In Wien gibt es schon lange zahlreiche Badeplätze an der Neuen Donau, in Basel lässt man sich im Rhein treiben und in Zürich gehört das Schwimmen in der Limmat ganz selbstverständlich zum Sommer – manche nutzen die Strömung sogar, um zur Arbeit zu pendeln. Paris machte gerade Schlagzeilen mit dem Schwimmen in der Seine, das seit heuer endlich möglich ist – nach Investitionen von rund 1,5 Milliarden (!) Euro. Und auch in Rom wurde ein ambitioniertes Projekt angekündigt: Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri will den Tiber badetauglich machen. Ziel sei es, den Fluss nicht nur zu säubern, sondern ihn den Bürgerinnen und Bürgern dauerhaft zurückzugeben – als Ort der Begegnung, Erholung und, langfristig, sogar als Badeort.

„Wenn es Paris schafft, in der Seine zu baden, dann sollten wir das wohl auch in Graz in der Mur schaffen“, sagt die Grazer Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne). Gemeinsam mit Klubobfrau Sandra Krautwaschl will sie sich dafür einsetzen, dass man in steirischen Flüssen auch baden kann – etwa in der Mur. Mit Badestellen könnten mitten in der Stadt attraktive und leistbare Möglichkeiten zur Abkühlung entstehen, und das Zeiten, in denen sich viele die teuren Schwimmbadpreise nicht mehr leisten können.

Verboten ist Baden in der Mur nicht

Die Wasserqualität der Mur hat sich seit früheren Zeiten, da ihr nicht ganz zu Unrecht ein Image als einer der dreckigsten Flüsse Europas anhaftete, tatsächlich massiv verbessert, in Graz sorgt seit drei Jahren der Zentrale Speicherkanal (ZSK) für eine weitere Verbesserung, dazu wird ab heuer ein neuer Stauraumkanal in der Hilmteichstraße gebaut. Spätestens seit dem Aufstauen durch das Murkraftwerk, der neu geschaffenen Augartenbucht und dem Stadtstrand wird die Mur auch von vielen Grazerinnen und Grazern als Erholungsort genutzt: Zum Kajakfahren und Stand-up-Paddling, teils sogar auch zum Plantschen – obwohl mehrere Tafeln an beliebten Stellen explizit deutlich machen, dass wegen unregelmäßiger Strömungen Ertrinkungsgefahr besteht und man nicht im Fluss schwimmen sollte. Ein offizielles „Badeverbot“ ist ohnehin nicht möglich, weil die Mur als öffentliches Gewässer fließt.

Die Grazer Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und Sandra Krautwaschl, Klubobfrau der Grünen im Landtag
Die Grazer Vizebürgermeisterin Judith Schwentner und Sandra Krautwaschl, Klubobfrau der Grünen im Landtag © Grüne Steiermark

Die Mur als Badegewässer, geht das überhaupt?

Aber könnte man die Mur überhaupt abgesehen davon als Badegewässer ausweisen? „Eine dauerhafte Aufrechterhaltung der Wasserqualität ist Fließgewässern nicht möglich“, gibt Clemens Matzer, Experte für Wasserwirtschaft, zu bedenken: Einerseits gebe es diffuse Quellen wie ausgetretenes Motoröl von Unfällen, Chemikalien aus landwirtschaftlicher Nutzung oder Abrieb aus dem Straßenverkehr, die bei starken Regenfällen in die Mur gespült würden, andererseits als punktuelle Quellen die vielen Kläranlagen entlang des Flusses. Seit 1. Jänner 2025 gilt die kommunale Abwasserrichtlinie (KARL) der EU, laut der Siedlungsgebiete mit mehr als 150.000 Einwohnern (in der Steiermark also nur die Stadt Graz) bis 2045 die vierte Klärstufe erreichen müssen. Diese Klärstufe mit UV- und Aktivkohlefiltration wird derzeit in der Steiermark noch nicht eingesetzt, auch wenn derzeit schon vereinzelt UV-Filter im Einsatz sind. Für Siedlungsgebiete bis 10.000 Einwohnern gibt es noch keine klare Regelung – sie sollen die vierte Stufe einsetzen müssen, wenn sie in Risikogebieten gelegen sind. Was das heißt, ist allerdings noch nicht klar definiert. Dazu kommen aber auch noch Kläranlagen von Industriegebieten, für die wieder andere Richtwerte gelten, und natürlich die erwähnten Einschwemmungen bei Regen. „Selbst mit der Nachrüstung der Kläranlagen kann man die Qualität nicht aufrechterhalten“, sagt Matzer.

Aktuelle Messdaten zur Wasserqualität hinsichtlich einer Badetauglichkeit gibt es nicht – da ja auch keine Notwendigkeit dafür gegeben ist. Thomas Battisti von der steirischen Gewässeraufsicht verweist aber auf eine ausführliche Untersuchung der Mur aus dem Jahr 2011: „Demnach ist die Mur von ganz oben bis ganz unten nicht badetauglich, vor allem ab Zeltweg ist die Belastung so hoch, dass man das nicht hinbringen wird.“

Land ist zurückhaltend – ob der Millionenkosten

Die zuständigen Landespolitiker, Agrarlandesrätin Simone Schmiedtbauer (ÖVP) und Umweltlandesrat Hannes Amesbauer (FPÖ), reagieren zurückhaltend, hätten doch die Mur und zahlreiche andere Fließgewässer in der Steiermark bereits eine gute Wasserqualität. „Fließgewässer aber durchgängig auf Badewasserniveau zu bringen, wäre ohne Millioneninvestitionen und umfangreiche Benutzungsbeschränkungen der umliegenden Räume aufgrund der teils dichten Besiedelung und Nutzung nicht möglich.“ Dieser unverhältnismäßige Aufwand sei in Hinblick auf die zahlreichen bestehenden Bademöglichkeiten nicht zu rechtfertigen. „Wir arbeiten aber weiterhin daran, die bestmöglichen Standards bei der Wasserqualität zu gewährleisten und kontinuierlich zu verbessern sowie ausreichende Bademöglichkeiten für die Steirerinnen und Steirer abzusichern“, so Schmiedtbauer und Amesbauer.

Die steirischen Grünen wünschen sich dennoch konkrete Schritte auf Landesebene und bringen in einem nächsten Schritt eine Petition bei der Landesregierung ein, um zu erfahren, welche konkreten Verschmutzungsquellen im Oberlauf der Mur die Wasserqualität beeinträchtigen und welche Schritte geplant sind, um für sauberes Wasser zu sorgen. Dazu gab es im September 2024 einen Gemeinderatsbeschluss gegen die Stimmen von FPÖ und auch ÖVP – letztere ebenfalls mit Verweis auf die massiven Kosten bei sehr zweifelhaftem Nutzen.

ÖVP-Chef Kurt Hohensinner spricht von einem „Sommerloch“-Thema der Grünen. „Besonders absurd ist, dass genau jene Partei, die gegen die neue Murufergestaltung und den Speicherkanal gestimmt hat – der nachweislich die Wasserqualität verbessert – nun dieses Ziel für sich reklamiert und sich dafür auch noch in der Augartenbucht ablichten lässt, deren Errichtung sie ebenfalls vehement bekämpft hat.“ Die Koalition solle für leistbaren Badespaß lieber die extrem hohen Eintrittspreise in den städtischen Bädern senken. „Mit Platz drei unter den teuersten Bädern der Steiermark hat Graz hier einen unrühmlichen Stockerlplatz erreicht“, so Hohensinner.