Als Horst Wild vor über 15 Jahren den Job des Präsidenten des Weinbauverbandes Kärnten übernommen hat, stand er einem kleinen Haufen unverbesserlicher Pioniere vor. Gerade einmal vier Hektar maß die Anbaufläche in Kärnten 2004, vor 18 Jahren. Ein paar Jahre später, 2011, wurde eine erste "Schallmauer" durchbrochen: 100.000 Flaschen Kärntner Wein.

Die Geburtsstunde des modernen Kärntner Weinbaus reicht 50 Jahre zurück, 1972 pflanzte Herbert Gartner in St. Andrä die ersten 800 Rebstöcke. Ein Neubeginn auf historischem Boden. Denn Kärnten hatte Tradition als Weinbauland, vor 1200 Jahren, im Jahr 822, wurde Kärntner Wein (aus der Gegend nahe Mittertrixen) erstmals urkundlich erwähnt. Ende des 19. Jahrhunderts setzte der Mehltau dem Kärntner Weinbau ein vorläufiges Ende.

Heute ist klar: Die Rückkehr des Weinanbaus vor 50 Jahren wirkte als Nukleus einer Bewegung, die Erstaunliches leistet. Rund 200 Weinbauern gibt es in Kärnten, unter ihnen viele kleine. Ab 2,5 bis drei Hektar Anbaufläche sei es möglich, vom Weinanbau auch zu leben, sagt Wild.  In diese Größenordnung fallen laut Wild die beiden Parade-Güter, Taggenbrunn (40 Hektar) und Domäne Lilienberg (15 bis 20 Hektar). Weiters das Weingut Karnburg, das ein weiterer Pionier des Kärntner Weins, Sem Kegley, mit Georg Lexer betreibt.

Wein Weingut Egger Wernberg Sternberg
Weingut Sternberg
© Kleine Zeitung / Weichselbraun

Größe zeigen auch das Trippel-Gut am Maltschacher See (8 Hektar), das Weingut Egger am Sternberg (4,5 Hektar), das Weingut Hudelist (4 Hektar) in Klagenfurt, Vinum Virunum in St. Veit (3,5 Hektar) sowie das Landesweingut Kärnten der Landwirtschaftskammer in St. Andrä mit rund 4,5 Hektar. Dazu kommen noch viele Qualitätsfanatiker mit kleineren Anbauflächen, etwa der Weinhof Vulgo Ritter in St. Paul im Lavanttal, Weinbau Köck in Feldkirchen, das Weingut Maltschnig in Liebenfels oder Burgwein Glanegg der Familie Laßnig.

Die beliebtesten Weißweinsorten in Kärnten sind Sauvignon blanc bzw. die Sortengruppe Burgunder sowie Zweigelt und Pinot Noir. Ein Kärntner Spezifikum ist der hohe Anteil an sogenannten Pilzwiderständigen Sorten (Piwi).

21.500 Reben am Sternberg

Zu den zwei mit reichlich Kapital gesegneten Weingütern auf der einen und den vielen kleinen, leidenschaftlichen Weinbauern auf der anderen Seite gesellen sich immer mehr Wein-Besessene mit Vision, so wie Alexander Egger. Der selbstständige Elektrotechniker lebt mit seiner Frau und den drei Kindern quasi inmitten den Reben am Sternberg. Aus dem kleinen Weingarten wurde ein respektabler Weinberg mit 21.500 Weinreben auf 4,5 Hektar Fläche.

Rund 12.000 Flaschen füllt Egger pro Jahr in seinem Weingut ab. Verkauft wird vor Ort und in der Region, Top-Hotellerie und -Gastronomie sind Abnehmer; zunehmend an Bedeutung gewinnt der Export etwa nach Japan, Norwegen, Schweden, Dänemark und in die Schweiz. Ein Vorteil: "International gesehen sagt niemand 'Wein aus Kärnten', sondern 'Wein aus Österreich'." Egger ist ein Qualitätsfanatiker, ein Paradebeispiel dafür, dass "wir in Kärnten schon lange nicht mehr über Garagenwinzerei reden, sondern große Professionalität sehen".

Erwin Gartner mit Ehefrau Tanja
Erwin Gartner mit Ehefrau Tanja
© Zarfl

Vorzügliche Cool-Climate-Zone

Die Voraussetzungen dafür seien gut: Zwar sei Kärnten aufgrund seiner hohen Niederschlagsmengen "mehr Reis- als Weingebiet", meint Egger, doch angesichts der Klimaveränderung sei die "Cool Climate"-Zone, in der Kärntner Weine gedeihen, ein Vorzug: Warme Tage, kühle Nächte und die Höhenlage spiegeln sich wider in hoher Fruchtkonzentration und niedrigerem Alkoholgehalt. Egger setzt zudem auf "Slow Wine", "wir geben den Weinen beim Reifen mehr Zeit."

Der Kärntner Wein – aktuell werden rund 700.000 Flaschen abgefüllt – sei zwar "qualitätsmäßig vorne dabei", sagt Egger, "aber wir müssen als Winzer enger zusammenrücken, uns weiterentwickeln". Etwa in der Vermarktung. "Wir haben schließlich keine Weinberge, die man von Weitem sieht." Kärntens Weinbauern müssten sich daher anders "sichtbar und angreifbar machen." Etwa mit Veranstaltungen wie dem Tag der offenen Kellertür am Samstag (12. 11), der "Weintaufe" nächsten Donnerstag und der neuen Website, die am Montag live geht. Weitere Initiativen sollen folgen.

Naturweine, biodynamisch erzeugt

Egger forciert in seinem in schönster Aussichtslage gelegenen Betrieb Naturweine. Nach der Lese weiden Pferde und Schafe zwischen den Reben, Viehwirtschaft ersetzt in dem biodynamischen Betrieb das Düngen. Im architektonisch attraktiven Weinkeller reift Wein nicht nur in Stahltanks und Eichenfässern, sondern auch Amphoren heran. Seit 2009 baut Egger Wein an, die verwaldete Hutweide musste dem Weinberg weichen. Sauvignon, Riesling und Traminer wachsen hier, aber auch Blauburgunder.

Wein angebaut wird in Kärnten von Flattach bis Sittersdorf/Zitara vas, vom Gailtal bis ins Lavanttal. "Wir werden weiter an der Qualität arbeiten, unser eigenes Profil schaffen", gibt Wild die Richtung vor.

Einer, der dafür wie kaum ein anderer steht, ist Erwin Gartner. Der Sohn des Kärntner Weinbaupioniers verschmolz einen Teil seiner Flächen – die Riede "Weingartjörgl" – mit denen der Landwirtschaftskammer zum Landesweingut Kärnten. Gartner ist einzige Weinbauberater des Landes – und schwärmt: "Wir teilen uns heute in Kärnten Software und Hardware – die Kooperation wird immer enger, die Arbeit damit wirtschaftlicher."

"Imagemäßig kein einfacher Stand"

Innerhalb von zehn Jahren verbesserte sich der Kärntner Wein bei Blindverkostungen um zwei Kategorien. "Heute liegen in der Qualität gleichauf mit dem Rest von Österreich", meint Gartner. Nicht nur bei Weiß-, sondern auch bei Rotweinen. "Die Qualität ist anerkannt, das Problem ist das Image. Da haben wir in Kärnten keinen einfachen Stand." Wichtig sei daher der unkomplizierte Zugang zum Kärntner Wein, damit Einheimische und Gäste mit dem Wein "in Tuchfühlung" geraten. "Betriebe, die Erlebnis und Ambiente liefern, sind nicht austauschbar." Einen ersten Grundstock an Wein-Buschenschenken oder Wein-Gastronomie gebe es bereits. "Sie erlauben einen atmosphärischen Zugang zum Wein."

In vielen Kärntner Wirtshäusern, Restaurants und Hotels ist freilich noch Platz auf der Getränkekarte für den Kärntner Wein. "Sie fahren ja auch nicht in die Toskana für ein Hirter Bier", meint Wild. "Wir müssen Gastronomen und Hoteliers überzeugen, dass der Kärntner Wein auf die Karte kommt", lautet daher der Appell der Kärntner Weinbauern. Es ist angerichtet.