Ein Brauch der Murauer Eisschützenrunde Grünfels sorgt derzeit für heftige Diskussionen: Zum Saisonende wird traditionell die „Eisbahndudel“ verbrannt – eine Frauenfigur aus Stroh, die am Galgen hängt und schließlich angezündet wird. Was für die Runde gelebte Tradition ist, stößt online auf deutliche Kritik.
Ausgelöst wurde die Debatte durch einen öffentlich geposteten Facebook-Beitrag von ÖVP-Stadtparteiobmann Adolf Bogensberger. In den Kommentaren äußerten vor allem Frauen Unverständnis. Symbolisch eine Frau im Dirndl zu verbrennen, verharmlose Gewalt, die Frauen bis heute real erleben, heißt es etwa. In Zeiten, in denen Femizide regelmäßig Thema sind, wirke ein solcher Brauch „nicht unschuldig, sondern problematisch“.
„Kann auch ein Mann sein“
Für Präsident Manfred Mildner ist die Aufregung schwer nachvollziehbar. Die „Eisbahndudel“ werde seit über 135 Jahren verbrannt. „Sie steht für das Dunkle, den Winter, der vertrieben wird“, erklärt er. Der Brauch stamme aus dem bayerischen Raum und habe nichts mit realer Gewalt zu tun. „Es geht nicht gegen ein Geschlecht. Wenn es beruhigt, kann man nächstes Jahr auch einen Mann verbrennen.“ Man wolle auch künftig am Ritual festhalten. Für die Eisschützen bleibt es ein Stück gelebter Kultur.
Auch Bogensberger sieht keinen Anlass zur Kritik. Man habe den Brauch übernommen „ohne Hintergedanken“. Dass Frauen Teil der Runde seien, zeige, dass sich bislang niemand daran gestoßen habe.
„Irritierende und gewaltverharmlosende Inszenierung“
Anders bewertet das der Grazer Frauenrat gemeinsam mit dem Women’s Action Forum. In einem offenen Brief spricht man von einer „irritierenden und gewaltverharmlosenden Inszenierung“. Bilder wie diese würden gesellschaftliche Wirklichkeit mitprägen. Das öffentliche Hängen und Verbrennen einer weiblich dargestellten Figur erinnere historisch an Hexenverfolgung und symbolisch an reale Gewalt gegen Frauen.
Dass Tradition allein kein Argument sei, wird dabei ausdrücklich betont. Bräuche könnten sich verändern – und müssten sich auch weiterentwickeln, wenn sie nicht mehr zu heutigen gesellschaftlichen Werten passen. „Weil Traditionen nicht in Stein gemeißelt sind, dürfen sie verändert und an eine Gesellschaft angepasst werden, die sich weiterentwickelt hat und in der Frauen gleichberechtigte Mitglieder des öffentlichen Lebens sind“, heißt es sinngemäß in dem offenen Brief, den Anna Majcan für den Grazer Frauenrat sowie Michaela Zingerle und Irina Karamarković für das Women‘s Action Forum unterstützen.
Eine ähnliche Diskussion läuft derzeit rund um das Unesco-Kulturerbe der „Funkenhexe“ in Vorarlberg: Dort haben einige Veranstalter bereits reagiert und ersetzen die weibliche Figur durch neutrale Symbole.