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Rächt sich die Rastlosigkeit des Mr. KTM?

Die Milliarden-Insolvenz von KTM wirft Fragen auf, befeuert Kritik und kostet Arbeitsplätze. Stefan Pierers Lebenswerk steht auf der Kippe. Er will kämpfen.

Stefan Pierers Lebenswerk steht auf der Kippe.
© IMAGO/Michael Indra
Stefan Pierers Lebenswerk steht auf der Kippe.
Manfred Neuper
Wirtschaft

Bewundert, gefürchtet. Polternd, nachdenklich. Beinhart, hilfsbereit. Glattgebügelt war Stefan Pierer noch nie, einer, der nicht in Schubladen denkt und auch selbst in keine passt. Einer, der Ungeduld für seinen größten Fehler hält, ein Streitbarer, der wortgewaltig austeilt und auch kräftig einsteckt. Und das nicht erst, seit sein „Lebenswerk KTM“ zum milliardenschweren Sanierungsfall geworden ist.

Mit dem Bild des „Phönix aus der Asche“ hat der seit Montag 68-Jährige im Interview einmal den Ende 1991 erfolgten Kauf der KTM-Motorradsparte beschrieben. Der Konzern war damals bankrott, wurde zerschlagen. In Pierers Motorradbereich, er selbst war gerade einmal 35 Jahre alt, fertigten knapp 180 Beschäftigte 6000 Motorräder pro Jahr. Dass daraus einmal der größte Motorradhersteller Europas mit zeitweise gut 6000 Mitarbeitern und einer Jahresproduktion von rund 260.000 Motorrädern entstehen würde, war damals selbst für Pierer, der immer groß gedacht hat, nicht absehbar. Ebenso wenig, wie es noch vor Kurzem für die 3600 betroffenen Beschäftigten und die 2500 Gläubiger vorstellbar war, dass KTM zu einem der größten Insolvenzfälle der Zweiten Republik werden könnte. Mit Gesamtverbindlichkeiten von 2,9 Milliarden Euro sowie unbezahlten November-Löhnen, ausbleibenden Weihnachtsgeldern, die ein Fall für den Insolvenzentgelt-Fonds werden.

Massiver Abbau von Beschäftigten

Der Grat zwischen Risikobereitschaft, Selbstbewusstsein und Hybris ist in Pierers Universum ein schmaler. Sein Werdegang war nie stromlinienförmig. Aufgewachsen als jüngstes von vier Kindern auf einem Bauernhof im steirischen Etmißl (Bruck an der Mur) brachte er es bis zum Absolventen der Montanuniversität Leoben, die er 1982 als Diplomingenieur in Betriebs- und Energiewirtschaft abgeschlossen hatte. Heute ist er dort Vorsitzender des Universitätsrats und Ehrensenator. Einschneidend für seine bemerkenswerte Karriere war 1987 die Gründung der „Cross Industries“, einer Beteiligungsgesellschaft, die angeschlagene Unternehmen kaufte, sanierte und verwertete.

Risikoappetit war ihm aber tatsächlich nie fremd. „Du musst in schwierigen Zeiten Gas geben, jetzt kannst du Meter machen und vorangehen. Natürlich brauchst du dafür eine wetterfeste Unterhose, aber zaudern, fürchten und im Homeoffice einsperren? Dann kann ich meinen Unternehmensgegenstand aufgeben“, sagte er in Pandemiezeiten einmal zur Kleinen Zeitung. Die wetterfeste Unterhose war zuletzt aber nachweislich nicht bei der Hand, die Insolvenz erschüttert das Land und sein ohnehin erodierendes industrielles Fundament. KTM wird in zwei Monaten um fast 1500 Mitarbeiter weniger haben als noch zu Jahresbeginn, weil zu den 700 bereits gestrichenen Stellen noch einmal 750 hinzukommen.

„Wenn es jemand schafft, dann der Stefan“

„Wenn Weltmarken wie KTM wegbrechen, was kommt da noch auf uns zu?“, fragt sich ein Wirtschaftskapitän im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Experten und auch so manche Pierer-Kenner wundern sich über die Rasanz, in der es zum Absturz gekommen ist. Warum wurde nicht früher gegengesteuert, als aufgrund des Nachfrageeinbruchs Motorräder plötzlich vorwiegend für das Lager produziert wurden? 130.000 Stück beträgt der Motorrad-Überbestand aktuell, gut eine Milliarde Euro macht das Lagervolumen aus, die Bankschulden summieren sich auf 1,3 Milliarden Euro. Wie konnte dem Vollblut-Unternehmer Pierer, der immer stolz darauf war, seinen „unternehmerischen Weg ohne Abhängigkeiten geschafft zu haben“, das derart entgleiten? Hat er womöglich, wie es Florian Beckermann, Präsident des Anlegerverbandes IVA, formuliert, „auf zu vielen Hochzeiten getanzt?“ Pierer führt in seinem weitverzweigten Firmengeflecht vier Mandate in Vorständen, zwei als Aufsichtsrat und elf als Geschäftsführer. Er ist u. a. auch Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich. Aufsichtsrat von Mercedes-Benz. Über die neu gegründete Gesellschaft „Robau“ steigt er mit Mark Mateschitz beim Feuerwehrausstatter Rosenbauer ein. Und auch die waghalsige Übernahme der deutschen Leoni AG, samt Nachwehen, geriet zur Nervenschlacht. Rächt sich die Rastlosigkeit, ging der Fokus verloren? Aus Industriekreisen gibt es aber auch viel Zuspruch, „wenn es jemand schafft, dann der Stefan“, ist so ein Satz, der häufig zu vernehmen ist.

Pierer ist der „Mr. KTM“, ist erfolgreicher Architekt des Aufstiegs und nun Gesicht des bitteren Niedergangs. Schriftlich gab er bekannt, dass er um sein Lebenswerk kämpfen werde, das vermittelt Hoffnung. Gläubigerschützer wie Karl-Heinz Götze vom KSV1870 sehen damit zwingend die Notwendigkeit substanzieller finanzieller Beiträge Pierers einhergehen.

„Unternehmertum ist Versuch und Irrtum“

Das fordert auch die wachsende Phalanx an Kritikern. Jemand wie Pierer, der in seinen – teils polemischen, vielfach aber auch prophetischen – standortpolitischen Analysen regelmäßig und breitschultrig aneckt, muss nicht lange auf orkanartige Entrüstungschöre warten. Seine einstige Spende an die ÖVP von Ex-Kanzler Sebastian Kurz, Corona-Kurzarbeitshilfen für KTM, hohe Dividenden, die umstrittenen Landesförderungen für die KTM-Erlebniswelt hallen seit Tagen wieder durch das Land – an „Munition“ mangelt es nicht. Pierer ins neoliberale Milliardärs-Eck zu verfrachten, greift freilich zu kurz. Seit jeher ist er etwa ein Verfechter für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, er sprach sich – „auch wenn ich jetzt von einigen Kollegen geprügelt werde“, wie er sagte – gegen die Senkung der Körperschaftssteuer (Gewinnsteuer für Konzerne) aus. Beileibe keine „neoliberalen“ Klassiker also. Auch seine zahllosen regionalen Initiativen in seiner obersteirischen Heimatregion rund um Aflenz oder u. a. sein Engagement in der Lehrlingsausbildung, etwa bei Pankl, untermauern seine Vielschichtigkeit.

„Unternehmertum ist Versuch und Irrtum“, sagte Pierer einmal. „Beim Versuchen macht man natürlich Fehler. Da muss man das Glück haben, dass man die Fehler überlebt.“

Zur Person

Der Steirer Stefan Pierer -– seit 25. November 68 Jahre alt – kämpft nun laut eigenen Aussagen um sein Lebenswerk. „Wir sind in den letzten drei Jahrzehnten zu Europas größtem Motorradhersteller gewachsen.“ 

Er schloss sein Studium an der Montanuniversität Leoben (Betriebs- und Energiewirtschaft) ab und begann 1982 bei der HOVAL GmbH in Marchtrenk als Vertriebsassistent. Er wurde später Vertriebsleiter für Oberösterreich und Prokurist.

1987 gründete er die heutige Pierer Mobility-Beteiligungsgruppe, in der er als Mehrheitsaktionär und Vorstandsvorsitzender tätig ist. Seit 1992 ist er Aktionär und Vorstand der nunmehr KTM AG. Pierer sitzt in den Aufsichtsräten von Pankl Racing Systems AG, SHW AG, Mercedes-Benz Group AG und ist Vorsitzender des Universitätsrates der Montanuniversität Leoben.

Seit Juni 2022 ist der Unternehmer Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich, kritisiert in der Funktion die hohen Lohnnebenkosten, warnt vor der Abwanderung der Industrie und fordert eine längere Lebensarbeitszeit.

Zuletzt übernahm er mit dem Robau-Konsortium aus Pierer Industrie, Mark Mateschitz Beteiligungs GmbH, Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ) und Invest Unternehmensbeteiligungs AG die Mehrheitsbeteiligung am oberösterreichischen Feuerwehrausrüster Rosenbauer.

35 Millionen Euro hat Pierer allein zwischen 2014 und dem Vorjahr in die Revitalisierung und den Neubau von fast 70 Wohnungen sowie zehn Geschäftsflächen in Aflenz Kurort investiert. Als Ziel nannte er u. a.: Landflucht stoppen.

2003 hat sich Pierer bei der obersteirischen Pankl-Gruppe engagiert, sie ist zu 80 Prozent Teil der Pierer Industrie AG. Pierer bezeichnete Pankl einmal als „Kraftplatz“. Die Gruppe zählt 1600 Beschäftigte, vor allem in Kapfenberg, Bruck und Köflach.

3,6 Milliarden Euro Umsatz (ein Rekord) und ein Nachsteuerergebnis von 89 Millionen Euro wies die Pierer Mobility AG (u. a. KTM, Husqvarna, GasGas) für das Jahr 2023 noch aus. 2022 lag der Umsatz bei 3,3 Milliarden und das Nachsteuerergebnis bei 175,7 Millionen Euro.

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