Die Debatte ist nicht neu, doch erstmals sorgt sie für Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Dreierkoalition. Er habe „überhaupt kein Verständnis“ für Menschen, die in Teilzeit arbeiten, obwohl sie gesund sind und keine Betreuungspflichten haben, sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) kürzlich in mehreren Interviews. Teilzeit sei zu attraktiv, in einem ersten Schritt wolle er Personen, die über einen längeren Zeitraum ihre Arbeitszeit reduzieren, per Mail oder per Brief über die Folgen für ihre Pension aufklären, kündigte er gegenüber dem „Kurier“ an.

Die SPÖ reagierte mit Kritik an der Kritik. Es brauche vielmehr bessere Arbeitsbedingungen, Möglichkeiten, innerhalb der Teilzeit mehr Stunden zu arbeiten und eine gerechtere Verteilung der unbezahlten Betreuungsarbeit, schrieb etwa Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ). Die Neos betonten, dass mehr Vollzeit über Anreize statt Einschränkungen erreicht werden müsse.

Werbung mit „Vollzeitbonus“

Schon in der Vergangenheit hatten Vorstöße, vor allem aus der ÖVP, für Diskussionen gesorgt. So forderte der damalige Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Kocher 2023, Familien- und Sozialleistungen für Personen in Teilzeitbeschäftigung einzuschränken. Später konkretisierte der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer, dass Menschen mit Betreuungspflichten davon nicht betroffen sein dürften. Im Wahlkampf warb die ÖVP dann mit einem „Vollzeitbonus“, einer Steuergutschrift in der Höhe von jährlich 1000 Euro.

Im Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und Neos ist zwar festgeschrieben, dass die Rahmenbedingungen für einen Umstieg von Teilzeit auf Vollzeit verbessert werden sollen, die Ansätze dazu bleiben allerdings wenig konkret. So wolle die Koalition etwa den gestaffelten Arbeitslosenversicherungsbeitrag „überdenken“. 

Österreich verzeichnet laut Statistik Austria mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent die zweithöchste Teilzeitquote aller 27 EU-Staaten – hinter den Niederlanden (mehr als 40 Prozent) und vor Deutschland und Dänemark. Am niedrigsten und im einstelligen Bereich ist die Teilzeitquote in Bulgarien, Rumänien und Kroatien.

Teilzeit ist in Österreich ein weibliches Phänomen: 2023 waren mehr als eine Million Frauen teilzeiterwerbstätig, gut dreimal so viele wie Männer. Ab dem Alter von 35 Jahren arbeitet sogar die Mehrheit der Frauen Teilzeit, was zu einem großen Teil an Kinderbetreuungspflichten liegt. Jedes zweite Kind hat eine Betreuung, die keine Vollzeitarbeit ermöglicht. Die Teilzeitquote steigt allerdings in allen Lebensaltern. Vor allem der Handel, der Gesundheitsbereich und die Pflege bieten Jobs großteils im Teilzeitbereich. Diese Lohn- und Pensionseinbußen gibt es durch Teilzeitarbeit.

Es liegt nicht am Job-Angebot

Eine Analyse des Wirtschaftsministeriums vom Oktober 2024 unter dem damaligen Minister Kocher kommt zu dem Schluss, dass die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung in Österreich nicht durch das Fehlen von Vollzeitstellen erklärbar ist. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten, die angeben, keine Vollzeitbeschäftigung zu wünschen, ist sowohl bei den Frauen als auch den Männern größer als jener, die angeben keine Vollzeitbeschäftigung gefunden zu haben. Der Anteil der Frauen ohne zu betreuende Kinder, die angeben keine Vollzeitbeschäftigung zu wünschen, ist größer als der von Müttern.

Während in den letzten 30 Jahren die Zahl der Beschäftigten um über ein Drittel gestiegen ist, ist die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Beschäftigungsverhältnis jedenfalls signifikant gesunken. „Zwischen 2015 und 2023 haben sich die Arbeitsstunden pro Person von 1520 auf 1448 Stunden reduziert“, bringt man seitens der Industriellenvereinigung (IV) das wirtschaftliche Problem auf den Punkt. Laut einer von der IV in Auftrag gegebenen Studie von Eco Austria würde eine halbe Stunde Arbeit mehr am Tag in Österreich zu einem Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent pro Jahr führen. Die jährlichen Abgaben würden laut Studie um 2 Milliarden Euro steigen, womit 30.000 Menschen etwa in der Pflege beschäftigt werden könnten.

Arbeitslosengeld, Notstandshilfe & Co.

Als ökonomisches Hemmnis für eine Ausweitung der Erwerbsarbeitszeit ortete man im Bundeministerium unter Martin Kocher im Vorjahr einige Regelungen im österreichischen Steuer- und Transfersystem, die eine Erwerbstätigkeit im höheren Stundenausmaß gegenüber einer im geringen Stundenausmaß weniger attraktiv machen. „Dazu zählt vor allem die Möglichkeit, Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe zu beziehen und gleichzeitig geringfügig beschäftigt zu sein, ohne dass die Höhe des Transfers durch die Beschäftigung gemindert wird“, heißt es zum Beispiel. Mehr über Anreize für mehr Arbeit lesen Sie hier.