Lkw-Fahrer fehlen Großbritannien: Bis zu 90 Prozent der Tankstellen ohne Sprit

Weil Zehntausende Lastwagenfahrer fehlen, bekommen Tankstellen in Großbritannien keinen Kraftstoff mehr. Es kommt zu Panikkäufen und langen Schlangen. Ein Verband nennt nun Zahlen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
© (c) AP (Dominic Lipinski)
 

Es mussten die ersten Tankstellen schließen, bis die britische Regierung tätig wurde. Weil Zehntausende Lastwagenfahrer fehlen, sind mittlerweile bis zu 90 Prozent der Tankstellen ohne Sprit. Ärzte schlagen bereits Alarm, sie könnten ohne Sprit bald nicht mehr zur Arbeit kommen. Zeitlich befristete Visa für Fernfahrer und andere Ausnahmen sollen nun Abhilfe schaffen, notfalls könnte sogar das Militär einspringen. Doch auf die Schnelle bringt das alles wenig.

Seit Tagen kommt es an britischen Tankstellen zu Panikkäufen und langen Schlangen. Hintergrund ist ein gewaltiger Mangel an Lastwagenfahrern, die eigentlich den Kraftstoff von A nach B bringen müssten. Wegen der Coronapandemie wurden etliche Fahrstunden und -prüfungen verschoben. Zudem wanderten wegen des Brexits etwa 20.000 vor allem osteuropäische Fachkräfte ab - neue strenge Einwanderungsregeln nach dem Brexit hemmen nun aber den Zuzug.

Brexit

So sehr drückt die Krise den Briten aufs Gemüt, dass in Deutschland sogar Olaf Scholz am Montag von britischen Journalisten in Berlin dazu befragt wurde. Auch der SPD-Kanzlerkandidat sieht einen Zusammenhang zum Brexit. "Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Briten davon zu überzeugen, die Union nicht zu verlassen. Am Ende haben sie sich anders entschieden", sagte Scholz auf die Frage, ob Deutschland mit Lastwagenfahrern aushelfen könne.

Nach langem und erbitterten Widerstand ließ sich die britische Regierung am Wochenende darauf ein, bis zu 5.000 Visa für ausländische Fahrer bereitzustellen. Boris Johnson "hat genug von den schlechten Schlagzeilen und will das geregelt haben", zitierte die "Financial Times" einen Insider kurz vor der Ankündigung. Allerdings sind die Visa zeitlich klar auf die Monate bis Weihnachten befristet. Daher ist nun die große Frage: Kommt überhaupt jemand?

Da auch in etlichen europäischen Ländern, darunter Deutschland, ein Mangel an Fahrern besteht, müssen britische Firmen viel bieten, um überhaupt eine attraktiver Arbeitgeber für wenige Monate zu sein. Ein Vertreter der Federation of Dutch Trade Unions, die Lastwagenfahrer aus ganz Europa vertritt, sagte der BBC am Montag: "Die Arbeitskräfte aus der EU, mit denen wir sprechen, werden nicht für kurzfristige Visa zurückkehren, um Großbritannien aus dem Mist zu helfen, den sie selbst gebaut haben."

Supermärkte bis Pub-Ketten

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng will über die Visa hinaus Wettbewerbsregeln außer Kraft setzen, damit die Branche gemeinsam gegen die Engpässe vorgehen kann und eine Grundversorgung an Benzin und Diesel organisieren kann. Das könnte zumindest den akuten Notstand an der Zapfsäule beheben, ist aber auch keine Lösung für andere Branchen. Dabei sind es fast alle, die dringend auf die Lkw-Fahrer angewiesen sind: Supermärkte können ohne sie ihre Regale nicht füllen, Spielzeug-Hersteller fürchten um das Weihnachtsgeschäft und einigen Pub-Ketten geht das Bier aus. "Alles, was wir in Großbritannien haben, kommt auf der Ladefläche eines Lkws zu uns", betonte Rod McKenzie von der Road Haulage Association.

Dass Soldaten die Tanklaster bald durch britische Straßen steuern könnten, wird im Londoner Regierungsviertel zwar diskutiert, aber bisher noch nicht umgesetzt. Das Militär sei auch "kein Allheilmittel", sagte Brian Madderson von der Petrol Retailers Association in einem BBC-Interview. Es gehe nicht nur darum, die Tanklaster zu fahren, sondern auch zu befüllen - und dies sei keine einfache Aufgabe, sondern eine Tätigkeit, die man lernen müsse.

Austrocknen droht

Nach Angaben des Branchenverbands Petrol Retailers Association, der rund 5.500 unabhängige Tankstellen vertritt, haben derzeit zwei Drittel der Mitglieder keinen Kraftstoff mehr. Die Nachfrage habe am Wochenende um bis zu 500 Prozent höher gelegen, sagte Verbandschef Madderson. 50 bis 90 Prozent der Tankstellen seien leer, die anderen drohten bald auszutrocknen.

"Von der Logistik zum Gastgewerbe, von Kultur zum Bausektor fürchte ich, kann man nun sehen, wie die Regierung erntet, was sie mit einem harten Brexit gesät hat", sagte der Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan von der Labour-Partei, am Montag in Brighton. "Man kann nicht fünf Jahre lang über die EU und EU-Bürger herziehen und dann erwarten, dass sie zurückkommen und uns aushelfen."

Die konservative Regierung in London betonte zu Wochenbeginn erneut, es gebe keinen Mangel an Kraftstoff. Alle Bürger müssten nur damit aufhören, Panikkäufe zu machen und wieder nur so viel tanken, wie sie bräuchten. Dann werde sich die Lage wieder beruhigen, hieß es aus der Downing Street.

Kommentare (7)
Ragnar Lodbrok
0
5
Lesenswert?

...sollen wir jetzt Mitleidhaben???

die Engländer haben ihren Leidenszenit noch lange nicht erreicht. Sonst hätten sie BJ schon längst von der Insel gejagt oder in den Tower geschmissen.

VH7F
0
10
Lesenswert?

Wann verjagen die Briten endlich BJ?

Anscheinend kein Krisenmanagement und sehenden Auges in das Chaos?

Peterkarl Moscher
1
10
Lesenswert?

Wahrheit tut weh !

Super jetzt haben die Briten den Brexit den sie gewollt haben, BJ soll endlich die
Schulden bei der EU begleichen. Aber Millionen für den Hofstaat, ein sehr einfältiges
Land ohne Zukunft !!!

markus144
0
18
Lesenswert?

Zumindest ein abschreckendes Beispiel...

Freilich wirken da viele Faktoren zusammen, aber dass man zu den ganzen Problemen auch noch den Brexit hatte, dürfte die Lage halt nicht gerade besser gemacht haben.
Und nachdem man schadenfroh die bösen Ausländer, die die Jobs klauen vertrieben hat, schaut man blöd aus der Wäsche, weil man sie plötzlich doch braucht.
Sicher ist die EU alles andere als perfekt, aber wenn man einmal drin ist, sollte man es sich schon aus wirtschaftlicher Sicht zweimal überlegen einfach so auszutreten. Noch dazu aus populistischen Gründen...

STEG
1
6
Lesenswert?

PM Johnson

versucht nun krampfhaft und überhastet irgendeinem Wirtschaftsblock beizutreten. Die Frage ist: Zu welchem Preis? Notsituationen drücken den Wert!

deCamps
0
16
Lesenswert?

Hier könnte man ein der Realität anstehendes Zitat verwenden: wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Traurig aber wahr.

.
Vor allem für die Menschen, die ihr Fahrzeug aus lebensnotwendigen Gründen benötigen. Die britische Gesellschaft und ihre darin lebenden Menschen haben sich schon seit Jahrhunderten, bis dato von der vielfältigen und vielfach strukturierten europäischen Gesellschaft schon immer wesentlich in nahezu allen gesellschaftspolitischen Bereichen unterschieden.
.
Auch während ihrer Mitgliedschaft in der EU. Ich erinnere mich der Großteil ihrer Vertreter (u.a. Mandatare) kam damals schon "größtenteils" aus den Reihen der EU-Gegner.
.
Ein Teil der Briten ist halt den Unwahrheiten der Brexitgegner wie der heutige Premier Johnson & Konsorten unterlegen und hat dem Brexit zugestimmt. Obwohl schon vorher die Auswirkungen größtenteils erkennbar waren. War kein Geheimnis. Die Briten sind noch immer im Empire und British Commonwealth of Nations (bis 1947) verhaftet. Das zeigt u.a. die kostenaufwendige Monarchie, die sie unterhalten.

STEG
0
7
Lesenswert?

Die Folgen

treten schneller ein als gedacht. Zuerst 4 Jahre verschlammt, nichts vorbereitet, in der Hoffnung es bleibt eh alles unverändert. Ohne Vorbereitung und Unterlagen zu den Brexit-Verhandlungen kommen waren schon ungute Vorzeichen. So unprofessionell ein Mammutprojekt durchzuziehen, grenzt an Liederlichkeit.