Ein Viertel der Volksschulkinder in der Steiermark spricht eine andere Erstsprache als Deutsch. Im Ballungsraum Graz trifft das mittlerweile sogar auf 55 Prozent der Kinder in den öffentlichen Volksschulen zu. Der Blick auf die Details lässt dabei immer wieder Diskussionen aufflammen. Während es Volksschulen in Graz gibt, wo kaum mehr ein Kind in den Klassenzimmern sitzt, dessen Eltern Deutsch sprechen, bleiben Kinder mit deutscher Muttersprache an anderen Standorten fast unter sich. Die Schere klafft dabei weit auseinander: So sprechen in der VS Mariatrost nur zehn Prozent der Kinder eine andere Erstsprache als Deutsch, in der VS St. Andrä im Bezirk Gries sind es 98 Prozent. Was tun? Wie gegensteuern, damit möglichst viele Kinder gute Bildungschancen haben?
In der Stadt Weiz hat man für das kommende Schuljahr eine neue Antwort auf diese Frage gefunden. Zwei Volksschulen gibt es in der 12.000-Einwohner-Stadt, eine größere im Stadtzentrum, eine kleinere am Weizberg. Über die Jahre manifestierte sich ein Trend: Am Standort im Stadtzentrum, wo Zuzügler günstigere Wohnungen finden, nahm die Zahl der Kinder mit einer anderen Erstsprache zu. Die Schule am schon etwas ländlicheren Weizberg wurde von alteingesessenen Weizern präferiert. „Das hat sich so zugespitzt, dass es dann erste Klassen gegeben hat, in denen bis zu 70 Prozent der Kinder Deutsch als Zweitsprache hatten“, erklärt Bürgermeisterin Bettina Bauernhofer (SPÖ).
Entwicklung gestoppt
Mit der Anmeldung für das kommende Schuljahr hat Weiz nun einen Schlussstrich unter diese Entwicklung gezogen. Wer sein Kind für den kommenden Herbst anmeldete, konnte sich die Schule nicht mehr aussuchen. In einem komplexen Prozess, in den auch Bildungsdirektion, Kindergärten und externe Experten einbezogen waren, wurden die Schulanfänger so auf die zwei Standorte mit jeweils drei Klassen verteilt, dass sich überall dasselbe Bild bietet: Zwei Drittel der Schulanfänger in jeder Klasse haben Deutsch als Muttersprache, ein Drittel nicht. Mit dieser Zuordnung allein war es nicht getan. „Es gibt ja Kinder, die sprechen kaum Deutsch, andere sind zweisprachig, auch das haben wir berücksichtigt“, erklärt die Bürgermeisterin, die den eingeschlagenen Weg auch über das kommende Schuljahr hinaus fortsetzen möchte.
Graz setzt auf die Wünsche der Eltern
Kann der Weizer Weg ein Denkanstoß für Graz sein? Kann und soll Graz die Schülerströme auf Basis der Sprachkenntnisse aktiv steuern? Bildungsstadtrat Kurt Hohensinner (ÖVP) winkt schon allein aufgrund der Größenverhältnisse ab. In Weiz wurden rund 130 Kinder quasi „handverlesen“, in Graz gibt es 39 öffentliche Volksschulen, die von fast 10.000 Kindern besucht werden. Hohensinner nennt die Art und Weise wie in Graz Schulplätze vergeben werden, eine „Erfolgsgeschichte“. Bei der Onlinevormerkung für die Taferlklassler können drei Wunschschulen angegeben werden. „Neun von zehn Eltern erhielten in der Vormerkung für das kommende Schuljahr ihre Erstpriorität. In der Stadt Graz ist der Elternwunsch entscheidend und die Zahlen geben dem System recht. Eine Zwangszuteilung der Kinder ist aus unserer Sicht weder durchführbar noch sinnvoll“, so der Bildungsstadtrat.
Attraktivierung von Standorten
Hebel, um eine bessere Durchmischung der Klassen zu erreichen, sucht man freilich auch in Graz. Eine von Hohensinner beauftragte Studie der Karl-Franzens-Universität empfiehlt unter anderem die Unterstützung von Elterninitiativen und die Attraktivierung von Standorten durch Schwerpunktsetzung. Beides setze man um. Wo sich Volksschulen, die innerhalb eines Viertels liegen, gegenläufig entwickeln, schaue man besonders hin. Die International-Baccalaureate-Zertifizierung der VS Leopoldinum in der Smart City nennt Hohensinner hier als Beispiel. Englischsprachiger Unterricht, der damit verbunden ist, soll auch bildungsaffine Eltern vom Standort in Eggenberg überzeugen. Bewusst wird in den kommenden Jahren in die Sanierung und den Ausbau von Schulen am rechten Murufer investiert, um die Standorte auch baulich attraktiv zu machen.
Restriktive Zuwanderung gefordert
Sonst noch auf der „Wunschliste“ des Bildungsstadtrats, damit alle Grazer Kinder möglichst gute Bildungsschancen in der Volksschule haben? „An allererster Stelle steht eine restriktive Zuwanderung, damit unsere städtischen Systeme in der Bildung, aber auch im Sozialbereich nicht überfordert werden“, hält Hohensinner fest. „Die Grundlage für gute Bildungschancen wird bereits im Kindergarten gelegt“, unterstreicht er außerdem. Ausreichend Betreuungsplätze und genügend Sprachförderung seien hier das Gebot der Stunde, Kürzungen im Bildungsbudget prangert Hohensinner in dem Zusammenhang einmal mehr an. Ein Lichtblick: Die Ausweitung des „Chancenbonus“ durch den Bund. „Dadurch können Schulen autonom entscheiden, welche Ressourcen, insbesondere im Bereich Personal, ihr Standort zusätzlich benötigt, um den Anforderungen des täglichen Schulbetriebs gerecht zu werden“, unterstreicht Hohensinner.