Man nehme „Kritik sehr ernst“, betont Barbara Schmidt. Die Generalsekretärin des Verbands „Oesterreichs Energie“ verweist aber auch darauf, dass sich in der Energieversorgungsbranche bisweilen das Gefühl breit mache, für alles verantwortlich gemacht zu werden, was derzeit am Wirtschaftsstandort nicht rund läuft – von der Inflation über die sinkende industrielle Wettbewerbsfähigkeit bis hin zur Rezession. Schmidt verweist darauf, dass die Strompreise sinken, es gehe um eine Versachlichung der Debatte. Der Verband um Präsident und Verbund-Chef Michael Strugl hat daher eine Studie beim Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in Auftrag gegeben, in der die Entwicklungen der Industriestrompreise analysiert werden. Ein Fazit von Studienautor Sven Kreidelmeyer: Die Industriestrompreise in Österreich liegen mit durchschnittlich 14,8 Cent je Kilowattstunde im europäischen Vergleich im Mittelfeld, im Vergleich zu den USA und China liegen sie jedoch deutlich höher.
Hauptgrund ist der insbesondere ab Mitte 2021 massiv gestiegene Gaspreis. Vor 2021 sei dieser in der EU gegenüber den USA beim Faktor zwei gelegen, heute fast beim Faktor vier. Das schlage zwar nicht zur Gänze auf den Strompreis durch, die Entwicklung sei aber eindeutig: Vor 2021 sei der Industriestrompreis in der EU im Schnitt zehn Prozent über jenem der USA gelegen, jetzt seien es 70 Prozent, so Kreidelmeyer.
In der Studie wird auch der Frage nachgegangen, wie groß der Einfluss des Industriestrompreises für die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie sei. Gemessen am Umsatz – auf die gesamte Industrie bezogen – komme man zum Ergebnis, dass der Energiekostenanteil im Schnitt bei zwei Prozent liege, der reine Stromkostenanteil bei 0,9 Prozent, während etwa der Personalkostenanteil bei 19 Prozent liege. Kreidelmeyer betont aber auch, dass es sehr wohl Industriezweige gebe – genannt werden vor allem die Chemie- und die Mineralindustrie, zum Teil auch die Segmente Papier sowie Metalle und Stahl – wo die Energiekosten eine deutlich höhere Bedeutung haben. Zumal perspektivisch die zunehmende Elektrifizierung der Prozesse in fast allen Branchen die Stromkosten und damit auch die Anteile am Umsatz erhöhen werden. Strugl betont, dass die Situation auf der jeweiligen betrieblichen Ebene sehr unterschiedlich sein könne, mit den statistischen Daten dieser Studie wolle man aber zur Objektivierung beitragen. Je nach Branche wirken sich die Stromkosten unterschiedlich auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus.
Strompreiskompensation „zu präferieren“
Daher wurde auch erhoben, was ein treffsicheres Unterstützungsinstrument für diese stromintensive Industriezweige wäre. Hier wird auch von „Oesterreichs Energie“ auf Basis der Studie die sogenannte Strompreiskompensation, also das Strompreiskostenausgleichsgesetz (SAG), das es für 2022 bereits einmal gab, als „zu präferierende Maßnahme“ empfohlen, so Strugl. Diese schneide hinsichtlich Treffsicherheit, Umsetzbarkeit und staatlichem Mittelaufwand am besten ab. Um den Industriestrompreis um rund drei Cent je Kilowattstunde zu senken, seien circa 230 Millionen Euro notwendig.
„Stabiler, moderner Rechtsrahmen nötig“
Es sei völlig klar, das gelte für ganz Europa, dass die Energiekosten ein „spielentscheidender Faktor für Unternehmen und den Standort sind“, so Strugl. Mittel- bis langfristig sei ein vergrößertes Angebot in der Erzeugung notwendig, um möglichst viel Energie selbst erzeugen zu können. Ein Muss sei auch der Netzausbau, doch dieser müsse „kosteneffizient, klug und systemdienlich erfolgen“. Wenn man schlecht plane, erhöhen sich die Kosten um 30 bis 40 Prozent, was dann entsprechend auf die Netzkosten durchschlage, so Strugl, der auch dafür plädiert, den „integrierten österreichischen Netzinfrastrukturplan, kurz ÖNIP, noch einmal zu überprüfen. Verfahren für den notwendigen Ausbau von Erzeugungskapazitäten, Speichern und Leitungen müssen beschleunigt werden und auch der Rechtsrahmen müsse stabil und modern sein, so Strugls Appell. Vom Energiekrisenbeitrag von rund 200 Millionen Euro, den die Branche zur Budgetsanierung beitragen muss, zeigt sich Strugl – wenig überraschend – abermals wenig glücklich. Auf längere Sicht sollte man dafür „bessere Wege finden“, zumal die Energiewirtschaft in den nächsten Jahren Milliardeninvestitionen stemmen müsse und werde – „das ist inmitten einer Rezession ein sehr wichtiger Impuls, dafür brauchen wir aber auch unsere Erlöse“, so Strugl.
„Einzelne Unternehmen, einzelne Sektoren, denen man helfen muss“
Man sei oft mit der Kritik konfrontiert, „dass insgesamt die Preise viel höher sind als im Ausland, dass Probleme im Wirtschaftsstandort immer wieder auf die Strompreise geschoben werden“, sagt auch Generalsekretärin Schmidt. Dass die Strompreise in Österreich weiterhin höher seien als vor der Energiekrise, sei für manche Industrien ein Problem, das gelte aber nicht für alle, so Schmidt auf Basis der Studie. „Es geht gezielt um einzelne Unternehmen, einzelne Sektoren, denen man helfen muss.“