Die neuen Denkansätze, die das Konjunkturforum Jahr für Jahr anstoßen möchte, drücken sich 2026 schon im Motto „Europa neu denken“ aus. Laut Gastgeber Manfred Wilhelmer muss der alte Kontinent seine wirtschaftliche Basis neu ausrichten: „Das heißt für uns, das Wirtschaftsmodell widerstandsfähiger, produktiver und unabhängiger aufzustellen. Lieferketten, Energieabhängigkeiten, Sicherheitspolitik und digitale Souveränität werden neu bewertet.“ Man stehe vor grundlegenden Veränderungen.
„Wenn wir in der Energieversorgung, industriellen Wertschöpfung und digitalen Infrastruktur nicht stärker und unabhängiger werden, verlieren wir mittelfristig an Wettbewerbsfähigkeit“, betont der Vorstandssprecher der Raiffeisen Landesbank Kärnten.
Eigenständigkeit als Wettbewerbsfaktor
Internationale Handelskonflikte und geopolitische Spannungen würden die globalen Spielregeln verändern und die Unsicherheit zunehmend erhöhen. Für Europa werde Eigenständigkeit damit zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor, „nicht als Abschottung“, so Wilhelmer, „sondern um wirtschaftlich widerstandsfähiger zu werden und zentrale Wertschöpfung im eigenen Raum zu sichern“.
Man sehe bereits, dass Unternehmen ihre Lieferketten diversifizieren, Produktionsstandorte neu bewerten und Investitionen gezielter absichern. Um „Made in Europe“ nachhaltig zu stärken, brauche es Investitionen in Schlüsseltechnologien, Forschung und Entwicklung sowie durch industriepolitische Impulse.
Reformbedarf auch in Kärnten
„Am Ende entscheidet, wie schnell und klar Europa handelt“, so der RLB-Vorstandssprecher zum Reformbedarf. Regional zeigt sich: Kärnten war 2024 mit einem Rückgang des Bruttoregionalprodukts um 3,6 Prozent österreichweites Schlusslicht. Vom Ende der Industrierezession sollte Kärnten nun überproportional profitieren – auch wenn der industrielle Ausblick insgesamt weiterhin verhalten bleibe.
Die neuen Chancen: Re-Industrialisierung, Digitalisierung oder Investitionen in Sicherheitstechnologien. Kärntner KMU seien oft hoch spezialisiert und damit gut positioniert.
Umbrüche: KI als Risikoradar
Wilhelmer sieht auch das eigene Geschäftsmodell als Bank im Wandel: „Wir stärken unsere wirtschaftliche Stabilität und Unabhängigkeit, investieren gezielt in Digitalisierung und KI und erhöhen laufend unsere Standards in Cyber- und Datensicherheit.“ Der Einsatz digitaler Systeme helfe, Entwicklungen früher zu erkennen, Risiken besser einzuschätzen und Entscheidungen schneller zu treffen.
„Strategisch investieren statt nur Substanz erhalten“, also gezielte Investitionen in Digitalisierung, Energieeffizienz, Qualifikation, Forschung und neue Märkte seien gefragt, Abwarten keine Option. Für einen Industriestandort wie Kärnten komme es dabei auf eine klare Positionierung an.
Der Ausblick des Bankers: Die Wirtschaft lässt die Rezession langsam hinter sich. Die auf 1 Prozent gestiegene Wachstumsprognose für 2026 samt erwarteter Teuerungsrate von rund 2 Prozent stabilisiere die Kaufkraft und unterstütze den Konsum. Für Kärnten bedeute das Aufholpotenzial. „Die Basis für eine schrittweise Erholung ist vorhanden“, so Wilhelmer, der langfristig von der industriellen Substanz und Innovationskraft des Landes überzeugt ist, um gestärkt aus dieser Phase hervorzugehen – wenn jetzt strategisch investiert werde.