Kritiker sehen im Warten auf den Energieträger Wasserstoff wertvolle Zeit im Kampf gegen die Klimakrise verstreichen. Tatsächlich wird in Österreich aber bereits intensiv an einer Wende Richtung Biogas und Wasserstoff gearbeitet. Die Austrian Gas Grid Management AGGM, die in Österreich für das Funktionieren des Gasmarktes zuständig ist, hat bereits umfangreiche Pläne, wie das Gasnetz ertüchtigt werden kann.

Österreichs Gasleitungen sind schon jetzt grundsätzlich Wasserstoff-tauglich - für Biogas ohnedies, denn es ich chemisch ident mit Erdgas.  Vorrangig müssten Verdichterstationen oder Armaturen nachgerüstet werden. Ein großer Wasserstoff-Speicher mit Namen "H2-Kollektor Ost" könnte im Idealfall bereits 2026 in der Region Burgenland- Niederösterreich in Betrieb gehen. Der Investitionsbedarf dürfte im Bereich eines hohen zweistelligen Millionenbetrages liegen. 

Ohne Gas nicht möglich

Eine Energiewende ohne Gas ist nach Einschätzung von AGGM-Vorstand Michael Woltran völlig unrealistisch, der Ausstieg aus fossilem Erdgas indes mit größten Anstrengungen machbar. "Ohne Gas wird es nicht gehen," sagt er. "Wir werden uns aber nicht den Luxus leisten können, auch nur ein Futzerl Energie aus Erneuerbaren nicht zu nutzen," so Woltran. Studien der Energieagentur zufolge, die das Klimaschutzministerium in Auftrag gegeben hatte, wird der gesamte Gasbedarf 2040 zwischen 89 und 138 Terrawattstunden jährlich liegen, ist also möglicherweise noch deutlich höher als heute.   

Der "H2-Kollektor Ost" ist nur ein Projekt einer umfangreichen Roadmap, die die AGGM in den vergangenen Monaten erarbeitet hat. Dieser Fahrplan wird jetzt bei der E-Control zur Genehmigung eingereicht. "Das hundert Prozent richtige System werden wir beim ersten Schuß nicht treffen", sagt AGGM-Vorstand Bernhard Painz. Der Bedarf an Erneuerbarem Gas sei aber schon jetzt so groß, dass man die Aufrüstung des Netzes schnell vorantreiben müsse. Eine Marktbefragung der Industrie "hat überraschend viele Rückmeldungen hinsichtlich Wasserstoff und Biomethan gebracht", so Painz. "Der Bedarf manifestiert sich bereits ab 2025 und steigt bis 2050 stark an." 

Technische Überholung

Die Ertüchtigung des Gas-Leitungsnetzes könnte vielleicht sogar schneller umsetzbar sein als der ebenfalls dringend notwendige Ausbau vor allem des höherrangigen Stromnetzes. Denn Painz zufolge ist viel mit "Refurbishment", also technischen Überholungen zu schaffen. Die Kosten könnten durchaus in die Milliarden-Richtung gehen. Beim Stromnetz geht es allerdings um zweistellige Milliardenbeträge.

Durch den riesigen Gasspeicher bei Baumgarten in Niederösterreich hat  Österreich heute eine Drehscheiben-Funktion im europäischen Gashandel. Diese Rolle sollte man schnell absichern, so die AGGM-Chefs. Dem "H2 Kollektor Ost" könnte dabei eine Schlüsselrolle in der sogenannten Sektorkopplung zukommen. Weht in der Ostregion mehr Wind, als am Strommarkt nachgefragt wird, könnte zur Speicherung dieser Energie Wasserstoff produziert werden, die Transporttrassen gibt es sowohl für das Gas als auch den Strom - inklusive sieben Umspannwerken und zwei aktuell nicht mehr genutzten Gasspeichern.

Elektrolyse-Großanlage

Zudem könnte laut AGGM mit einem Schlag die doppelte Menge Biogas in das System aufgenommen werden. Die Anbindung an die Raffinerie Schwechat ermöglicht zudem die Produktion nachhaltiger Kraftstoffe etwa Sustainable Aviation Fuel für Flugzeuge.

Bei diesem Projekt gehen Fachleute von Kosten in hoher zweistelliger Millionenhöhe aus. Hinter dem "H2 Kollektor Ost" stehen sämtliche Netzbetreiber der Region, konkret Netz Burgenland, Netz Niederösterreich, Wiener Netze, Gas Connect Austria und die AGGM. Ein Herzstück des Systems wird die geplante Elektrolyse-Großanlage in Zurndorf sein, die Verbund und Burgenland Energie errichten. Die 400 Millionen Euro teure Anlage wird ab 2026 Wasserstoff produzieren, vorerst wird sie 60 Megawatt Leistung haben, im Endausbau 2030 dann 300 Megawatt. In Österreich wird ein Potenzial von etwa sechs Gigawatt Leistung aus Großelektrolysen erwartet.