Hohe Energiepreise, schwierige Lieferketten und ein Krieg in Europa: Die geopolitische Situation belasten auch die steirische Industrie, wie die Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung zeigt.

Dabei ist die aktuelle Lage eigentlich durchaus positiv. Die Auftragsbücher sind voll und weiterhin suchen die Industriebetriebe nach Arbeitskräften. Vor allem fachlich qualifiziertes Personal ist sehr gefragt. Ob die vielen Aufträge überhaupt rechtzeitig abgearbeitet werden können, hängt derzeit auch stark von der Verfügbarkeit von Vorprodukten und Rohstoffen ab. Die Preise schwanken massiv und der Corona-Ausbruch in China sorgt für neue Verwerfungen in den Lieferketten.

Fahren auf Sicht

Schwer kalkulierbar sei hingegen die Lage in der zweiten Jahreshälfte, wie die Umfrage unter 53 Unternehmen zeigt. "Der Blick in das zweite Halbjahr ist vor allem von Vorsicht, aber durchaus auch Pessimismus geprägt", erklärt IV-Steiermark-Geschäftsführer Gernot Pagger. "Die Unternehmen sind gezwungen, auf Sicht zu fahren und sich auf unterschiedliche wirtschaftliche Szenarien vorzubereiten."

Der Industrievertreter fordert daher von der Regierung weiterhin flexible Arbeitsmarktmodelle – Stichwort Kurzarbeit – und eine Kompensation für die hohen Energiepreise.

Beschleunigte Inflation

Die derzeit prognostizierte Inflation von 6,8 Prozent fürs heurige Jahr werde "nicht das Ende der Fahnenstange" sein, sagte IV-Chefökonom Christian Helmenstein. "Wir befürchten eine weitere Beschleunigung." Zweistellig würde die Teuerung, sollte es zu einem Boykott von russischem Gas kommen, der die österreichische Wirtschaft vier- bis fünfmal stärker treffen würde als etwa jene in Frankreich oder Italien.

Einen "historischen Superlativ" lieferte IV-Chefökonom Helmenstein. Denn erstmals zeige das IV-Konjunkturbarometer fürs erste Quartal, dass fast drei Viertel der Betriebe in den nächsten drei Monaten ihre Verkaufspreise erhöhen wollen. Helmenstein sprach aufgrund der hohen Inflationswerte von einer "völlig neuen Preiskalkulation" in der Industrie. Über Jahrzehnte seien übliche Kostensteigerungen über Produktionssteigerungen abgefedert worden, um diese nicht weitergeben zu müssen. "Jetzt aber sind die Kostensteigerungen vor allem bei der Energie so hoch, dass die Betriebe gezwungen sind, diese in Form von höheren Preisen weiterzugeben", sagte Helmenstein. Das gelte nicht nur im Einzelfall, sondern praktisch für die gesamte Industrie.

Deutliche Kritik übte IV-Generalsekretär Christoph Neumayer an der Europäischen Zentralbank (EZB), weil sie zuletzt zu wenig gegen die Inflation getan habe. "Man wird nicht um Zinserhöhungen herumkommen", so Neumayer. Es sei "verwunderlich", dass die EZB einer ihrer beiden Hauptaufgaben, die Preise zu überwachen, "ungenügend nachgekommen ist". Eine Erhöhung werde kommen "müssen, das erwartet sich die Wirtschaft auch - die höhere Flexibilität der Fed vor Augen".