Dienstagfrüh ist es ruhig am Parkplatz der Firma Wollsdorf Leder. Grauer Rauch steigt aus den Schornsteinen der Fabrik. Einige Arbeiter rauchen unter einer Laube. Sie sind wortkarg. „Die Stimmung ist nicht gut“, brummt einer. 370 Leute arbeiten in dem Werk. Montag wurde bekannt, dass 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (130 in der Produktion und 20 Angestellte) gekündigt werden. Produziert wird künftig in Mexiko. „Massive Probleme“ im Bereich der Produktion und eine „extrem angespannte“ Situation in der Industrie führten laut Arbeitsmarktservice-Chef Karl-Heinz Snobe dazu.
Die rauchenden Arbeiter halten sich zurück. Sie verweisen auf die Chefs. Doch auch von dort hört man keinen Kommentar: Michael Schmidt sei in Besprechungen, heißt es am Anmeldeschalter. Ulrich Schmidt sitzt in seinem silbergrauen Mercedes und telefoniert. „Aktuell will ich mich nicht äußern“, sagt er auf Nachfrage. Er rufe zurück.
„Kein Verlust?“
Bestürzung herrscht im Ort. „Mir tun die Arbeitskräfte leid, so eine Nachricht ist schlimm“, bedauert Herbert Ederer. Er steht vorm Lokal „Locker & Legere“ in St. Ruprecht. Er kenne einige Mitarbeiter. Ob sie betroffen sind, weiß er nicht. „Gerüchte gab es ja immer wieder, dass zugesperrt wird.“ Verlust sei es keiner, meint eine Dame im Lokal. Sie will anonym bleiben. „Dann stinkt es nicht mehr so.“ Ein anderer Gast kontert: „Das ist kleinlich. In den letzten Jahren hat sich der Geruch in Grenzen gehalten.“
„Man muss reagieren“
Im nahen Sparmarkt meint Betreiber Bernhard Lampl: „Wenn die wirtschaftliche Lage schlecht ist, muss man als Unternehmer reagieren.“ Ob sich die Streichung von 150 Jobs auf sein Geschäft auswirke, weiß er nicht. Wirtschaftlich seien die Gründe nachvollziehbar, menschlich nicht, ärgert sich Unimarkt-Betreiberin Martina Glettler-Weiß.
Auch sie erhielt im September eine Hiobsbotschaft: Unimarkt verkauft rund 90 Standorte. Auch ihr Markt ist betroffen. „Leider ist es heutzutage gang und gäbe, dass so mit Mitarbeitern umgegangen wird. Zum Schöpfen ist man gut genug und dann wird man rausgeworfen.“
„Hat gesehen, dass es Oha geht“
Die Bevölkerung reagierte teils verwundert. In der Firma überraschte die Botschaft weniger: Immer wieder seien Zahlen durch das Werk geschwirrt. „Zuerst hörte man von 20 Mitarbeitern, die gekündigt werden könnten, dann von 50, und jetzt sind es 150“, sagt ein Mitglied des Betriebsrates. Und ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich: „Man hat gesehen, dass es langsam Oha geht. Die Stimmung war sehr angespannt. Personal wurde von Jahr zu Jahr reduziert.“
Unter den Betroffenen sind zahlreiche Tagespendler aus Ungarn und Slowenien, aber auch einheimische Arbeitskräfte. Viele sind schon jahrelang bei Wollsdorf beschäftigt, dementsprechend lang sind manche Kündigungsfristen (teils bis in den März 2026).
Hoffen auf Nachfolge
Für den Standort könnte an einer Nachfolgelösung gearbeitet werden. „Es gab in der Vorwoche ein Gespräch mit Michael Schmidt. Er meinte, es gebe einen Plan, wir sollten ihm aber zwei Wochen Zeit geben“, erzählt eine langjährige Mitarbeiterin. „Wir hoffen, dass es nicht nur leere Versprechungen sind.“
Zieht der neue Nachbar Siemens Energy in die leeren Werkshallen? „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt Bürgermeister Franz Nöhrer. Und weiter: „Jeder Arbeitsplatz, der in der Region verloren geht, tut weh.“ Er ist mit dem AMS in Kontakt. Geplant ist ein Netzwerktreffen mit Betrieben aus der Region, um Arbeitskräfte weiterzuvermitteln. „Da stehen Existenzen und Familien dahinter.“
Die Gemeinde verliert für 2026 sieben Prozent der Kommunalsteuereinnahmen, in Zahlen sind das rund 200.000 Euro. Die Gemeinde setzt den Sparstift an. Nöhrer: „Wir konzentrieren uns auf die Pflichtausgaben. Freizeitprojekte wie die Erweiterung des Pumptracks werden hinten angestellt.“