Michael Loderer ist 64 Jahre alt und hat in seinem Beruf mit den verschiedensten Menschen zu tun. Mal wird er als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Juwelen, Edelmetalle und Edelsteine von Gerichten oder Notaren bestellt, um unabhängige und objektive Gutachten über Echtheit, Qualität und Wert von Schmuck und Steinen zu erstellen, andere Male kontaktieren ihn Privatpersonen.

Eine, die sich bei Michael Loderer gemeldet hat, ist eine pensionierte Kärntnerin, die anonym bleiben möchte. Der Kleinen Zeitung gegenüber erzählt sie jedoch ihre Geschichte, um genauso wie Loderer selbst, andere zu warnen. Denn laut dem Spezialisten nehmen im deutschsprachigen Raum seit Jahren Fälle zu, in denen Urlauberinnen und Urlauber aus dem Balkan und dem östlichen Mittelmeerraum Gold und Edelsteine kaufen und erst zu Hause merken, dass sie dafür überhöhte Preise bezahlt haben.

Unter Druck im Juweliergeschäft

Im Fall der Kärntnerin kam es während eines organisierten Ausflugs zum Kauf. Die Pensionistin wurde mit einer Reisegruppe in ein großes Juweliergeschäft gebracht, wo Schmuck und Edelsteine als Wertanlage präsentiert wurden. „So viel Schmuck habe ich noch nie gesehen“, erzählt sie. Als sie sich für einen Stein interessierte, reagierten die Verkäufer sofort. In einem abgeschotteten Raum sei der Druck deutlich gestiegen, zusätzliche Rabatte wurden in Aussicht gestellt. „Am Ende habe ich mich überreden lassen.“ Sie kaufte zwei Tansanite.

Noch im Urlaub kamen ihr Zweifel: „Ich habe drei Nächte nicht geschlafen, weil ich mich so geärgert habe.“ Laut Verkäufern sollten die Steine rund 12.000 Euro wert sein, doch Sachverständiger Michael Loderer schätzte sie später auf maximal 7000 bis 8000 Euro. Heute will sie andere warnen: „Die Steine sind oft echt und haben auch eine gewisse Qualität – aber nicht zu diesem Preis.“ Ihr Rat: sich vorab informieren und sich nicht zu spontanen Käufen drängen lassen.

Loderer kann die Vorgehensweise der Verkäuferinnen und Verkäufer auch aus Erzählungen seiner zahlreichen Kunden bestätigen. Allein im heurigen Jahr wurde er bereits fünf Mal beauftragt, Steine und Gold aus dem Ausland zu prüfen, immer mit demselben Ergebnis: Die Ware ist zwar echt, aber weit weniger wertvoll, als den Kunden vorgemacht wurde. „Es ist immer derselbe Schmäh“, sagt er.

Druckmittel und rechtliche Fallen

Oft, so Loderer, würden die perfekt geschulten und deutschsprachigen Verkaufsprofis sogar aggressiv werden, wenn der Verkauf nicht so laufe, wie erwünscht. Im nächsten Schritt wird eine Anzahlung vereinbart, die sofort zu leisten ist. Der Rest solle von zuhause aus überwiesen werden. Wenn die Urlauber zurück im Hotel dann doch ein schlechtes Gefühl bekommen, ist es für eine Rückgabe meist zu spät: „Der vorgegebene Reiseplan lässt es meist nicht zu, nochmal zu der Fabrik zu fahren“, weiß Loderer aus Erfahrung.

Auch die Steine der betroffenen Kärntnerin wurden von Loderer geprüft
Auch die Steine der betroffenen Kärntnerin wurden von Loderer geprüft © Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung

Hinzu kommt, dass das Einführen von Edelmetallen und Edelsteinen ein Vergehen ist, wenn die Einfuhr bei der Einreise nach Österreich nicht sachgemäß beim Zoll angemeldet wird: „Etwas, das die Verkäufer im Ausland oft ausnutzen“, so Loderer, „sie drohen den Kundinnen und Kunden nämlich damit, sie anzuzeigen, wenn sie den Restbetrag nicht bezahlen.“

Darum appelliert Loderer an Urlauber, die Reisen in den östlichen Mittelmeerraum oder in den Balkan planen, entweder gar nicht an solchen Ausflügen teilzunehmen oder sich ganz klar zu äußern, nichts kaufen zu wollen. Das erfordere ein gewisses Maß an mentaler Stärke, dennoch sollte man ruhig darauf hinweisen, kein Geld für die teuren Urlaubssouvenirs ausgeben zu wollen oder eine Nacht darüber schlafen zu wollen.

Was Betroffene tun können

Wer wie die Kärntnerin dennoch zum Kauf überredet wurde, kann sich genauso wie sie nach der Rückkehr aus dem Urlaub an einen Sachverständigen wie Loderer wenden. Gemeinsam mit seiner Kollegin Karin Schlager und Peter Sailer werden Gutachten in ganz Österreich erstellt. Loderer konnte allein in diesem Jahr schon mehreren Personen helfen. Eine Rückabwicklung des Kaufs läuft dann so ab: Der Gutachter bekommt die Ware, die Kundin oder der Kunde muss eine Selbstanzeige beim österreichischen Zoll machen, weil Loderer das Objekt mit seiner Bewertung legitimiert. Davor müsse aber niemand Angst haben, die Einfuhr wird nicht bestraft, man muss lediglich die Steuer aus dem vom Gutachter ermittelten Betrag bezahlen. Nachdem Loderer die Ware geschätzt hat - „der Wert stimmt nie mit dem geforderten Betrag überein“ - hilft den Geschädigten ein Anwalt oder auch der Konsumentenschutz, um zu viel bezahltes Geld wieder zurückzubekommen.

Lohnen würde sich das trotz Kosten für Gutachten und Rechtsbeistand immer, so Loderer: „Am Ende bleibt immer mehr übrig, als man für die Steine oder das Gold zahlen sollte“, und erinnert sich an einen Kunden der für ein Collier, einen Ring, Ohrstecker und einen Armreif insgesamt 70.000 Euro bezahlen sollte. Wert war das Set jedoch „nur“ 25.000 Euro, auch hier konnte Loderer mit seinem Gutachten helfen.

Seine beeindruckende Expertise nimmt der 64-jährige Villacher aus seiner jahrelangen Erfahrung und ständiger Weiterbildung, wie er selbst sagt. Seit 35 Jahren ist er Goldschmiedmeister, seit 2008 gerichtlich beeideter Sachverständiger für Juwelen, Edelmetalle und Edelsteine. Er ist seit mehr als drei Jahrzehnten Mitglied der Meisterprüfungskommission und war unter anderem als Emailleur und Designer beim Unternehmen Fabergé tätig, das für die Herstellung der luxuriösen Fabergé-Eier weltberühmt ist.