Heute war der erste Lostag für KTM. Der erwartete Gläubiger-Andrang am Extraeingang des Landesgerichts Ried zur Berichtstagsatzung, einer ersten Entscheidung über die Zukunft der insolventen KTM, ist Freitagvormittag ausgeblieben. In zwei Stunden Abständen standen die Verhandlungen zur KTM AG und ihren zwei Töchtern KTM Components GmbH und KTM Forschungs & Entwicklungs GmbH auf dem Programm. Jetzt steht fest: Die KTM AG und die genannten Töchter werden fortgeführt. – mit Eigenverwaltung. Gläubigervertreter Karl Heinz Götze, Leiter der Abteilung Insolvenz im KSV1870, meinte bereits beim Eintreffen vor Gericht, dass er eine Fortführung der KTM AG erwarte. Die Aktien der KTM-Muttergesellschaft Pierer Mobility haben nach Bekanntgabe der Entscheidung einen Kurssprung von 25 Prozent auf 13,75 Euro hingelegt. 

Der Sanierungsverwalter Peter Vogl hat in der heutigen ersten Gläubigerversammlung zur KTM AG die Fortsetzung des Verfahrens als Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung befürwortet, weil diese für die Gläubiger im Rahmen einer Gesamtbetrachtung derzeit keinen Nachteil darstellt, wie der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) erklärt.

Im Rahmen der ersten Berichtstagsatzung, die heute stattfand wurde vom Insolvenzverwalter über die bisherigen Erhebungen berichtet: Derzeit ist dieser vor allem mit der Überprüfung der Vermögenslage, Einschätzung der Angemessenheit des Sanierungsplanangebotes und der Aufarbeitung von Anfechtungs-, Haftungs- und sonstigen Ansprüchen beschäftigt, und es wurden bereits mehrere Sachverständige beauftragt.

Bei der Insolvenzschuldnerin KTM AG handelt es sich um die zentrale Gesellschaft der KTM-Gruppe. Insgesamt gibt es mehr als 60 Tochtergesellschaften. Nach dem Bericht des Verwalters funktioniert die Zusammenarbeit mit der Schuldnerin sowie sämtlichen Organen der schuldnerischen Gesellschaft gut und alle erforderlichen Informationen werden unverzüglich zur Verfügung gestellt.

Eigenverwaltung

Das Unternehmen wird derzeit in Eigenverwaltung fortgeführt. Laut AKV wurde von keinem der anwesenden Gläubiger der Entzug der Eigenverwaltung beantragt. Die von der Insolvenzschuldnerin vorgelegte Liquiditätsplanung zur Unternehmensfortführung wurde und wird im Zuge des Insolvenzverfahrens durch Sachverständige validiert. Nach derzeitiger Einschätzung besteht ausreichende Liquidität im Unternehmen bis zum Zeitpunkt der Prüfungstagsatzung.

Die Liquidität für alle 3 insolventen Gesellschaften (KTM AG, KTM Forschungs & Entwicklungs GmbH und KTM Components GmbH) soll über die KTM AG sichergestellt werden. Zur allgemeinen Marktlage im Produktionssektor der KTM-Gruppe könne ausgeführt werden, dass extern beauftragte Sachverständige (Marktanalysten) von einem grundsätzlich wachsenden Markt ausgehen, jedoch die in Österreich vergleichsweisen hohen Produktionskosten die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

„Löhne für Dezember werden bezahlt werden können“

2023 kam es - nach dem COVID-Pandemie bedingten Hoch - zu einem Rückgang der Marktnachfrage. Gemäß Bericht des Verwalters wird die Zahl des zur Sanierung notwendigen Mitarbeiterabbaus von ursprünglich geplanten 500 MitarbeiterInnen auf voraussichtlich unter 300 in allen drei insolventen Unternehmen reduziert. „Der Sanierungsverwalter hat in der Berichtstagsatzung ausdrücklich hervorgehoben, dass die Löhne und Gehälter der Dienstnehmer für Dezember bezahlt werden können“, heißt es beim AKV. Der von der Schuldnerin vorgelegte Finanzplan werde durch den Sanierungsverwalter sowie beigezogene Sachverständige laufend kontrolliert sowie angepasst und könne derzeit eingehalten werden.

Die Novembergehälter und das Weihnachtsgeld sollen die KTM-Beschäftigten aus dem Insolvenzentgeltfonds bekommen. Das sei bereits beantragt und wenn alles gut laufe, können sich die Betroffenen darauf einstellen, das Geld Ende Jänner zu bekommen, berichtete Sabine Wenzelhuemer, Insolvenzexpertin der Arbeiterkammer Oberösterreich, die für den Insolvenzschutzverband für Arbeitnehmer (ISA) rund 3.500 Personen vertritt.

Laut Creditreform haben drei Interessenten Absichtserklärungen vorgelegt, die ihre Bereitschaft erklärt haben, der KTM Gruppe über die Konzernmutter Pierer Mobility frisches Kapital zuzuführen. Dieses Kapital würde zur Erfüllung des Sanierungsplanes der KTM AG herangezogen werden.

KTM Components GmbH

Im Anschluss an die Tagsatzung im Insolvenzverfahren der KTM AG fand die 1. Gläubigerversammlung und Berichtstagsatzung im Insolvenzverfahren der KTM Components GmbH statt. Auch hier wurde die Fortsetzung des Verfahrens als Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung beschlossen, da diese für die Gläubiger im Rahmen einer Gesamtbetrachtung derzeit keinen Nachteil darstelle.

Beginn des Desasters

Begonnen hatte die Spirale der schlechten Nachrichten bereits im ersten Halbjahr, als der Mutterkonzern Pierer Mobility 373 Jobs strich - gut 300 davon am KTM-Standort Mattighofen - und wenig später noch einmal 120 bei der KTM Forschungs & Entwicklungs GmbH. Für die ersten sechs Monate 2024 meldete der börsennotierte Motorrad- und Fahrradhersteller schließlich einen Umsatzrückgang von 27 Prozent auf 1 Milliarde Euro, bei einem Periodenverlust von 172 Millionen Euro. Die Finanzmarktaufsicht prüft derzeit, ob den Ad-hoc-Pflichten korrekt nachgekommen wurde. Im August kündigte man an, aufgrund von Absatzrückgängen weitere 200 Jobs abzubauen. Man habe aber „frühzeitig tiefgreifende Maßnahmen“ gestartet, die im zweiten Halbjahr zu „einer deutlichen Verbesserung der Ergebnisse führen werden“, war Firmenchef Stefan Pierer damals überzeugt. Dass er am Freitag nach Ried kommen wird, war nicht zu erwarten.

Polit-Streit

Der oberösterreichische SP-Vorsitzende Alois Stöger hat unterdessen die ÖVP aufgefordert, die rund 400.000 Euro Parteispenden von Stefan Pierer an die Geschädigten der KTM-Insolvenz auszuzahlen. „Es ist nicht hinnehmbar, dass die Beschäftigten in der Weihnachtszeit um ihre Löhne und ihr Weihnachtsgeld bangen müssen, während die ÖVP das Geld von Pierer eingesteckt lässt. Eine christlich-soziale Partei müsste hier längst Verantwortung zeigen“, so Stöger am Tag vor den ersten Gläubigerversammlungen.

Keine guten Nachrichten

Mitte November wurde bekannt, dass KTM einen dreistelligen Millionenbetrag benötige, es folgte die Ankündigung von neuerlich 300 Kündigungen und eines Produktionsstopps für Jänner und Februar. Ende November leitete die Pierer Industrie AG ein europäisches Restrukturierungsverfahren – ein neuartiges Vorinsolvenzverfahren - ein. Kurz darauf meldeten die KTM AG und ihre beiden Töchter Insolvenz an. 250 der mehr als 3.600 Mitarbeitenden wurden bereits gekündigt, 500 weitere sollen noch folgen. In der Belegschaft herrscht Ungewissheit, wen es treffen wird. Nachdem auch eine Tochterfirma der insolventen KTM Components GmbH, die Vöcklabrucker Metallgießerei GmbH, einen Konkursantrag gestellt hat, verlieren dort zusätzlich 134 Menschen ihre Jobs.

Die Mitarbeitenden bei KTM warten immer noch auf ihre November-Gehälter und das Weihnachtsgeld - beides bekommen sie aus dem Insolvenz-Entgelt-Fonds - sowie auf die Dezember-Entgelte, die von der Firma versprochen, aber bisher noch nicht ausbezahlt wurden. Für jene, die von der Kündigung bedroht sind, bauen AMS und Land Oberösterreich eine Insolvenzstiftung auf.

Produktionsstopp vorgezogen

Der angekündigte Produktionsstopp wurde vorgezogen, die Fertigung in Mattighofen steht seit Freitag voriger Woche still. Im Jänner und Februar erfolgt dann die bereits angekündigte Betriebsunterbrechung - mit Lohn-und Gehaltskürzung - wegen des hohen Lagerbestands. Wie berichtet stehen bei KTM rund 130.000 Motorräder auf Lager, die zumindest teilweise nicht der ab kommenden Jahr geltenden Euro5+ Abgasnorm entsprechen sollen. Als Insolvenzursache verwies das Unternehmen aber unter anderem auf gestiegene Standortkosten und auf die Rezession.

Laut Gläubigerschutzverbänden hat KTM Schulden in der Höhe von mindestens 1,8 Milliarden Euro angehäuft, davon soll ein Großteil von rund 1,3 Milliarden Euro Banken betreffen. Gläubiger können noch bis spätestens 16. Jänner ihre Forderungen anmelden. Die Prüfungstagsatzung wurde für den 24. Jänner, die Abstimmung über den Sanierungsplan für 25. Februar anberaumt. Den Gläubigern wird im Sanierungsplan eine Quote von 30 Prozent zahlbar innerhalb von zwei Jahren angeboten.

Die Mitarbeitenden bei KTM, 3700 in Mattighofen, warten immer noch auf ihre November-Gehälter und das Weihnachtsgeld - beides bekommen sie aus dem Insolvenz-Entgelt-Fonds - sowie auf die Dezember-Entgelte, die von der Firma versprochen, aber dann doch nicht ausbezahlt wurden. Zudem stehen 750 Personen zur Kündigung an.

Fragen rund um Rosenbauer-Übernahme

Für Oberösterreichs SP-Chef Stöger wirft zudem die geplante Übernahme des Feuerwehrausstatters Rosenbauer durch ein Konsortium, dem Pierer angehört, Fragen auf. Denn an dem Konsortium ist neben Mark Mateschitz auch die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich beteiligt. Diese „droht bei KTM viel Geld zu verlieren. Andererseits will Raiffeisen Oberösterreich gemeinsam mit Herrn Pierer, der KTM gerade in die Insolvenz geführt hat, mit Rosenbauer ein weiteres Leitunternehmen im Land übernehmen“, wundert sich Stöger laut Aussendung. Kritik übt er in Sachen KTM-Insolvenz auch an der ÖVP-FPÖ-geführten Landesregierung: Sie habe es verabsäumt, bei der Bundesregierung zusätzliche Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik in Oberösterreich einzufordern.