Stylisch modern, mit imperialem Hauch, atmen die Räume der Rosam&Grünberger Change Communication vis-à-vis der Albertina Erfolg, Zeitgeist, Tradition. Passender Ort für ein Gespräch über Karrieren und Heimweh, Sehnsucht und Leiden einer besonderen Spezies: der Kärntnerinnen und Kärntner in Wien.

Rund 70.000 an der Zahl, machen sie Wien zur zweitgrößten Kärntner Stadt. Erfolgreich und eng vernetzt sind sie eine Wirtschaftsmacht, mit charmanter Mentalität strahlender Teil der High Society. Ab Studentenzeit verbindet sie Sprachklang und Zusammenhalt, vom Kärntner Chor bis zum Club Carinthia. Sie wirken im Familienverband wie Hanno und Erwin Soravia und in Top-Netzwerken von Porr-Chef Karl-Heinz Strauss bis zu Wienerberger-CEO Heimo Scheuch (Seiten 8/9).

Sie setzen als kreative Architekten die Stadt in Szene (Seiten 12/13) sowie Sport- und Kulturakzente wie Hans Schmid (Seite 14) oder Bundestheater-Chef Christian Kircher (Seite 16). Im Stillen bauen sie Immobilien-Imperien auf, wie Stefan Rutter, oder Versicherungsgesellschaften, wie Klaus Koban, investieren global, wie Christian Planegger. Auf dem Grat von Erfolg und Sog der Macht erfährt mancher seine Lehre, wie Karl-Heinz Moser und Herbert Koch als Ex-Hypo-Aufsichtsräte. Sie erklimmen Spitzenjobs in der Medizin wie AKH-Direktor Kurt Wetzlinger oder Medizin-Uni-Rektor Markus Müller.

Aktion für Kärntner in Wien

Und es gibt dank der „Aktion für Kärnten“ eine neue Initiative: „Junge Kärntner in Wien“. Sie stellt sich dem Problem des Kärntner „braindrain“, will den Strom der Talente wenden: „Back to Carinthia“. Wir luden die Initiatoren, die Studenten Philip Kappler und Juliette Glas, sowie Wolfgang Wisek vom Lebensministerium, mit Uniqa/Raiffeisen-Versicherungs-Chef Klaus Pekarek, Immofinanz-CEO Oliver Schumy zum Round Table bei Change-Kommunikaktor Wolfgang Rosam.

Die Kärntner in Wien – eine vernetzte Community, mitleidendes Lebensgefühl oder Mythos?

WOLFGANG ROSAM: Angeblich sind es sogar 80.000. Einmal Kärntner, immer Kärntner. Wir sind alle Expatriates, mit Sehnsucht nach dem Süden, den Bergen und Seen. Und leiden über das, was in Kärnten alles passierte. Jahrzehntelang Ortstafelstreit, das ging uns auf den Hammer, dauernd wurde man angeredet: Was ist los bei euch? Der rote Burgenländer Josef Ostermayer musste kommen, um den Sack zuzumachen. Emotional landet man in Wien sofort im Kärntner Chor. Mit Axel Loisel gründeten wir vor 25 Jahren den Club Carinthia. Zwei Kärntner sind auch in Wien ein Verein.

Manche schreiben täglich den Kurs des ATX an der Börse, warum sind sie so erfolgreich?

OLIVER SCHUMY: Die Kärntner waren immer schon gezwungen, für Karriere das Land zu verlassen, weil es weniger Betriebe gibt. Mein Vater ging als Bauingenieur erfolgreich nach Salzburg und München. Der Kärntner, der seine Heimat verlässt, will in der Ferne immer beweisen, dass er etwas durchsetzen und etwas schaffen kann.

ROSAM: Ich erinnere mich, wenn man nach Wien kam, wurde man ein wenig belächelt: Kommst vom See, lei loß’n und so, aber man ist nicht der toughe Vorarlberger. Wir Kärntner müssen uns mehr anstrengen.

KLAUS PEKAREK: Es gibt das latente Vorurteil, die Kärntner seien braun gebrannt, freizeitorientiert. Und es mag stimmen, dass sie deshalb überkompensiert zeigen wollen, was sie leisten. Die Kärntner Mentalität hat besondere kommunikative Fähigkeiten, eine besondere soziale Intelligenz. Es liegt uns, auf andere zuzugehen, Stimmungen wahrzunehmen. Fähigkeiten, die im modernen Management wichtig sind. Mit Menschen umzugehen, liegt uns. Bei Raiffeisen stehen in der Gruppe zufällig lauter Kärntner an der Spitze: Hans-Christian Vallant in der Bausparkasse, Rainer Schnabl in der Capital Management, Alexander Schmidecker in der Leasing, ich in der Versicherung. Sofort ist man emotional verbunden.

Gibt’s aus der Ferne ein John-F.-Kennedy-Bewusstsein: Was kann ich tun für mein Land, seit es nicht so gut darum stand?

PEKAREK: Ja, es hat sich aufgedrängt. In meiner Studentenzeit in den 70er-Jahren war Kärnten noch uneingeschränkt positiv besetzt. Dazu kam 1976 Franz Klammers Olympiasieg. Wir waren die Heroes. Aber dann hat die Marke gelitten.

ROSAM: Der Tiefpunkt war die Heta, weil die ganze Republik zur Kasse gebeten wurde. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo man uns nicht viel zutraut, was eine Chance ist, richtig Gas zu geben. Es muss in Kärnten ein Neuanfang sein. Dazu wollen wir den Landsleuten positive Signale in den Süden senden.

WOLFGANG WISEK: Für mich war das ein Beweggrund, diese Initiative mit den jungen Kärntnern zu starten. Weil ich das Gefühl hatte, dass wir selbst viel schlechtreden. Stattdessen soll man die positiven Seiten von Kärnten aufzeigen. Die Initiative „Back to Carinthia“ soll Perspektiven für Junge schaffen.

Frau Glas, Herr Kappler, Sie engagieren sich in dieser Initiative, wo Sie sich eigentlich aufs Studium konzentrieren sollten?

JULIETTE GLAS: Meine Mutter wäre entzückt, wenn sie Ihre Worte hörte. Philipp und ich haben aber schon lange den Trieb, genau das Gegenteil von dem zu tun, wozu man uns rät. Wir haben beide eine ausgezeichnete Ausbildung in Kärnten genossen und eine unvergleichliche Lebensqualität kennengelernt. Dafür sind wir extrem dankbar. Wir wussten immer, wenn wir nach Wien gehen, dann muss man das irgendwie wieder zurückgeben. Wir haben unseren großen Kärntner Freundeskreis hier geeint. Wir haben aus unserer Arbeit in der Schülerunion das Auge dafür, in wem die Flamme brennt. Im Verein Junge Kärntner in Wien haben viele Junge extrem viel drauf.

Werden Sie selbst wieder nach Kärnten zurückgehen?

GLAS: Wenn wir hier unsere Hack’n erledigt haben, möchten wir auf jeden Fall zurück nach Kärnten und in unserem Spezialbereich, dort wo’s fehlt, was tun. Ich studiere Internationale Betriebswirtschaftslehre.

PHILIP KAPPLER: Und ich Wirtschaftsrecht auf der WU. Für mich wird es erst später ein Thema werden, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich schon wieder mit 30 in Kärnten landen möchte. In mir brennt aber Unternehmergeist. In der Zeit der Digitalisierung ist es ein geringeres Problem, ob man in Kärnten ein Unternehmen aufmacht. Mit der Bahn rückt Kärnten auch bald näher.

GLAS: In unserem Verein gibt es zwei Typen. Die Leute, deren Eltern einen Betrieb haben, eine Landwirtschaft, Arztpraxis oder Kanzlei, wo die Eltern darauf warten, dass sie zurückkommen. Wir müssen mit unserer Ausbildung andocken, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen passen. Als Frau sind mir aber auch das soziale Netzwerk, die Qualität der Schulen, die Sicherheit wichtig und wenn das passt, kann ich mir vorstellen, dass ich mit meiner ganzen Familie nach Kärnten komme.

KAPPLER: Es gibt leider wenige große Betriebe mit Führungsebenen, wo man sich beweisen kann. Kärntens Stärke ist ein wahnsinnig gutes Bildungssystem. Wir haben exzellente Ausbildung genossen und können uns hier mit allen vergleichen.

Habt ihr das Gefühl, dass das Land, aus dem ihr kommt, seine Arme offen für euch ausbreitet?

GLAS: Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Wenn ich ich es selbst angehe, dann ja. Das Incentive kommt mehr von der Kärntner Community hier, als vom Land selbst. Kärnten ist gerade mit Ellebogenpartien unterwegs, muss sehen, wo das Geld bleibt und die Politik muss schauen, dass alles in geordnete Rahmen kommt. Ich werde nicht darauf warten, dass mich jemand ruft, sondern mache meine eigene Geschichte.

KAPPLER: Man muss in Kärnten vom Blockieren wegkommen und freier im Tun werden. Wichtig ist, dass man Bedingungen schafft, damit Familien nach Kärnten gehen können. Das ist für uns Junge ein ganz großes Thema. Wo bringe ich Kinder in den Kindergarten? Die Basics müssen passen.

ROSAM: Ich sehe für die Rahmenbedingungen zu wenig Kreativität der Politik. Silicon Valley ist in der Wüste entstanden. In Kopenhagen wuchs aus dem Lokal Redzepi das Noma, ein weltberühmtes Lokal nur mit heimischen Produkten. Jeder, der dort je arbeitete, machte sich selbstständig, so entstanden 25 neue Betriebe. Eine Idee kann so viel bewegen. Es gibt ja in Wien auch viele Kärntner in der Kreativszene. Das liegt am Meltingpot der drei Kulturen.

WISEK: Kärnten befindet sich in einer Phase der Selbstfindung, der Stabilisierung, man schafft den Proporz ab. Was man vermisst, ist die klare Vorwärtsstrategie. Zur Marke Kärnten fallen jedem vor allem Landschaft und Seen ein. Es hat viel mehr zu bieten. Man müsste einen Prozess anstoßen, um Kärnten neu zu denken.

ROSAM: Wer? Die Politik, Behörden, die Medien? Es braucht wenigstens eine Persönlichkeit mit Leuten um sich, die eine Vision hat wie Martin Luther King. Das Momentum ist jetzt.

Pekarek: Die große Krise, in der Kärnten steckte, ist die Chance für den Neubeginn, siehe Weinskandal, was neu entstehen kann. Man muss Schwerpunktthemen definieren, wo man sich vornimmt, in fünf bis zehn Jahren exzellent zu sein.

ROSAM: Kärnten könnte vom Bund ganz spezielle Steuersätze für Unternehmen bekommen, um das Land auf die Reihe zu bringen. Dann könnten neue Wirtschaftszweige sagen, gehen wir dorthin. Die Ansage von Landeshauptmann Peter Kaiser, Kärnten zum unternehmerfreundlichsten Bundesland zu machen ist richtig, aber was tut man dazu?

PEKAREK: Ein Konzept wäre Verwaltung als Service bei Verfahrensdauer und mit Beamten als Dienstleistungsmitarbeiter. Wenn man sagt, wir wollen den bürgerfreundlichsten, effizientesten und schnellsten Apparat Europas, spricht sich das herum. Den Unternehmen geht es gar nicht mehr um Förderungen, sondern die wollen rasch durch den Verwaltungswust.

SCHUMY: Die Marke Kärnten war sehr lange mit dem Tourismus verbunden. Ich komme als Seebodner aus einer Tourismusregion, wo man einst an die 700.000 Nächtigungen hatte. Das hat sich gewandelt, hin zu Qualität und Regionalität, was Chancen bietet. Aber nicht mehr der Massentourismus. Die Marke Kärnten hat das aber immer noch transportiert, stand für Tourismus in alter Form. Redet man mit Leitbetrieben wie der Treibacher Industrie AG, dann hört man: Es geht uns ganz gut aber so richtig will man uns nicht. Das Verhältnis zur Wirtschaftspolitik ist in Kärnten historisch schwierig. In der Steiermark hat man sich dazu bekannt: Wir wollen einen Autocluster. Auch Kärnten muss sagen: Wir wollen das! Branchen, Themen kann man definieren. Aber ein Bekenntnis hab’ ich in der Deutlichkeit in Kärnten noch nicht gehört.

KAPPLER: Wir haben das erlebt, als wir 2014 ein Projekt Perspektive 2020 starteten. Für ein unternehmerisches Konzept wollten wie nichts anderes als 15 Quadratmeter Büro mit Internet, das war nicht möglich. In Wien war das ganz einfach.

Wie kann man in Kärnten ökonomischen Aufbruch befeuern?

ROSAM: In Wien gibt es etwa 100 CEOs und Unternehmer aus Kärnten, die für das Land etwas tun, auch Jobs hinbringen. Es fehlt leider das Animo aus dem Land. Die sind noch nie gefragt worden, wie sie etwas beitragen können. Wenn wir hier eine Initiative haben, sollte die Politik in Kärnten das wahrnehmen. Aber das muss mit einem Angebot in eine Aktion kommen.

SCHUMY: Ja, da muss ein Angebot gemacht werden.

KAPPLER: Man vergisst uns, wenn wir weggegangen sind. Im Herzen bleiben wir aber Kärntner und wollen etwas beitragen.

ROSAM: Emotional in der Pension nach Kärnten zu gehen, ist zu wenig. Man soll jetzt nach Kärnten gehen wollen, weil zum Beispiel Gründer drei Jahre gratis wohnen könnten.

PEKAREK: Bürgerfreundlichstes Land Europa zu werden, wäre ein klares Ziel, konsequent über Jahre. Das wäre eine Vision.

WISEK: Dann müssen aber alle an einem Strang ziehen. Das ist auch Ziel unserer Initiative.

Fallen Ihnen gute Beispiele ein, wo Kärnten Europaklasse hat?

ROSAM: Vor 30 Jahren fing das erste F.X.Mayr-Kurhotel an, es folgte das Viva von Hannes Androsch und spricht den englischen Markt an. Man könnte die Region mit dem Wirtschaftszweig Gesundheit zu einem weltweit bekannten F.X.Mayr-Zentrum machen. Das ist intelligenter Tourismus. Kärnten muss Nischen suchen.

PEKAREK: Aus- und Weiterbildung ist für Kärnten ein ganz wesentliches Thema. Wenn man schon am Kulturenschnittpunkt liegt, sind Sprachen wichtig. Da ist die Internationale Schule Velden ein Vorbild.

SCHUMI: Mir gefällt das Beispiel der Firma Hasslacher in Hermagor, die nach einem Brand vom Sägewerk zur hochmodernen Fertigungsanlage für Fenster und Türen von Top-Hotels wurde. Ein Technologiesprung aus der Not heraus.

WISEK: Die derzeit überlegte Öko-Exzellenzregion wäre für Kärnten ein passender USP.

GLAS: Mein Vater arbeitete für Infineon in Malaysien, nun in München, hat sich aber wegen der hohen Lebensqualität bewusst entscheiden, in Kärnten zu leben. Das inspiriert mich, es auch zu tun – wenn die Rahmenbedingungen passen.

Kappel: Meine Vision wäre, dass Kärnten das familien- und jugendfreundlichste Land in Europa wird, wenn nicht auf der ganzen Welt. Meine Kinder sollen in wunderbarer Umgebung, aufwachsen, wo man auch offen für den Apen-Adria-Raum ist.