Grasl war es das Jahr 2017. Ein enger Freund kam bei einem tragischen Bootsunglück am Wörthersee ums Leben. Grasl musste sich als Lenker des Motorbootes vor Gericht verantworten und wurde verurteilt. Für Grasl ein persönlicher Verlust und ein Ereignis, das jede Selbstverständlichkeit erschüttert – und den Blick auf das Wesentliche lenkt. „Das war für mich lebensverändernd. Seitdem kann mich, glaube ich, nichts mehr schockieren. Aber auch, wenn man in seiner größten Krise steckt, muss man trotzdem wieder aufstehen.“
Der Kremser ist bis heute einer, der Verantwortung sucht, statt ihr auszuweichen. Einer, der selten abschaltet, dessen Handy auch nachts eingeschaltet bleibt und für den Arbeit weit mehr ist als reiner Broterwerb. Er ist ein „Workaholic“, für den die permanente Erreichbarkeit keine Last ist, sondern Teil seines Selbstverständnisses. „Ich würde wahrscheinlich nicht damit klarkommen, wenn ich nicht so viel zu tun hätte. Ich bin ein absoluter News-Junkie.“
Dieses Selbstverständnis zieht sich wie ein roter Faden durch seine Laufbahn. Über Jahrzehnte prägte Grasl die österreichische Medienlandschaft in unterschiedlichen Führungsfunktionen. Seit April steht er neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Kurier als Präsident an der Spitze des Österreichischen Tennisverbands – ein Wechsel in eine neue Welt, die doch vieles mit seiner bisherigen verbindet: Führung, Strategie, Kommunikation und die Aufgabe, Menschen und Interessen zusammenzubringen.
„Dann werde ich vielleicht zu direkt“
Wer dem 53-Jährigen begegnet, trifft auf einen Manager, der Zahlen und Strukturen ebenso ernst nimmt wie Verantwortung. Und auf einen Menschen, dessen Gelassenheit nicht angeboren, sondern aus Erfahrungen gewachsen ist, die weit über den Berufsalltag hinausgehen. Der zweifache Familienvater (sein 16-jähriger Sohn Ferdinand gilt als Tennistalent) beschreibt sich selbst als „sehr direkt. Ich habe gern mit anderen zu tun und setze mich für Sachen ein, an die ich glaube. Das führt allerdings dazu, dass ich ungeduldig bin und dann vielleicht auch zu direkt werde, sprich: zu wenig diplomatisch. Wenn ich mich für etwas interessiere, haue ich mich zu 120 Prozent rein“, sagt Grasl im persönlichen Gespräch im Rahmen der Generali Open in Kitzbühel.
Mit seiner neuen Aufgabe an der Spitze des Österreichischen Tennisverbands beginnt für den ehemaligen Journalisten ein weiteres Kapitel. Die Branche hat sich geändert, die Herausforderung ist eine andere. Seine Haltung aber ist dieselbe geblieben: anpacken, gestalten und Verantwortung übernehmen. „Denn wenn alles gut funktioniert, braucht es einen ja nicht. Ich schaue definitiv nicht weg, wenn etwas nicht klappt. Aber nicht, um zu kritisieren, sondern um zu schauen, wie man es besser machen kann“, verdeutlicht der Kurier- und MediaPrint-Geschäftsführer.
„Braucht Plan, um einen Superstar zu formen“
Angesprochen auf die größte Challenge als ÖTV-Präsident sagt er: „Die Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen wir wieder Top-50-Spieler in Österreich bekommen. Das ist nicht ganz einfach. Wir sind ein kleines Land, aber mit sehr guten Möglichkeiten, Tennis zu erlernen. Um wieder einen Superstar zu formen, braucht es einen Plan. Die Herausforderung liegt darin, wie man die nötigen Bedingungen schaffen kann und dabei auch alle Menschen mitnimmt. Denn oft gehen Interessen weit auseinander. Deshalb habe ich Jürgen Melzer gebeten, diesbezüglich ein Nachwuchskonzept (u. a. Trainerausbildung, Technik, Leistungsdiagnostik, Mentalcoaching, Turnierdichte) zu erstellen, damit wir sehen, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen. Darüber soll dann im Präsidium diskutiert und am Ende auch beschlossen werden.“
Ein Tennis-Highlight steigt in wenigen Wochen in Wien: Das Davis-Cup-Spektakel (18./19. September) gegen Belgien. 1500 Tickets sind für Samstag bereits verkauft. Grasl hätte aber auch nichts gegen eine gute Multifunktionsarena in Wien – die Errichtungskosten des temporären Stadions für diesen Davis Cup verschlingen alleine einen sechsstelligen Betrag.
Äußerst positiv sieht er die erneute Steigerung der Spiele der Mannschaftsmeisterschaften. „Wir hatten in Summe 193.000 Begegnungen, 12.800 teilnehmende Mannschaften und 65.000 Spielerinnen und Spieler. Der Bereich der Mannschaften wächst seit 2022 stetig, wir wollen diesen Trend fortsetzen und hoffentlich die Schallmauer von 200.000 knacken“, sagt Grasl, der auch ein Hitzekonzept („Ich hab‘s im Juni gerade so überlebt“) einführen möchte. Kürzlich besuchte er das bayrische Tennis-Leistungszentrum in Oberhaching und spricht von „sehr guten Rahmenbedingungen. Darauf können die Verantwortlichen stolz sein. Es ist aber auch nicht alles Gold, was glänzt, denn so viele Spieler haben auch die Bayern zuletzt nicht herausgebracht. Wir waren direkt nach meiner Wahl zum Präsidenten bei Sportstaatssekretärin Michaela Schmidt und hoffen trotz aller Budgetnöte, dass wir die Möglichkeit bekommen, das eine oder andere in der Südstadt zu erneuern. Die Signale sind nicht so schlecht.“
„Tennis ist die beste Lebensschule“
Der geplante Einschnitt der ATP bei Doppelbewerben stößt im ÖTV auf Unverständnis. Dementsprechend wurde eine zweiseitige Beschwerde an die ATP gesandt. „Wir werden auch mit benachbarten Ländern Kontakt aufnehmen. Denn in einer Zeit, in der der Tennissport die Möglichkeiten für Profisportler erweitern und alle Disziplinen des Sports stärken sollte, geht die Verringerung der Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten für eine ganze Gruppe von Spielern genau in die entgegengesetzte Richtung. Der Profi-Tennissport sollte Karrierewege schaffen, nicht beseitigen.“
Eine seiner Ideen betrifft die aktuelle Namensgebung der Bewerbe. Beispiel: Wer mit 35 Jahren noch mitten im Berufsleben und oft auch sportlich auf dem Höhepunkt steht, solle nicht als „Senior“ bezeichnet werden, das passe nicht in die Zeit. „Classics“, „Masters“, „Champions-Circuit“ oder „Legends“ wären für die unterschiedlichen Altersklassen mögliche Alternativen. Und schließlich sei Tennis für ihn „die beste Lebensschule: Es ist alles dabei, Siege und Niederlagen – und du stehst eben allein am Platz.“
Was lässt sich Richard Grasl für das 125-jährige Verbandsjubiläum im Jahr 2027 einfallen? Eines verriet er bereits: „Neben einer Großveranstaltung, die wir planen, wird es diverse Aktionen in Kindergärten und Schulen geben. Die Kinder und Jugendlichen sollen wieder mehr weg von den Handys und Playstations.“