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Wegen Corona-FolgenUS-Notenbank Fed senkt den Leitzins überraschend deutlich

Die US-Notenbank hat wegen der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Coronavirus ihren Leitzins überraschend um einen halben Prozentpunkt gesenkt.

Fed-Chef Jerome Powell
Fed-Chef Jerome Powell © (c) APA/AFP/ERIC BARADAT (ERIC BARADAT)
 

Dass die US-Notenbank Fed wegen der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Coronavirusreagieren würde, hat sich schon länger abgezeichnet. Zeitpunkt und Ausmaß kommen aber überraschend: Die Fed hat den Leitzins am Dienstag um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Der Leitzins liege nun im Korridor von 1 bis 1,25 Prozent, teilte die Notenbank mit. Die nächste reguläre Sitzung der Notenbank, bei der über die Höhe des Leitzinses entschieden werden sollte, sollte eigentlich erst in zwei Wochen stattfinden.

Die Notenbank werde die Situation und deren wirtschaftliche Folgen weiter genau beobachten und "ihre Mittel nutzen, um angemessen zu reagieren, um die Wirtschaft zu stützen".

Die Notenbank hatte bereits Ende vergangener Woche erklärt, dass sie die Auswirkungen der Epidemie des neuen Coronavirus aufmerksam verfolge und notfalls zu handeln bereit sei. US-Präsident Donald Trump forderte die - von der Regierung unabhängige - Notenbank wegen der Auswirkungen des Coronavirus wiederholt zu Zinssenkungen auf. Er fürchtet - wohl auch im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im November - infolge der Epidemie eine Wachstumsdelle.

Die Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie belasten bereits die globale Wirtschaftsentwicklung. In den USA sind bisher jedoch erst rund 100 Ansteckungen und sechs Todesfälle gemeldet.

Die Fed hatte ihren Leitzins im vergangenen Jahr dreimal um je 0,25 Prozentpunkte gesenkt, ihn bei den letzten beiden Sitzungen jedoch in Anbetracht der soliden Wirtschaftsentwicklung und niedrigen Arbeitslosigkeit in den USA unverändert belassen.

"Wirtschaftliche Effekte noch unsicher"

Die Auswirkungen des Coronavirus für die US-Wirtschaft sind nach Ansicht von Notenbankchef Jerome Powell noch "in hohem Maße unsicher". Bisher gebe es allerdings bereits Berichte zu Störungen globaler Lieferketten und einem Rückgang in der Tourismus- und Reisebranche, sagte Powell am Dienstag vor Journalisten.

Gleichzeitig sei erkennbar, dass die Epidemie des neuartigen Coronavirus bereits Auswirkungen auf das Wachstum vieler Länder und die globalen Finanzmärkte habe, sagte der Fed-Chef.

"Die Dimension und die Nachhaltigkeit der gesamten Auswirkungen auf die Wirtschaft bleiben jedoch in hohem Maße unsicher", sagte Powell. Die US-Wirtschaft sei an ihren Kerndaten wie dem Wachstum und der niedrigen Arbeitslosigkeit gemessen weiter gut aufgestellt, sagte Powell. Um einen möglichen Wachstumsrückgang zu vermeiden, entschloss sich die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) aber zu einer präventiven Absenkung des Leitzinses. "Wir glauben, dass unser Handeln der Wirtschaft einen bedeutenden Anschub geben wird", sagte Powell.

"Alle geeigneten Instrumente einsetzen"

Nur wenige Stunden vor der Erklärung der Fed hatten die führenden westlichen Industrieländer (G7) ihren Willen bekundet, gegen die wirtschaftlichen Folgen der Krise vorzugehen. Die Verbreitung des neuartigen Coronavirus und die Auswirkungen auf Finanzmärkte und Wirtschaft würden genau beobachtet, hieß es in einer Erklärung der Finanzminister und Notenbankchefs der G7.

"Angesichts der möglichen Auswirkungen von Covid-19 auf das globale Wachstum bekräftigen wir unsere Verpflichtung, alle geeigneten politischen Instrumente einzusetzen, um ein starkes und nachhaltiges Wachstum zu erreichen und gegen Abwärtsrisiken zu sichern", hieß es. Die Finanzminister seien bereit, auch fiskalische Maßnahmen - also beispielsweise höhere Staatsausgaben - zu ergreifen, soweit dies notwendig sei. Zur Gruppe der G7-Staaten gehören die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada und Italien.

Die Chefs von Fed, Bank of Japan und EZB hatten zuletzt bereits betont, dass man die wachsende Unsicherheit und steigende Risiken für die Konjunktur genau beobachte. "Wir sind bereit, bei Bedarf geeignete und gezielte Maßnahmen zu ergreifen, die den zugrundeliegenden Risiken angemessen sind", erklärte auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Am Dienstag stellte auch die britische Notenbank geldpolitische Hilfen in Aussicht. Die Bank of England (BoE) sei bereit, die notwendigen Schritte zu unternehmen, damit die Wirtschaft die Belastungen der Coronavirus-Krise überwinde.

In Erwartung von Zinssenkungen hat der US-Börsenindex Dow Jones zu Wochenbeginn um mehr als fünf Prozent zugelegt und - punktemäßig - sogar das größte Tagesplus der >Geschichte eingefahren.

Reaktionen

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank: "Die Zinssenkung firmiert unter der Rubrik 'Grippeschutzimpfung'. Bevor die Finanzmärkte und die US-Wirtschaft größeren Schaden nehmen, schreitet die Fed ein. Die Fed verpasst der US-Wirtschaft eine Impfung. Das ist gut so, zeugt es doch von einem energischem Vorgehen gegenüber etwaigen schärferen Konjunkturrisiken. Auch die übrigen Notenbanken werden von sich hören lassen. Die EZB steht ebenfalls in den Startlöchern. Eine baldige Senkung des Einlagesatzes um 10 Basispunkte steht aus unserer Sicht auf der Agenda."

Christian Keller, Leiter Volkswirtschaft Barclays: "Wir hatten zwar mit einer Zinssenkung um 50 Basispunkte gerechnet, das aber erst am offiziellen Termin zur Zinssitzung. Es ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, warum die Fed bereits mit dieser Eile gehandelt hat. Möglicherweise ist dies damit zu erklären, dass die Notenbank nach der Verlautbarung der G7-Länder jetzt auch handeln wollte."

Uwe Burkert, LBBW-Chefökonom: "Die US-Währungshüter haben nicht lange gefackelt und den Worten ihres Chefs vom vergangenen Freitag Taten folgen lassen. Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Lage an der Coronafront in der vergangenen Woche wollte man die Finanzmärkte offenbar nicht mehr bis zur regulären Zinssitzung am 18. März warten lassen - und um die eigenen Handlungsbereitschaft und -fähigkeit zu unterstreichen, hat man gleich einen großen Zinsschritt um 50 Basispunkte beschlossen. Beides - ein außerplanmäßiger Beschluss und eine Veränderung um 50 Basispunkte - gab es zuletzt in der Finanzkrise vor gut zehn Jahren. Die US-Währungshüter hoffen unseres Erachtens darauf, die Märkte mit diesem entschiedenen Schritt nachhaltiger zu beruhigen, so dass keine weitere Zinsschritte notwendig werden, denn die US-Wirtschaft befindet sich laut Einschätzung der Fed weiterhin in guter Verfassung. Angesichts der Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit der Corona-Ausbreitung besteht jedoch unseres Erachtens eine signifikante Wahrscheinlichkeit, dass der heutige Zinsschritt der Fed nicht ihr letzter gewesen ist."

Bastian Hepperle, Bankhaus Lampe: "Das war nach der G7-Erklärung zu erwarten gewesen. Ich gehe davon aus, dass die EZB auch etwas macht. Hinauslaufen dürfte es auf Liquiditätshilfen für kleine und mittelständische Unternehmen und eine Ausweitung des Ankaufprogramms, besonders von Unternehmensanleihen."

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt: "Es zeigt, dass die Zentralbanken die Corona-Krise sehr, sehr ernst nehmen. Die US-Notenbank reagiert als erste, obwohl die US-Wirtschaft am wenigsten betroffen ist. Dies macht deutlich, wie beunruhigt die Zentralbanken weltweit sind. Das signalisiert zudem, dass auch die EZB mehr machen wird. Aus ihrer Sicht wird es nicht ausreichen zielgerichtete Langzeittender bereitzustellen. Stattdessen erwarten wir eine Leitzinssenkung von zehn Basispunkten. Zudem dürfte sie das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe von 20 auf 40 Milliarden Euro für einen begrenzten Zeitraum von sechs Monaten aufstocken."

 

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