„Wir wollen beim Thema gesellschaftliche Anwendungen der KI eine der führenden Unis im deutschsprachigen Raum werden“. Es ist ein Satz, den man gemeinhin als „Ansage“ bezeichnen würde. Der Absender? Markus Fallenböck, Vizerektor der Grazer Karl-Franzens-Universität und für das große Thema Digitalisierung federführend verantwortlich.
Fallenböck, weiter betont offensiv formulierend, sieht die eigene Institution auf gutem Wege zum hehren Ziel. Vor allem ob eines „holistischen“, also gesamtheitlichen, Ansatzes, der in den letzten Monaten feingeschliffen wurde. KI soll in Graz den Plänen zufolge nicht nur in Forschung und Lehre vermehrt Einzug halten, sondern auch in der Administration, dem Rektorat oder in der Wissenschaftskommunikation. Als internen Zeitraum für die Implementierung wählte man die Jahre bis 2030.
Und die Seminararbeit?
Für unmittelbare Sichtbarkeit sollen verschiedene Flaggschiff-Projekte sorgen. Eines davon ist der Chatbot studiGPT. Als erste Hochschule Österreichs rollte die KF-Uni dieser Tage den auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Assistenten flächendeckend für alle Studierenden aus.
Bei welchen Tätigkeiten die 30.000 neuen Userinnen und User den Bot verwenden sollen? Geht es nach der Uni, kann studiGPT divers eingesetzt werden. „Entwurf eines Lehrplans“ ist ebenso als Anwendungsfall studiGPTs zu vernehmen wie „Verbesserung von Texten, Formulieren von E-Mails oder kreative Ideenfindung“. Bei Seminararbeiten gilt weiterhin die Regel, jeglichen Einsatz von KI transparent zu machen. Ob und in welchem Ausmaß die Technologie tatsächlich eingesetzt werden darf, obliegt der Leitung der Lehrveranstaltung.
Daten bleiben in der EU
Schon vor einem Jahr, im Mai 2024, brachte die Uni einen KI-gestützten Chatbot für Mitarbeitende an den Start. Wie bei studiGPT, beide Anwendungen wurden übrigens vom IDea_Lab gemeinsam mit dem Grazer KI-Pionier Leftshift One entwickelt, gilt auch bei uniGPT: Eingegebene Daten werden nicht für das Training von KI-Modellen verwendet, zudem werden alle Anfragen auf Rechenzentren innerhalb der Europäischen Union verarbeitet.
Welche Erfahrungen man in den letzten zwölf Monaten sammelte? „Die persönliche Begleitung ist extrem wichtig“, sagt Michael Freidl, Leiter des IDea_Lab, eines interdisziplinären digitalen Labors der Universität. Vor allem das Prompten, also das Formulieren der Aufgaben, sei eine „komplett neue Kulturtechnik“. Die vielerorts eine Hürde darstelle.
Auch deswegen zahle man für den laufenden Betrieb des KI-Bots, berechnet wird prinzipiell pro Eingabe, noch „weniger als erwartet“, wie Freidl erzählt. Verwendet wird der Chatbot von den Beschäftigten primär für die Zusammenfassung großer Dokumente und das Schreiben von E-Mails.
Abkoppelung von der Echtzeit-Suche
Freilich: Die individuell designten Bots haben im Vergleich mit gewisser kommerzieller Konkurrenz auch Einschränkungen an Bord. Die vermutlich wesentlichste ist die Abkoppelung von der Echtzeit-Suche. Das habe vor allem mit Datenschutzanforderungen zu tun, heißt es von IDea_Lab und Leftshift One. Denkbar wäre, dass das Suchservice künftig außerordentlich und nach expliziter Zustimmung der Anwender angeboten wird.
Andere Funktionalität wiederum findet sich nur in den Uni-Bots. So können Nutzer etwa auf eine Prompt-Bibliothek zurückgreifen und im Chatfenster selbst zwischen vier großen KI-Modellen wechseln. Zur Auswahl stehen dabei zwei Sprachmodelle von Marktführer OpenAI, dazu noch zwei Open-Source-Varianten – transparentere Software, deren Quellcode zugänglicher ist – von Meta und dem französischen Unternehmen Mistral AI.
Die Diversifizierung sei auch dem Bedürfnis vieler Forschender geschuldet, die eine Abhängigkeit vom US-amerikanischen ChatGPT-Erfinder OpenAI kritisch sehen. „Uns geht es um einen klugen Technologie- und Partnermix“, sagt Markus Fallenböck.
16 ECTS für „KI und Gesellschaft“
Mit dem sogenannten Micro-Degree „KI und Gesellschaft“ startet die Uni zugleich auch eine Zusatzausbildung mit 16 ECTS-Punkten, die allen Bachelor- und Diplomstudierenden offensteht. „Diese Ausbildung in KI umfasst daher nicht nur technische Anwendungen, sondern auch rechtliche und ethische Aspekte“, erklärt Rektor Peter Riedler.
„Wir wollen die KI nicht nur diskutieren und beforschen, sondern sie auch aktiv nutzen und gestalten“, sagt Markus Fallenböck. Auch deswegen setze man bereits jetzt intensiv auf den Einsatz KI-generierter Schulungsvideos, basierend auf HeyGen.
Im November wird die Universität schließlich zusammen mit der TU, Joanneum Research und FH Joanneum zum zweiten Mal den Technology Impact Summit veranstalten. Debattiert wird dort, welche Auswirkungen KI auf die Arbeitswelt und das tägliche Leben hat.