„Aber die Zukunft ist ungeschrieben. Die Zukunft ist so schön vakant.“
Dass der deutsche Liedermacher Thees Uhlmann ein präziser Beobachter des Zeitgeschehens ist, steht außer Frage. Möglicherweise aber besitzt er auch besondere Fähigkeiten zur Prognose – und verstand die 2019 geschriebenen Zeilen als Analyse des aktuellen Börsengeschehens. Tatsächlich lässt dort schon der Blick in die unmittelbare Zukunft viele Fragezeichen aufpoppen.
Ruhetag Dienstag
Zieht man die Aktienkurse als Gradmesser heran, könnte man nach dem Handelstag am Dienstag immerhin den Eindruck gewinnen, dass sich die Lage rund um die US-Zollpolitik etwas beruhigt hat. Nach verheerend verlustreichen Börsentagen haben die Aktienmärkte einen Erholungskurs eingeschlagen.
In Wien konnte der ATX um rund 2,3 Prozent zulegen – seit US-Präsident Donald Trump seine Sonderzölle angekündigt hat, summiert sich das Minus dennoch auf fast neun Prozent. Auch der DAX in Frankfurt kletterte am Dienstag um rund 2,4 Prozent nach oben.
Stehen die Zeichen aber wirklich auf Entspannung? Viele Hinweise deuten eher auf das Gegenteil hin. Ab Mittwoch gelten die 20-prozentigen Sonderzölle auf EU-Importe, Brüssel will daher die erste Liste an Gegenzöllen final absegnen und arbeitet an weiteren Maßnahmen. Parallel dazu wird versucht, eine Verhandlungslösung mit den USA zu erzielen, bisher ohne Erfolg. Am 17. April wird Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu Trump reisen. Sie hatte im Jänner als einzige EU-Regierungschefin an der Zeremonie zu Trumps Amtsantritt teilgenommen. Es wird nun spekuliert, ob Meloni dank ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu Trump im Zollstreit vermitteln könnte.
Liveticker zum Zollbeben
104 Prozent Zölle gegen China
Besonderes Augenmerk liegt auf dem Konflikt zwischen den USA und China – hier dreht sich die Eskalationsspirale in rasantem Tempo weiter. Wie berichtet, hat China auf die 34-prozentigen US-Zusatzzölle mit Gegenzöllen von ebenfalls 34 Prozent reagiert. Das wiederum veranlasste Trump zur Drohung, Peking mit Zöllen von noch einmal 50 Prozent zu belegen. Die Antwort aus China, trocken und unmissverständlich: Bestünden die USA weiterhin auf diesem Weg, werde „China sie definitiv bis zum Ende begleiten“.
Trumps Ultimatum zur Rücknahme der Gegenzölle ließ man verstreichen. Daher wollen die USA nun zusätzliche Zölle von in Summe 84 Prozent auf alle chinesischen Importe einheben. Das bedeutet unterm Strich, dass alle Waren aus dem Land mit Zöllen von mindestens 104 Prozent belegt werden – der Zollsatz übersteigt den Warenwert. China warnt, dass man entschlossene Gegenmaßnahmen ergreifen werde. Trump geht indes davon aus, dass Peking einlenken wird.
US-Börsen geben Gewinne wieder ab
Diese Auseinandersetzung, die besonders folgenreich werden könnte, hat auch das Zeug dazu, in den kommenden Tagen und Wochen die Finanzmärkte wieder in Aufruhr zu versetzen. Das zeigte sich bereits am Dienstag. Binnen kürzester Zeit gaben die US-Börsen ihre Anfangsgewinne von vier Prozent und mehr größtenteils wieder ab.
Zudem warnt die US-Notenbank Fed vor den Auswirkungen der aggressiven Zollpolitik auf US-Unternehmen. Austan Goolsbee, Fed-Regionaldirektor, berichtet auf CNN von der wachsenden Sorge der Firmen, dass es zu Lieferengpässen und damit zu einer steigenden Inflation kommen könnte. Auch das birgt große Risiken für die Börsen.
Wie es weitergehen kann
Dass die Situation an den Kapitalmärkten bereits jetzt historischen Stellenwert genießt, analysiert indes der Börsianer Josef Obergantschnig für die Kleine Zeitung. So hätte es in den vergangenen hundert Jahren nur sechsmal die Situation gegeben, dass der US-Leitindex S&P-500 binnen zwei Tagen um mehr als zehn Prozent fiel. Wie es nach den Zweitages-Schocks weiterging? Dreimal, 1929, 1937 und 1987, fielen die Kurse anschließend weiter und notierten zwölf Monate nach dem Crash deutlich weiter im Minus. Zweimal aber, 2008 und 2020, erholten sich die Finanzmärkte von den Rückfällen schnell und deutlich. Vor fünf Jahren, nach Covid-bedingten Verlusten, zündeten die Börsen sogar ein wahres Kursfeuerwerk.
In Summe, so Obergantschnig, sollte man als Investor jedenfalls einen „Langfristfokus“ haben. Speziell, wenn man auf Aktien als Anlageklasse setzt. Josef Obergantschnig mit dem Verweis auf empirische Kapitalmarktforschung: „Bei einem Veranlagungszeitraum von 20 Jahren geht die Wahrscheinlichkeit, mit Aktien Geld zu verlieren, fast gegen 0 Prozent“.