Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Lange Zeit war die „Ehe“ zwischen Jorge Martin, der nach seiner Weltmeistersaison 2024 im Vorjahr zu Aprilia gewechselt war, alles andere als einfach. Schon im ersten Test nach dem Umstieg verletzte sich der Spanier, danach begann hinter den Kulissen ein veritabler Vertragsstreit. Verletzungen, Streitigkeiten, erst im Juli des Vorjahres entspannte sich die Situation. In diesem Jahr aber ist der 28-Jährige in alter Stärke zurück und unterstrich das beim Grand Prix von Frankreich in Le Mans: Einen Tag nach dem Sieg im Sprint holte sich Martin auch den Sieg im Großen Preis – sein erster Sieg nach unglaublichen 588 Tagen.
Für Aprilia wurde der Tag überhaupt zum Feiertag: Denn Martin, der sich kurz vor Schluss an seinem Teamkollegen Marco Bezzecchi vorbeigezwängt hatte, und der weiter WM-Führende Bezzecchi fuhren wie Ai Ogura auf der dritten Aprilia aufs Podest – ein Erfolg, wie ihn die kleine italienische Marke noch nie erlebt hat. Den im Vorjahr so dominanten Ducatis blieb so aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Weltmeister Marc Marquez, der sich am Samstag bei einem bösen Abflug einen Bruch des Mittelfußknochens zugezogen hatte, und des Sturzes von Pecco Bagnaia nur Rang vier durch Fabio di Giannantonio, der kurz vor Schluss noch an KTM-Nummer-eins Pedro Acosta vorbeigegangen war. Auch Marc Marquez‘ Bruder Alex, zuletzt in Jerez noch siegreich, schied nach Sturz aus.
Auch in der WM sind die schwarzen Renner von Aprilia damit dominant an der Spitze: Martin kam Bezzecchi (128 Punkte) bis auf einen Zähler nahe, Di Giannantonio ist vor Acosta neuer Dritter der WM-Wertung, hat aber ebenso nur ein Pünktchen Vorsprung auf den Spanier auf dem Geschoss aus Mattighofen. Und Marquez, der auch noch das Rennen in der kommenden Woche in Barcelona auslassen wird müssen, findet sich aktuell nur auf dem siebenten Rang der WM-Wertung wieder.
Martin war jedenfalls überwältigt von den Emotionen. „Ich kann allen nur danken, die diese harte Zeit mit mir durchgemacht haben: meiner Familie, meinem Team und auch meinem Hund“, meinte er und fand kaum Worte, um das auszudrücken, was in ihm wühlte. Es wird ihm viel durch den Kopf gegangen sein, die Stürze, die Verletzungen, der Streit mit Aprilia, in dem er im Juli eingesehen hatte, dass der Vertrag für 2026 sehr wohl gültig sei. Dann aber erkannte auch Martin das Potenzial des Motorrades, „ich bin ja nicht dumm“. Und nun hat er bewiesen, dass er in fittem Zustand mehr als wettbewerbsfähig ist – Martin ist auf einmal mit Teamkollege Bezzecchi der große WM-Favorit.
Und KTM? Muss sich weiter voll auf Acosta verlassen. Brad Binder stürzte diesmal, Enea Bastianini fuhr in Le Mans auf Rang sieben.