Es ist besser geworden. Aber die Erklärung, dass man nicht zu dem aus der Insolvenz geretteten Motorradbauer in unmittelbarer Nachbarschaft in Mattighofen gehört, ist noch immer nötig, sagt Stefan Limbrunner, Geschäftsführer bei der KTM Fahrrad GmbH. Der gemeinsame Ursprung in der KTM Fahrzeugbau AG ist zwar unbestritten, 1996 übernahm jedoch Carol Urkauf-Chen die Geschäftsleitung der Fahrradsparte mit den Markenbenutzungsrechten in Form eines Lizenzvertrages, und zwar „unendlich, unentgeltlich, unkündbar und weltweit“, wie Limbrunner erklärt.
In der Folge gab es über Jahrzehnte eine friedliche Koexistenz der beiden Unternehmen, die Trennung musste nicht thematisiert werden, weil die eine Seite keine Fahrräder verkaufte und die andere keine Motorräder. 2017 kam die Zäsur, „weil die Pierer-Seite mit der Produktion von Fahrrädern begann und diese mit KTM bewarb“, sagt Limbrunner. Man habe dagegen prozessiert und auch gewonnen.
Damals sei erstmals ein Bewusstsein dafür in die Öffentlichkeit gelangt, dass es sich um zwei verschiedene Unternehmen handelt. Dass die Verwechslungsgefahr noch immer groß ist, zeigte sich allerdings, als die KTM-Gruppe rund um Stefan Pierer im Vorjahr in wirtschaftliche Schieflage kam. „Ständig mussten wir erklären, dass wir ein anderes Unternehmen sind, dass man sich keine Sorgen um unsere wirtschaftliche Gesundheit machen muss, dass es keine Probleme mit der Gewährleistung gibt“, sagt Johanna Grabner-Urkauf, die 2018 von ihrer Mutter die Geschäfte übernahm.
Nachwehen den Corona-Booms
Wieweit sich die Negativschlagzeilen tatsächlich aufs Geschäft ausgewirkt haben, lasse sich schwer sagen, betont Grabner-Urkauf. Einzelne Händler hätten den Eindruck, dass die Kunden zurückhaltender sind. „Wir haben im Fahrradbereich aber grundsätzlich die Situation, dass die Lagerbestände beim Hersteller und beim Händler höher sind als in den Jahren zuvor. Viele Fahrradfirmen haben wirtschaftlich zu kämpfen.“ Dabei sei der Fahrradabsatz in der Menge gar nicht eingebrochen. „Das sind die Nachwehen des Corona-Booms, der sich beruhigt hat“, sagt Limbrunner. Radfahren sei nach wie vor beliebt „und Innovationen führen auch dazu, dass sich Kunden ein neues E-Bike kaufen“. Durch den Gravel-Trend gebe es neue sportliche Kunden, die sich fürs Radfahren begeistern. „In dem Bereich haben wir Rekord-Absätze.“
Gerade erst zurück von der dritten großen Hausmesse im deutschsprachigen Raum, berichtet Grabner-Urkauf von viel positivem Feedback aus der Branche. „Wir hören, dass sich die Branche langsam erholt, es pendelt sich bei den Vor-Corona-Zahlen ein“, sagt sie. „Richtig starkes Wachstum“ begann bei KTM Fahrrad mit den E-Bikes Ende der Nuller-Jahre. 2010/2011 habe man einen Umsatz von 100 Millionen Euro erreicht, der Corona-Peak lag dann bei mehr als 600 Millionen Euro. Grabner-Urkauf: „Das konsolidiert sich jetzt zwischen 350 und 400 Millionen Euro.“
Oberösterreich, Tschechien, Vietnam
Aktuell bringt man es auf 210.000 bis 220.000 verkaufte Fahrräder pro Jahr. Die wichtigsten Märkte sind dabei Österreich (30 bis 35 Prozent) und Deutschland (50 Prozent). Mehr als 70 Prozent des Umsatzes entfallen auf E-Bikes. Produziert wird neuerdings nicht nur in Oberösterreich, wo über 400 Mitarbeiter beschäftigt sind, und in Tschechien mit etwa 150 Mitarbeitern, sondern auch in Vietnam. „Das läuft allerdings nur mit geringer Stückzahl und ausschließlich, um Einstiegsmodelle im nicht motorisierten Bereich abdecken zu können“, betont Grabner-Urkauf. „E-Bikes kommen aus Österreich, Tschechien hilft bei Bedarfsspitzen aus.“
Zur Frage, wieweit die Produktion in Österreich gesichert ist, verweist Grabner-Urkauf auf 30 Millionen Euro-Investitionen im Laufe der vergangenen Jahre in den Standort Österreich. „,Made in Austria“ ist eine ganz wichtige Qualitätsaussage“, sagt Limbrunner. „KTM steht für Qualität und Innovation.“ KTM habe als einzige Marke in Deutschland viermal hintereinander den E-Bike-Test der Stiftung Warentest gewonnen und generiere seit 10 Jahren regelmäßig rund 30 Prozent des Umsatzes mit Produkten, die es im Jahr davor noch gar nicht gab.