Kerstins Hoffnung hat ein Ablaufdatum. Eine Woche. Wenn sie bis dahin keinen Betreuungsplatz für ihre Dreieinhalbjährige gefunden hat, muss sie ihren Job kündigen. „Ich weiß nicht, wie wir über den Sommer kommen können, wenn sich nicht ein Wunder auftut“, sagt sie. Kerstin heißt eigentlich anders. Ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, ihre Geschichte schon. Die alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Ein Platz im Sommerkindergarten in Kapfenberg blieb der 32-Jährigen verwehrt, weil sie mit Ende der Anmeldefrist im April noch arbeitslos gemeldet war. Den Job im Einzelhandel, den sie seit einem Monat hat, muss sie aber nun vielleicht schon bald wieder aufgeben, weil niemand da ist, der ihr Kind betreut.

Die gute Nachricht ist: Die Betreuungsquoten in der Steiermark verbessern sich beinahe Jahr für Jahr. Die schlechte Nachricht ist: Es geht zu langsam. „Es tut sich etwas, aber es ist noch Luft nach oben", sagt Bernadette Pöcheim, die Leiterin der Abteilung Frau, Beruf & Familie in der Arbeiterkammer Steiermark. Der Fall von Kerstin ist kein Einzelfall. Die Steiermark hinkt beim Angebot für Kinderbetreuung hinterher. Das zeigen auch Zahlen des Kinderbetreuungsatlas der Arbeiterkammer: 22,9 Prozent der steirischen Kinder bis drei Jahre werden hierzulande aktuell betreut, österreichweit liegt der Durchschnitt bei 35 Prozent. Bei Kindern ab drei Jahren liegt die Betreuungsquote in der Steiermark bei 88 Prozent, der Bundeswert bei 94 Prozent. Zehn steirische Gemeinden hätten laut AK überhaupt keine Betreuungsplätze für unter Dreijährige.

Die letzte Hoffnung

Kerstin sagt: „Ich will nicht von Sozialunterstützung leben, ich will arbeiten und mein Geld verdienen, aber das kann ich nur, wenn ich eine Kinderbetreuung habe." Schon im vergangenen Monat sei die Betreuungsfrage immer wieder eine Herausforderung gewesen. Der Kindergarten in Kapfenberg schließt jeden Tag um 13 Uhr, öffnet um 7 Uhr. Für Kerstin war das jedes Mal ein Wettlauf mit der Zeit. Vollzeit arbeiten wäre sich nie ausgegangen, jetzt im Sommer wird arbeiten generell zur Herausforderung. Der Kindergarten schließt für zwei Monate. Ihr Ex-Mann könnte das Kind maximal am Samstag betreuen. Kerstins letzter Strohhalm: Ihr Arbeitgeber geht auf den Vorschlag ein, dass sie für zwei Monate auf acht Stunden reduziert. „Ich habe diese Woche Urlaub, danach wird es sich zeigen, ob ich arbeiten kann“, sagt sie. Kerstin klingt verzweifelt.

Dabei ist Kerstin nicht die einzige Frau, die sich fragt: Wohin mit den Kindern? Auch Mercedes Tandl geht es so. Für ihre beiden Kinder – ein und zwei Jahre alt – hat sie keinen Betreuungsplatz in Graz erhalten, obwohl ihr Mann Vollzeit und sie nach der Karenz Teilzeit arbeitet. Das ist jetzt anders. „Ich habe meinen Job als Security-Mitarbeiterin kündigen müssen, es wäre sich sonst einfach nicht mehr ausgegangen", erzählt sie. Eigentlich werden berufstätige Familien bei der Vergabe von Betreuungsplätzen bevorzugt. Eine Garantie gibt es trotzdem nicht. Mit Stand 8. Juli hat man 699 Kinder an ihren Wunscheinrichtungen in der Steiermark abgelehnt, 2129 sind für September auf der Warteliste, 16.031 haben unterdessen eine Zusage. 473 Plätze waren laut Kinderportal noch unbesetzt. Diese Werte ändern sich täglich.

Steiermark bei Kinderbetreuung mit Aufholbedarf

Während Kerstin noch an ihrem Job hängt, hofft sie, dass sie ein Fenster auftut, orientiert sich Tandl um. Die 26-Jährige will eine Ausbildung zur Tagesmutter machen. Sie will ihre eigene Lösung und die vieler anderer Mütter sein. „Dann kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – meine Kinder betreuen, andere auch und Geld verdienen", sagt Tandl. Ziemlich pragmatisch. Dass der Plan aufgeht, hängt aber noch an einer Variable. „Ich hoffe, dass das AMS einen Teil der Ausbildungskosten übernimmt", sagt sie.

Österreich ist im internationalen Vergleich Nachzügler. In Deutschland haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag des Kindes. Pöcheim zitiert aus einem Gespräch mit einer französischen Kollegin: „Sie hat mich gefragt, warum sich österreichische Familien das gefallen lassen." Für Kerstin gibt es keine andere Option. Noch hat sie Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet, noch hat sie einen Job. Die Frage ist: Wie lange noch?