Dr. Jekyll oder Mr. Hyde? Als ÖTV-Sportdirektor Jürgen Melzer Joel Schwärzler einst mit der berühmten Romanfigur verglich, tat er das mit einem Schmunzeln. Gemeint war die Vielschichtigkeit eines Ausnahmetalents, das längst als Österreichs größte Hoffnung im Herrentennis gilt. Wie sehr sich der Linkshänder in den vergangenen Monaten verändert hat, erlebt sein Trainer Markus Hipfl Tag für Tag. „Auf eine gewisse Art trifft der Vergleich schon zu“, sagt Hipfl. „Genau diese zwei Seiten machen ihn auf dem Platz so gefährlich. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Joel in den vergangenen Monaten enorm gereift ist.“
Seit knapp einem Jahr arbeitet die aktuelle Nummer 171 der Weltrangliste in Hipfls Tennisbase am Lärchenhof. Rund um den ehemaligen Davis-Cup-Spieler ist ein eingespieltes Team entstanden: Ex-Profi Philipp Kohlschreiber bringt seine Erfahrung ein, Patrick Koller ist für die Athletik verantwortlich, Sebastian Beutel begleitet den Vorarlberger unter anderem als Touringcoach und im Kufsteiner „Physiowerk“ wird der Youngster engmaschig betreut. Die Aufgabe ist klar umrissen: Aus außergewöhnlichem Talent soll konstante Spitzenleistung werden. „Wir arbeiten daran, dass das Bild klarer wird und Joel seine Möglichkeiten regelmäßiger auf den Platz bringt. Wir sind noch lange nicht am Ende. Er befindet sich mitten im Übergang vom Teenager zum Erwachsenen.“
Fortschritte erkennt Hipfl vor allem beim Aufschlag. Gleichzeitig habe der zwischenzeitliche leichte Rückfall im Ranking Spuren hinterlassen. „Er ist vorsichtiger geworden und hat dabei ein Stück weit sein offensives Spiel verloren. Jetzt geht es darum, wieder Vertrauen in die eigenen Stärken zu entwickeln und die Energie konsequent in den Ball zu bringen. An dieser positiven Grundhaltung arbeiten wir derzeit am intensivsten.“
„Hochleistungssport ist nicht immer ein Zuckerschlecken“
Wer mit dem Oberösterreicher arbeitet, weiß, dass der 47-Jährige, der seine aktive Karriere ziemlich früh beenden musste, hohe Maßstäbe anlegt. „Ich bin extrem fordernd und verlange viel. Mir ist wichtig, dass der Spieler versteht, warum er etwas macht.“ Hochleistungssport, sagt er, sei eben „nicht immer ein Zuckerschlecken“. Disziplin, Konsequenz und Ernsthaftigkeit seien unverzichtbar – ohne dabei den Spaß aus den Augen zu verlieren.
Dass Schwärzler das Potenzial für die Weltspitze besitzt, daran zweifelt kaum jemand. Als Junior war er Europas U16-Champion, Nummer eins der Jugendweltrangliste und gewann zahlreiche ITF-Turniere. Lediglich ein Junioren-Grand-Slam-Titel im Einzel blieb ihm verwehrt. Der 20-Jährige bringt alles mit, was modernes Tennis verlangt: eine schnelle Hand, ausgeprägtes Spielverständnis, Mut zum Angriff und den Drang, ans Netz vorzurücken. Geboren wurde Schwärzler in Johannesburg, ehe seine Familie im Alter von sieben Jahren nach Österreich übersiedelte.
Er ist manchmal der eigene härteste Gegner
Abseits des Tennisplatzes zeigt sich ein anderer Joel Schwärzler. Er spielt leidenschaftlich Golf und Padel, versucht sich immer wieder am Formel-1-Simulator und gibt mit einem Augenzwinkern zu, gelegentlich mehr zu shoppen, als gut wäre. Auf dem Platz hingegen ist er Perfektionist – detailverliebt, selbstkritisch und manchmal der eigene härteste Gegner – und er gibt sich mit halben Lösungen nicht zufrieden. „Ich bin sicher kein guter Verlierer“, sagt er offen. Vielleicht ist genau dieser innere Zwiespalt Fluch und Antrieb zugleich – und erklärt, warum der Vergleich mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde auch heute noch ein Stück weit passt.
Und sportlich? Der Red-Bull-Athlet, der in Kitzbühel mit einer Wildcard ausgestattet wurde, trifft am Montag zum Auftakt (3. Partie nach 11 Uhr) auf seinen Landsmann Jurij Rodionov, der sich durch die Qualifikation kämpfte. Neben dem Duo ist aus heimischer Sicht auch noch Lukas Neumayer im Einsatz (2. Partie nach 11 Uhr) – er bekommt es mit der deutschen Aufschlagkanone Yannick Hanfmann zu tun.