Ich bin frei, aber ich bin auch aller Bürgerrechte beraubt. In meine Heimat und zu meiner Familie zurückkehren kann ich nicht.“: Alexander Jaraschuk ist erleichtert und bedrückt, wütend und traurig zugleich. Im September 2025 wurde er auf Vermittlung von Donald Trumps US-Sondergesandtem für Belarus, John Coale, aus der Hölle der Strafkolonien des autoritär regierten Landes befreit. Im April 2022 war Jaraschuk, Chef des freien belarussischen Gewerkschaftsbundes (BKDP), gemeinsam mit dessen gesamter Führung festgenommen und zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Ohne Papiere deportiert

„Sie haben mich ohne Papiere freigelassen und umgehend ins Ausland deportiert.“, erzählt der 74-Jährige, der jetzt im Exil in Deutschland lebt und dort bei „Salidarnast“, einer Organisation der belarussischen Exil-Gewerkschaften, für die Freilassung weiterer Gefangener kämpft. Auch seine Pension wurde gestrichen, weil er angeblich Verbrechen gegen den Staat verübt habe. Zugleich sei seine offiziell als „Begnadigung“ bezeichnete Freilassung nur wenige Wochen, bevor seine Haft ohnehin abgelaufen wäre, erfolgt. Vor wenigen Tagen besuchte er auf Einladung des ÖGB, der sich für ihn eingesetzt hatte, Wien, um für mehr westlichen Druck zu werben, um weitere politische Gefangene in Belarus freizubekommen.  

ÖGB/Roland de Roo

„Das Regime hat größte Angst vor Menschen, die sich für freie Wahlen und die Rechte der arbeitenden Bevölkerung einsetzen“, sagt Jaraschuk. Angst sei das vorherrschende Prinzip der Herrschaft des belarussischen Staatschefs Alexander Lukaschenko. Im August 2020 sah sich dieser landesweiten, massiven und friedlichen Protesten der Bevölkerung gegenüber; mit einem weiblichen Führungstrio unter Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo forderten Hunderttausende faire Wahlen. Lukaschenko gelang es mit Hilfe Moskaus den Aufstand auf brutalste Weise niederzuschlagen. „Das Regime weiß, dass es das Vertrauen verloren hat und befindet sich in Wahrheit in Agonie. Es weiß, dass das Volk keinen Usurpator will. Deshalb setzt es auf Repression, Repression, Repression“, sagt Jaraschuk. Gerade der Krieg Russlands in der Ukraine, bei dem Putin Belarus als Aufmarschgebiet verwenden konnte, habe Lukaschenkos Verbleib an der Macht gesichert.

Gerade der Krieg Russlands in der Ukraine, bei dem Putin Belarus als Aufmarschgebiet verwenden konnte, habe Lukaschenkos Verbleib an der Macht gesichert. 
Gerade der Krieg Russlands in der Ukraine, bei dem Putin Belarus als Aufmarschgebiet verwenden konnte, habe Lukaschenkos Verbleib an der Macht gesichert.  © Imago

Inhaftiert wurde Jaraschuk für seine Teilnahme an den – friedlichen – Protesten und weil er als Gewerkschaftschef zu Streiks aufgerufen hatte, um demokratische Spielregeln einzufordern. In der Lagerhaft ging er durch schlimmste Qualen. Das Gulag-System der Sowjetunion sei in Belarus nicht wirklich abgeschafft worden. Er habe nach stundenlangen nächtlichen Verhören oft nicht gewusst, ob er am nächsten Tag noch am Leben sein würde. Am schlimmsten sei die Zeit in Isolationshaft gewesen. Man sehe niemanden, das einzige Fenster wurde verhängt, sodass kein Tageslicht in die Zelle dringt.

„Eiskammer“ und andere perfide Strafen

Wenn einem ein Regelverstoß vorgeworfen wird – und das könne die Behauptung sein, nicht ordentlich rasiert zu sein – gebe es Strafen wie die „Eiskammer“. Bei großer Kälte müsse man dort auf blankem Boden ausharren. Wenn man, um es auszuhalten, in der Nacht immer wieder aufspringe, um sich durch die Bewegung zu erwärmen, würde einem das wiederum vorgeworfen. Dennoch scheint Alexander Jaraschuk diese Zeit auf ganz bemerkenswerte Weise überstanden zu haben. „Die Haft hat mich nur stärker gemacht“, sagt er. „Zwischendurch wollten sie mich dazu bringen, ein Gnadengesuch zu unterschreiben, mit dem ich Lukaschenkos Herrschaft anerkannt hätte. Ich lehnte ab“, sagt er mit funkelnden Augen. Denn: „Ich wusste, ich kämpfe auf der richtigen Seite. Für die Humanität und für Demokratie. Und das verleiht dem Leben Sinn.“ Auch der Glaube und Gebete hätten ihm geholfen, durchzuhalten.

USA brauchen belarussischen Dünger

Trump ist er dankbar dafür, dass seine Regierung Freilassungen verhandle,  doch dass sich die USA aus reiner Menschenliebe für die Gefangenen in Belarus einsetzen, glaubt er nicht. Vermittler Coale hatte zuletzt tatsächlich die Freilassung einer ganzen Reihe prominenter politischer Häftlinge – darunter Maria Kolesnikowa und zuletzt der polnische Journalist Andrzej Poczobut – erreicht. Im Gegenzug dafür hatten die USA einige Sanktionen gegen Belarus aufgehoben. „Hier geht es auch darum, dass in Belarus hergestellter und sanktionierter Kali-Dünger, der in den USA benötigt wird, wieder geliefert werden kann“, meint Jaraschuk.

Er hofft, durch internationalen Druck die Freilassung 20 weiterer noch inhaftierter Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter und eine Demokratisierung erreichen zu können: „Ich bitte um Unterstützung, bis sie alle frei sind. Das Regime muss die Auflösung unserer Gewerkschaft und das Recht auf Versammlungsfreiheit wieder herstellen“, fordert Jaraschuk. Davon, dass auch Diktaturen fallen können, ist er überzeugt.