Seit 2024 können Menschen mit Behinderung in der Steiermark in Pension oder Altersteilzeit gehen – so, wie Menschen ohne Behinderung. Finanzielle Leistungen und die gewohnte Wohnsituation bleiben dabei unverändert aufrecht. Damit sind Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung gefordert, Tagesabläufe neu zu denken. Denn eine Unterstützung untertags ist hier eigentlich nicht vorgesehen. Wie das gelingen kann, zeigt zum Beispiel der Wohnverbund Zeltweg von Jugend am Werk Steiermark.

Übergänge gestalten

„Die heutigen Seniorinnen und Senioren haben davor einen großen Teil ihres Lebens in Werkstätten im Rahmen von Arbeit und Beschäftigung verbracht“, erzählt Manuela Korditsch, Teamleiterin des Wohnverbunds Zeltweg. „Jetzt gestalten wir mit ihnen einen neuen Tagesablauf für ihre Pension. Dabei orientieren wir uns an individuellen Bedürfnissen, am Gesundheitszustand sowie an der jeweiligen körperlichen und psychischen Tagesverfassung.“ Das reicht von Spaziergängen über gemeinsame Aktivitäten – „eine Gaude haben“ – bis zu Momenten des einfachen „da seins“.

Einfach eine Gaude haben, gemeinsam Fernsehen, einkaufen oder spazieren gehen: Die Senior*innen im Wohnverbund Zeltweg genießen ihren Ruhestand.
Einfach eine Gaude haben, gemeinsam Fernsehen, einkaufen oder spazieren gehen: Die Senior*innen im Wohnverbund Zeltweg genießen ihren Ruhestand. © Jugend am Werk Steiermark / koco

In der Mimi

Im Wohnverbund Zeltweg leben derzeit 13 Bewohner*innen, davon die Hälfte im Ruhestand. Alle verfügen über ein eigenes Zimmer mit Bad, die Küche wird zusammen genutzt. Einsamkeit im Alter ist hier Fehlanzeige: Wer tagsüber Gemeinschaft sucht, klopft an Tür Nummer 6. „Hier treffen sich die Seniorinnen und Senioren tagsüber, zum Mittagessen, Fernsehen, für Gesellschaftsspiele oder einfach zum Beisammensein“, erzählt Korditsch. Mimi steht für Miteinander im Mittelpunkt. „Je älter Menschen werden, umso eher ist die Gefahr, dass sie vereinsamen. Im Wohnverbund versuchen wir, Gemeinschaft zu leben.“

Den Himmel sehen

Besonders auffallend sind die hell und mit freundlichen Farben gestalteten Räume. Während die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Zimmer individuell einrichten, ist Jugend am Werk verantwortlich für die gemeinschaftlich genutzten Flächen. Barrierefreie Zugänge sind selbstverständlich, ebenso funktionale Möbel wie beispielsweise ein höhenverstellbarer Herd oder ein voll ausgestattetes Pflegebad.

Die Wohnungen in Zeltweg wurden gerade erst frisch bezogen und sind durch und durch barrierefrei – von der Küche bis zum Balkon.
Die Wohnungen in Zeltweg wurden gerade erst frisch bezogen und sind durch und durch barrierefrei – von der Küche bis zum Balkon. © Foto: Jugend am Werk Steiermark / koco

Dabei geht es oft um vermeintliche Details: Manuela Korditsch zeigt auf einen verglasten Ausschnitt in der Balkonbrüstung: „Wer im Rollstuhl sitzt oder viel Zeit im Bett verbringt, kann oft nicht über die Brüstung hinausblicken. Dieses speziell eingebaute Sichtfenster ermöglicht wieder den Blick ins Freie.“ Eine gute Aussicht stand auf der Wunschliste eines Bewohners ganz oben. Er wollte so hoch wie möglich wohnen, denn: „Von hier aus kann ich den Himmel sehen.“

Neue Lebensphase

Ein besonderes Anliegen von Jugend am Werk ist es, Menschen mit Behinderung auch im höheren Alter so lange wie möglich in vertrauten Strukturen zu unterstützen. „Grundsätzlich ist unser Zugang: Wir begleiten so lange wie möglich. Das Recht auf Teilhabe kennt keine Altersgrenze“, so Korditsch. Dafür arbeiten sozialpädagogische Begleitung und Pflege eng zusammen. Ein Wechsel in eine stationäre Pflegeeinrichtung erfolgt erst, wenn die Unterstützungsleistung nicht mehr ausreicht.

Alt werden bedeute mehr als körperliche Veränderungen. Es sei ein emotionaler Prozess, der neue Bedürfnisse, Abschiede und Anpassungen mit sich bringe, schließt Korditsch. Um darin gut zu begleiten, brauche es ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit „und die Bereitschaft, immer wieder zu fragen: Was tut diesem Menschen jetzt gut?“