Brav sein, still sitzen, der Musik lauschen: Schon als Kinder lernen wir, wie man sich in Konzerten zu verhalten hat. Mit diesen uralten Konventionen will ein Forschungsprojekt der Kunstuni Graz jetzt aber brechen. „Wir möchten erforschen, wie das Publikum Musik, die nicht zum Tanzen gedacht ist, anders erleben und wahrnehmen kann“, sagt Kendra Stepputat. Die Musikethnologin plant ein Konzert, wie es Graz noch nie gesehen hat.
Statt schnurgerade aufgestellter Sesselreihen wird es im György-Ligeti-Saal des MUMUTH Yogamatten, Hollywood-Schaukeln und einen freien Tanzraum für Bewegung geben. Die Musik dazu steuert ein symphonisches Blasorchester bei, das seine Stücke „für ein Publikum aufführt, das sich nicht nur bewegen darf, sondern auch soll“, wie es Stepputat sich wünscht.
Zu hören werden allerdings keine Disco-Hits sein, sondern eine Uraufführung von Neuer Musik samt buntem Mix quer durch das 20. Jahrhundert, der sonst nicht für Tanzveranstaltungen in Frage käme.
Profitänzerin möchte Füße nicht stillhalten
„Die Idee zu diesem Projekt hat die Tanzdozentin Aurelia Staub-Latzer aufgebracht. Als professionelle Tänzerin hat es sie immer gestört, bei Konzerten stillsitzen zu müssen. Wir öffnen daher den Konzertraum nun für ein Publikum, das aktiv am Musikgeschehen teilhaben will“, sagt Stepputat, die den Zusammenhang von Klang und Bewegung als zentralen Forschungsbereich ausgewählt hat.
Nach dem Konzert wird sie gemeinsam mit Studierenden allen Beteiligten auf den Zahn fühlen: Wie ist das Publikum mit der neuen Konzertumgebung zurechtgekommen? Was haben die Musikerinnen und Musiker dabei erlebt? Die Auswertung dieser Interviews will Stepputat in einer eigenen Publikation zusammenfassen.
Abgesehen vom akademischen Interesse hat das Forschungsprojekt auch handfeste praktische Absichten. „Das klassische Konzertformat kämpft seit Langem mit dem Problem, ein junges Publikum anzusprechen. Wir hoffen mit unserem neuen Zugang Menschen anzulocken, die sonst nicht in einem Konzertsaal anzutreffen wären“, sagt Stepputat.
Für ihr Experiment konnte sie auch Beomseok Yi und Claire Levacher gewinnen, die beim Konzert das Symphonische Blasorchester der Kunstuni leiten werden. Der Dirigent und die Dirigentin seien begeistert von der Idee, die Strenge des klassischen Konzertsaals aufzuweichen und ein völlig neues Aufführungskonzept auszuprobieren.
Zur Lockerung des ansonsten stark reglementierten Konzertrahmens wird auch die Aufhebung des Dress-Codes beitragen. „Während sonst Abendgarderobe erwünscht ist, machen wir keine Vorgaben, wie sich das Publikum anzuziehen hat, es ist eine Veranstaltung bewusst ohne Kleidungsvorschriften“, sagt Stepputat.
Gewisser Grad an Etikette dennoch gefragt
Ein gewisser Grad an Etikette wird aber dennoch vorgegeben, schließlich ist das offene Konzertformat sowohl für Publikum als auch Akteure Neuland. Deshalb arbeitet das Organisationsteam an Verhaltensregeln, die für einen sicheren Ablauf des Abends sorgen sollen. „Die Musikerinnen und Musiker werden sich in der Mitte des Konzertsaals befinden, da wäre es nicht zuträglich, wenn das tanzende Publikum plötzlich mit der Tuba kollidiert.
Wir müssen einen gewissen Rahmen abstecken, weil wir die Rituale eines solchen Formats noch nicht abschätzen können“, so die Forscherin. Geregelt wird auch sein, dass gegenseitiges Berühren innerhalb des Publikums nur unter beidseitigem Einverständnis erlaubt ist.
Bewegung und Tanz sind aber ausdrücklich erwünscht. Zu diesem Zweck hat das Organisationsteam auch für „Eintänzer“ im Publikum gesorgt: „Wie bei jeder Party braucht es auch hier Menschen, die das Eis brechen und als erste mit dem Tanzen beginnen. Wir gehen davon aus, dass sie andere mitreißen werden“, sagt Stepputat. Einen ständigen Zwang zum Aktivsein möchte sie dennoch nicht auferlegen – man darf sich auch auf den Boden legen, um die Musik in Ruhe zu genießen.