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Schwerpunkt Lehman-Pleite„Wie ein Glas mit Gift auf dem Tisch“

Klumpenrisiken aus Gier und Dummheit lösten Lehman-Pleite aus und führten in Teufelskreis von Finanz- und Wirtschaftskrise, von Staatsschulden- und Eurokrise.

15. September 2008: Szenen vom New York's Times Square - die Nachrichten über die Lehman-Pleite laufen über die Newsticker © AP
 

"Nein, Lehman kann nicht pleitegehen. Darin waren sich alle Experten einig.“ Auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank, der ein globales Finanzbeben auslöste, räumen Wirtschaftsexperten ein, dass die Insolvenz der Lehman Brothers nicht absehbar war. „Dass die Hauspreisblase in den USA einmal platzen würde, war schon klar. Man sah auch die Risiken bei Lehman mit den ABS (Asset Backed Securities, komplex strukturierte Wertpapiere)“, sagt Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS). „Aber man hat die Verwobenheit des Finanzsystems unterschätzt, dass als Folge das ganze Finanzsystem erstarrte.“

Gottfried Haber, im Generalrat der Nationalbank und Wirtschaftsprofessor an der Donau-Universität Krems, erinnert sich: „Die Frage der Lehman-Pleite stand im Vorfeld zwar im Raum, aber niemand hielt sie, aus Angst vor einer Weltwirtschaftskrise, für möglich. Diese Einschätzung war falsch. Immobilienrisiken hatte man aus Gier und Dummheit zu Klumpenrisiken gebündelt, die volkswirtschaftlichen Risiken unterschätzte man. Dass die USA Lehman pleitegehen ließen“, so Haber, „war eine kurzfristige und egoistische Politik. Man wollte den Schaden auch auf den Rest der Welt verteilen.“

Globale Vertrauenskrise. Die Schockstarre setzte vollends am 6. Oktober 2008 ein, „als mehrere Banken in den USA und in Europa in Schieflage gerieten. Als Deutschland am 8. Oktober die Einlagensicherung auf alle Einlagen beschloss, herrschte riesige Hektik“, denkt Kocher zurück an die „sich auf der ganzen Welt ausbreitende Vertrauenskrise“. „Es war wie ein Glas mit Gift auf dem Tisch mit vielen Gläsern“, zeichnet der IHS-Chef ein häufig beschriebenes Bild des Argwohns jener Tage. „Die Börsen sind gecrasht, niemand wollte mehr einem anderen Kredit gewähren. Die Staaten und die Notenbanken mussten eingreifen, um Liquidität in die Banken zu pumpen.“

„Das Gegensteuern der Staaten führte dann in die Staatsschuldenkrise“, sieht Haber „einen ganzen Teufelskreis an Krisen“ als Folge der globalen Vertrauenskrise. „Der Dominoeffekt war ein Charakteristikum. Die Staaten mussten lernen, dass sie nicht unbegrenzte Bonität haben.“ Kocher zählt die Länder auf, die es als erste erwischt hat: Irland, Island, Zypern, dann Griechenland. „Griechenland ist heute so umgeschuldet, dass es kein akutes Problem gibt. Ausgestanden ist die Staatsschuldenkrise aber nicht, denn es gibt keine klare Grenze der Verschuldung.“

Immobilienrisiken hatte man aus Gier und Dummheit zu Klumpenrisiken gebündelt, die volkswirtschaftlichen Risiken unterschätzte man.

Gottfried Haber, Ökonom

In Österreich stieg sie massiv durch Milliarden an Bankenhilfe. „Sie wurde großteils zurückgezahlt, bei der Hypo Alpe Adria wird man erst zuletzt sehen, ob der Schaden statt des befürchteten zweistelligen Milliardenbetrages ein niedriger einstelliger ist“, so Haber.

"Größter Rückgang des Bruttoinlandsproduktes"

Mit Wucht schlug die Finanzkrise 2009 auf die Realwirtschaft durch. „Es gab global, in Europa und in Österreich, den größten Rückgang des Bruttoinlandsproduktes seit dem Zweiten Weltkrieg“, so Kocher. „In Österreich war der überraschend stabile private Konsum ein stabilisierender Faktor“, so Haber. Vernünftig waren Maßnahmen wie Kurzarbeitszeit. „Bei den Kerndaten hat sich Österreich seit der Finanzkrise wieder gut erholt“, verweist Kocher auf wettgemachtes Wachstum. „Sorge macht aber weiterhin der Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit ist noch immer höher als vor der Krise, auch weil es starken Zuzug gab.“

„Es war hart, aber überschaubar“, so Haber. Kann sich das Drama wiederholen? Kocher sieht den Bankensektor mit Regeln, Stresstest und mehr Eigenkapital stabiler und besser überwacht. Kritisch schaut man auf die hohen Aktienkurse in den USA und in Europa auf den Brexit. „Krisen können durch exogene Faktoren wie Kriege leider immer passieren“, sind sich die Experten einig.

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