Sie hat das Arbeiten quasi in die Wiege gelegt bekommen: Helena Steiner ist am 1. Mai geboren, dem Tag der Arbeit. Das Datum könnte nicht passender sein: Denn sie ist gelernte Maurerin, genauer gesagt Hochbauerin. Und schon bald wird sie maturierte Maurerin sein – die erste Maurerin mit Matura des Bauunternehmens Porr in Kärnten.
„Zusammenhalt auf der Baustelle“
„Ich habe mich vor vier Jahren für eine Lehre mit Matura entschieden“, erzählt Helena Steiner, die am 1. Mai 20 Jahre alt wird. „Seit September bin ich ausgelernt und im Juli habe ich meine letzte Matura-Prüfung.“
Mehr als 200 Lehrlinge gibt es in der Hochbau-Tiefbau-Betonbau-Branche in Kärnten, und nur drei davon sind weiblich. Steiner ist eine von ihnen. Sie arbeitet in einer absoluten Männerdomäne. Solche Sätze lassen sie aber völlig kalt. „Ich mag das Familiäre und den Zusammenhalt hier auf der Baustelle. Die Arbeitskollegen sind total nett. Ich wurde super aufgenommen", sagt sie voller Leichtigkeit, zupft ihren Haarzopf zurecht und setzt sich den Bauhelm auf: „Helenchen“ steht drauf geschrieben. Rundherum wird gehämmert, gebohrt, werden Kräne ausgefahren und Betonplatten hochgehoben.
Seit einem Jahr arbeitet Helena Steiner auf der größten Baustelle Klagenfurts – ganz in der Nähe des Flughafens. Auf einer Grundfläche von 80.000 Quadratmetern entsteht hier die neue Justizanstalt der Landeshauptstadt; 25.000 Quadratmeter werden verbaut. In der Höchstphase waren 150 Arbeiter hier – „98 Prozent Männer“ – wie Polier Klaus Marktl sagt. Und mittendrin Helena Steiner, die junge Maurerin aus Heiligengeist bei Villach. „Sie hat den Großteil der Vermessungsarbeiten gemacht. Selbstverständlich wird sie respektiert“, stellt der Polier klar. Auf der Baustelle herrsche das Motto: „Leg Dich nicht mit Heli an!“ Helena Steiner alias „Heli“ muss herzlich lachen, als sie das hört. Dann schwingt sie ihren Werkzeugkoffer über die Schulter und sagt: „Das ist meine Handtasche.“
Schon immer wollte sie etwas Handwerkliches lernen. „Stillsitzen ist für mich schlimm.“ Mit 15 hat sie dann die HTL besucht und ein Praktikum auf einer Baustelle gemacht. Am Ende der Woche wurde sie gefragt, ob sie eine Lehre als Hochbauerin machen will. „Erst habe ich den Papa gefragt, was er davon hält, und der hat mich voll unterstützt.“ Dann habe sie ihre Mutter gefragt: „Mama, glaubst schaffe ich das?“ Die Antwort war: „Ja Heli, wenn du das magst, dann schaffst Du das sicher.“ Und Mütter haben bekanntlich immer Recht. Helena Steiner blüht regelrecht auf, wenn sie von ihrem Beruf erzählt: „Mir taugt die Arbeit. Ich mag am liebsten mauern. Aber grundsätzlich lernt man in meinem Job das Bauen von Grund auf – vom Keller bis zum Dach", schildert die 20-Jährige.
Zusätzlich zu ihrer Vollzeitarbeit besuchte sie zehn Wochen pro Jahr die Berufsschule, und einmal in der Woche den Unterricht für die Matura. „Da muss man an einem einzigen Tag richtig viel Stoff bewältigen, am besten ist, man lernt immer gleich mit.“
Klingt wohl einfacher als es ist. Genauso wie das Leben auf einer Großbaustelle, das knallhart sein kann: Besonders der vergangene Winter war eine Herausforderung: „Die Arbeiter mussten bei Schnee und Kälte unter extrem anstrengenden Bedingungen arbeiten”, wurde bei der offiziellen Gleichenfeier der Justizanstalt immer wieder betont. Steiner sagt dazu nur: „Ja, die Kälte ist schon zach, die Hitze ist mir lieber.” Die riesige Baustelle in Klagenfurt sei aber eine großartige Erfahrung – „weil man hier nicht nur mit seiner eigenen Partie zusammenarbeitet, sondern auch mit anderen Leuten aus allen möglichen Bereichen. Einmal war sogar eine Installateurin da.” Also war die Hochbauerin nicht immer die einzige Frau.
Steiner ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, und zwar als mittlere von drei Schwestern. Daheim hat es niemanden überrascht, als sie Maurerin lernen wollte. „Ich habe ja schon als Kind Lager im Wald gebaut.“ Und jetzt? Ist sie Hochbauerin und wird bald die Zentralmatura in der Tasche haben. Aber vorher feiert sie noch Geburtstag: Pünktlich wie die Maurerin, am 1. Mai, dem Tag der Arbeit.