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Schwerpunkt Lehman-PleiteEin Beben, das die Welt verändert hat

Alles begann mit dem amerikanischen Traum vom Eigenheim: wie fatale Spekulationen auf dem US-Häusermarkt zu einer der größten globalen Wirtschaftskrisen führten. Teil 1 unserer Serie.

© APA
 

Das Schlimmste ist überstanden“ - bis heute sorgt dieser Befund von Richard Fuld, einst mächtiger Boss der Investmentbank Lehman Brothers, für Verstörung. Diese berühmt gewordene „Einschätzung“ hatte er im Juni 2008 getroffen. Rund drei Monate später, am 15. September, krachte die Bank zusammen und löste ein globales Erdbeben aus, eine Kernschmelze des Finanzsystems mit massiven Folgen für die Weltwirtschaft. Folgen, die bis heute nachwirken.

Ob Fulds Beurteilung der Lage Ausdruck totaler Verblendung oder nur eine bizarre Form von Galgenhumor war, ist nicht überliefert. Diese Attitüde der Unverwundbarkeit passt aber in die damalige Zeit. Denn „überstanden“ war gar nichts. Im Gegenteil.

Spätestens seit dem Frühjahr 2007 wurde immer deutlicher, dass die Ausfälle sogenannter „Subprime-Hypothekenpapiere“ mehr als nur episodenhafte Rückschläge in einem überhitzten Immobilienmarkt waren. Es waren die Vorboten von etwas viel Größerem - und die Wurzeln dafür lagen Jahre zurück.

Lehman Brothers

1844 gründete der deutsche Auswanderer Heinrich Lehmann im US-Bundesstaat Alabama einen Gemischtwarenladen. Als auch seine Brüder nachkamen, nannten sie den Laden Lehman Brothers. Sie stiegen in den Baumwollhandel ein, später verkauften sie auch Eisenbahn-Wertpapiere. In den 1880er-Jahren gingen sie an die New Yorker Börse, nach und nach folgte der Wandel zur Investmentbank.

85 Milliarden US-Dollar pumpte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zwei Tage nach dem Lehman-Kollaps als Notkredit in den damals weltgrößten Versicherungskonzern AIG, um diesen vor der Pleite zu bewahren.

Am Anfang der verheerenden Finanzkrise stand der Traum vom Eigenheim. Von der Politik massiv gefördert - und durch extrem niedrige Leitzinsen befeuert -, erlebten die USA bis 2006 einen beispiellosen Immobilienboom. Angesichts jahrelang steigender Hauspreise nutzten immer mehr Amerikaner ihr Haus als Geldmaschine nach dem Prinzip: Haus auf Pump kaufen und bald mit Gewinn verkaufen. Auch für Hypothekenbanken war das ein gigantisches Geschäft. Die geforderten Sicherheiten für die Kredite wurden immer weiter heruntergeschraubt. Schließlich gab es Darlehen ohne jede Garantie außer dem Haus selbst (sogenannte „Subprime“-Kredite). Solange die Preise immer nur nach oben kletterten, war die Welt in Ordnung. Doch es entstand ein gewaltiges Überangebot. Die Preise fielen. Die Zinsen stiegen. Die Schuldner konnten ihre Raten nicht mehr bedienen. Ein Teufelskreis, eine Zeitbombe. Plötzlich standen Millionen Häuser zum Verkauf, die plötzlich vielfach weniger wert waren als ihre Hypothekenschulden. Die Lunte dafür, dass aus einer US-Immobilienkrise ein globaler Zusammenbruch werden konnte, wurde aber im Hintergrund gelegt. Denn die Kredite wurden zu komplizierten Wertpapierpaketen gebündelt und verkauft.
Den letztklassigen Hypotheken wurden - vereinfacht gesagt - Kredite mit besserer Bonität beigemengt, diese wurden verbrieft, umverpackt und in Form neuer, strukturierter Wertpapiere an Anleger verkauft. Wobei der Anteil der hoch riskanten Papiere stetig zunahm. Eine Schlüsselrolle kam dabei den Ratingagenturen zu, die durch bereitwillig vergebene Top-Ratings gewissermaßen für die Schleife auf dem explosiven Packerl sorgten. Ein Packerl, das um die Welt ging. Über den ganzen Globus verteilt kauften Finanzinstitute diese vermeintlich sicheren Papiere, die letztlich aber nichts anderes waren als Schrott.

Besonders dick in diesem Geschäft war die traditionsreiche Investmentbank Lehman Brothers engagiert. Nachdem die US-Regierung seit Frühjahr 2008 schon einige große Institute mit Steuergeld aufgefangen hatte, spitzte sich die Lage im Spätsommer vor zehn Jahren noch einmal dramatisch zu.

Nach einem gescheiterten Verkauf musste Lehman am 10. September einen Quartalsverlust von fast vier Milliarden US-Dollar vermelden, seit Jahresbeginn war der Aktienkurs um 94 Prozent abgestürzt. Bevor für die Bank - 158 Jahre nach ihrer Gründung - am 15. September die Lichter ausgingen, ging noch eine fast 48-stündige Nervenschlacht über die Bühne. Es war das „Lehman-Wochenende“, an dem sich endgültig herausstellte, dass diese Bank nicht mehr zu retten ist.
Zuvor - und erst recht nach diesem Tag X - galt das Prinzip von „too big to fail“, also „zu groß, um zu fallen“. In der Finanzbranche war man stets davon ausgegangen, dass Institute ab einer gewissen Größe immer von irgendeiner Seite aufgefangen würden. Doch bei Lehman hatte sich der Schuldenberg auf 600 Milliarden Dollar aufgetürmt. Und der öffentliche Unmut über staatliche Bankenrettungen, die Zocker mit ihren gigantischen Boni in ihren Chefetagen dröhnte immer lauter durch die USA. Bei Lehman wurde ein Exempel statuiert - mit weitreichenden Folgen. 28.000 Mitarbeiter waren betroffen. Die Bilder der schockierten Beschäftigten, die mit Pappkartons die Lehman-Zentrale in New York verließen, wurden zu Ikonen dieser Krise. Einer Krise, die nun erst so richtig Fahrt aufnehmen sollte. Die Aktienkurse brachen extrem ein, weltweit sahen sich Notenbanken zu milliardenschweren Nothilfen gezwungen. Weitere Großpleiten drohten.

Die Ereignisse führten zum totalen Vertrauensentzug. Der „Interbankenmarkt“, so etwas wie der Blutkreislauf des Finanzsystems, war auf einen Schlag wie eingefroren. Auch untereinander borgten sich die Banken kein Geld mehr. Nichts ging mehr.

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