AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

Antisemitismus in Europa"Das ist die Neuauflage einer alten gesellschaftlichen Seuche"

Der US-Historiker und Holocaust-Experte sieht im Gespräch in Graz zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht einzig die Bildung als Antwort auf den neu aufflammenden Antisemitismus in Europa.

"In Deutschland trauen sich Juden nicht mehr mit der Kippa auf die Straße", sagt Levine
"In Deutschland trauen sich Juden nicht mehr mit der Kippa auf die Straße", sagt Levine © APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ
 

Herr Professor Levine, in den letzten Monaten wird das Phänomen des neuen Antisemitismus in Europa und auf der Welt intensiv diskutiert. Wie würden Sie diese neue Strömung charakterisieren?
Es gibt keinen neuen Antisemitismus, das ist nur eine neue Manifestation, eine Neuauflage des alten. Das ist eine gesellschaftliche Seuche, die in Europa eine lange Tradition hat. Salopp formuliert: Die Leute mögen die Juden nicht.

Wie macht sich der Antisemitismus in Europa real bemerkbar?
Das fängt an in Stockholm, wo ich meinen Sohn an eine jüdische Schule geschickt habe. Diese Schule braucht ein Drittel ihres gesamten Budgets nur für die Security. Oder in Deutschland trauen sich Juden nicht mehr mit Kippa auf die Straße. Heute tritt Antisemitismus aber auch verdeckt als Antizionismus auf. Leute kritisieren den Staat und die Politik Israels, zielen damit aber allgemein auf das jüdische Kollektiv ab. Politiker selbst können in Europa heute natürlich nicht mehr „dreckiger Jude“ sagen, sehr wohl aber "böser Israeli". Die Labours in Großbritannien haben gerade ein Problem mit solchen antisemitischen Tendenzen, also interessanterweise gibt es das nun auch in der Linken.

Das ist eine Vorstufe der Apartheid, was da an der Westbank geschieht.

Paul A. Levine
Bedeutet das aber, man kann in Anbetracht der Ungeheuerlichkeit des Holocausts die Politik Israels gar nicht mehr kritisieren, ohne in Verdacht zu geraten?
Schauen Sie, ich bin selber Jude, Amerikaner, der jetzt seit Jahrzehnten in Europa, in Schweden lebt, aber ich bin sehr kritisch gegenüber Israels Politik. Das ist eine Vorstufe der Apartheid, was da an der Westbank geschieht. Das geht einfach nicht, wenn dort ein jüdischer Innenminister ankündigt, dass man Palästinenser deportieren wolle. Und Benjamin Netanjahu ist ein Desaster für Israel und die Demokratie dort. Ich bin ja kein selbsthassender Jude, aber legitime Kritik muss natürlich möglich sein.

Als Deutscher oder Österreicher tut man sich da schwerer …
Ja, natürlich wird Kritik unterschiedlich aufgenommen, je nachdem, wer sie artikuliert. Und oft kippt legitime Kritik auch in irrationale.In der Debatte wird heiß diskutiert, ob für das Erstarken dieses Phänomens eher die Rechten verantwortlich sind oder doch die steigende Zahl muslimischer Einwanderer.
Viele Juden fühlen sich wegen der Immigranten aus muslimischen Ländern unwohl. Und es ist natürlich eine Herausforderung für uns alle, wenn nach Europa Tausende mit ihren Kindern aus islamischen Ländern kommen, wo in vielen ja überhaupt geleugnet wird, dass  es den Holocaust jemals gegeben habe.

US-Historiker und Holocaust-Experte Paul A. Levine.
US-Historiker und Holocaust-Experte Paul A. Levine. Foto © Bernd Hecke

Die Antwort ist immer Bildung. Muslimische Kinder müssen im Unterricht über die Geschichte des Holocausts erfahren, dürfen in diesen Stunden nicht fehlen.

Paul A. Levine
Was ist da das Rezept?
Die Antwort ist immer Bildung. Muslimische Kinder müssen im Unterricht über die Geschichte des Holocausts erfahren, dürfen in diesen Stunden nicht fehlen. Es ist ein Problem, wenn Eltern sich dagegen wehren und ihre Kinder vor der Erziehung in westlich-liberalen Werten abschirmen wollen. Und in der Demokratie ist alles natürlich auch eine Frage guter Leadership in der Politik.

Wie weit muss die Autorität in diesem Spannungsfeld der Kulturen durchgreifen? In Österreich beschließt die Politik ein Kopftuchverbot in Kindergärten und an Pflichtschulen …
Für Lehrerinnen oder Schülerinnen?

Aber insgesamt sind die westlichen Werte zu verteidigen. Ich bin jedenfalls für ein Verhüllungsverbot für Lehrer und im öffentlichen Raum.

Paul A. Levine
Für Schülerinnen …
Also, immer wenn man auf Kinder abzielt, halte ich das für problematisch. Aber insgesamt sind die westlichen Werte zu verteidigen. Ich bin jedenfalls für ein Verhüllungsverbot für Lehrer und im öffentlichen Raum. Da geht es vielleicht nicht unbedingt um ein Kopftuch, aber das Gesicht darf nicht bedeckt sein. Man kann einer Lehrerin schon sagen: "Wenn Sie bei uns arbeiten wollen, dann dürfen Sie sich nicht verhüllen." Auch im öffentlichen Raum kann man ein Verhüllungsverbot durchsetzen, die Leute können daheim tun, was sie tun wollen, aber in unserer westlichen Kultur hat das nichts verloren.

Die Nazis haben mehr als 400 Gesetze erlassen, die etwa regelten, dass Juden nicht auf einer Parkbank sitzen dürfen. So hat die Segregation im öffentlichen Raum begonnen.

Paul A. Levine
Soll also der Staat hier insgesamt noch stärker mit Gesetzen operieren?
Nein, in der Demokratie sollte man solche Dinge nicht mit Gewalt, auch nicht mit legaler Gewalt lösen, sondern möglichst im Dialog ausverhandeln. Unter den Nazis hat man – bevor es zur Vernichtung der Juden gekommen ist – auch mit legaler Gewalt operiert. Sie haben mehr als 400 Gesetze erlassen, die etwa regelten, dass Juden nicht auf einer Parkbank sitzen dürfen. So hat die Segregation im öffentlichen Raum begonnen.

Die Statistiken auch in Österreich belegen einen Anstieg von Übergriffen aus rassistisch, religiös motivierten oder fremdenfeindlichen Übergriffen …
Das ist auch eine Frage der politischen Leadership. In den USA sind antisemitische Übergriffe explosionsartig angestiegen. Das ist kein Wunder, wenn ein Präsident wie Donald Trump etwa sagt: „Es gibt auf beiden Seiten Gute“. Da muss man klar antworten: Nein, es gibt keine guten Nazis! Wenn das politische Klima durch Politiker so vorgegeben wird, passiert das. Die Leute lieben es zu hassen. Sie lieben es aber auch, auf Multi-Kulti-Feste zu gehen. Nur ist es eben leichter bei den Menschen ein Gefühl der Entfremdung zu wecken, als dieses zu kalmieren.

Denn in einer Gesellschaft, einem Staat, wo die politischen Extreme regieren, kommen Menschen zu Schaden. In einer funktionierenden Demokratie kommt es zu keinem Genozid.

Paul A. Levine
Ist die in Europa grassierende Islamophobie mit dem Antisemitismus vergleichbar?
Bei beiden ist die Triebfeder eine Fremdenfeindlichkeit, die eine Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Und bei all dem ist die Lösung Bildung, in die wir viel zu wenig investieren, die Lehrer zu schlecht bezahlen. Bildung kann Barrieren niederreißen. Ich unterrichte über den Holocaust, um die Demokratie zu verteidigen. Denn in einer Gesellschaft, einem Staat, wo die politischen Extreme regieren, kommen Menschen zu Schaden, nur in der Demokratie geht es vielen gut und in einer funktionierenden Demokratie kommt es zu keinem Genozid.

In Österreich leben heute gerade noch 15.000 Juden, in Frankreich, wo in Europa mit fast einer halben Million die meisten Juden in Europa leben, gibt es schon einen Aufbruch, Juden verlassen wegen Übergriffen das Land. Sehen Sie eine Chance, dass der aufflammende Antisemitismus erfolgreich zu bekämpfen ist?
Es gibt schon Historiker, die sagen, es gebe keine Zukunft für jüdisches Leben in Europa. Ich glaube, es gibt sehr wohl eine Zukunft und Juden werden weiter und wieder viel zu der Gesellschaft hier beitragen. In den USA ist das Pendel nach Ausschlägen – egal ob nach links oder rechts – immer wieder zur Mitte zurückgekehrt. Aber eines kann man ganz klar sagen: Wenn Donald Trump in eine zweite Amtszeit geht und die EU als größtes und erfolgreichstes Friedensprojekt in der Geschichte der Menschheit scheitert, dann haben wir ein ernstes Problem!

Zur Person

Paul A. Levine isr assoziierter Professor und Dozent für Holocaust und moderne europäische politische Geschichte.

Er ist Autor einer Vielzahl von Publikationen, darunter "Raoul Wal­len­berg in Budapest; Myth, His­to­ry and Holo­caust (Lon­don, 2010)". Er ist Co-Autor des Holo­caust-Buchs "Tell Ye Your Chil­dren" ein Buch über den Holo­caust in Europa, das die schwedische Regierung 1998 veröffentlich hat. Das Werk ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt und in Millionenauflage publiziert worden.

Paul Levine war auf Einladung von ComUnity Spirit (ein Projekt des Afro-Asiatischen Instituts) in Graz und hielt Workshops und einen Vortrag.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren