Das Gesundheitssystem ist heute weiblich, 80 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitssystem sind Frauen, „nur mit ihnen läuft der Betrieb“, sagt Eva-Maria Adamer-König, Institutsleiterin für Gesundheits- und Tourismusmanagement an der FH Joanneum. Und dennoch: Nur 14,39 Prozent der leitenden Spitalsärzte in der Steiermark sind laut einer Auswertung der Ärztekammer Frauen, österreichweit sind Primariate in Spitälern zu 90 Prozent männlich. Diese Zahlen präsentierte die Female Leader Initiative „Felin“ im Rahmen einer Vorstellung der vierten Ausgabe „Role Models im Spiegel“ im Kunsthaus Graz.

Was diese Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen im Gesundheitssystem bedeutet? Männer sind die „Prototypen“ in der Forschung. Erst 2022 wurde der erste weibliche Crashtest-Dummy entwickelt, Frauen erhalten laut einer dänischen Studie, die über 21 Jahre durchgeführt wurde, bei 700 Erkrankungen spätere Diagnosen als Männer – allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Rund 16.000 Frauen sterben österreichweit jedes Jahr an Herzinfarkt, Herzinsuffizienz oder Schlaganfall, die Symptome und Risiken werden laut Springer Medizin oft immer noch nicht erkannt oder unterschätzt.

Mehr als die Hälfte der Medizinstudierenden sind Frauen

Ein kaum überraschender Zustand, denn: Dass Frauen zu Medizinerinnen werden oder gar das Gesundheitssystem mitgestalten, war schließlich bis vor 126 Jahren in Österreich noch undenkbar, Oktavia Aigner-Rollet war 1900 die erste Frau, die sich in der Steiermark für das Medizinstudium einschrieb. Heute sind aber ungefähr 53 bis 50 Prozent der Medizinstudierenden in Österreich weiblich, in der Steiermark waren im Studienjahr 2022/23 58,5 Prozent von 453 Alumni weiblich.

Vorbilder im Gesundheitssystem: Andrea Hirschenberger (Mitte) und Coralee Meier (re.) mit FELIN-Geschäftsführerin Katrin Fischer
Vorbilder im Gesundheitssystem: Andrea Hirschenberger (Mitte) und Coralee Meier (re.) mit FELIN-Geschäftsführerin Katrin Fischer © Alexander Danner

Frauen an der Macht: Pionierinnen als Vorbilder

Für Katrin Fischer, „Felin“-Geschäftsführerin, ein Grund, warum Pionierinnen des Gesundheitssystems ins Rampenlicht gehören – weil die wichtigen Entscheidungen in einem frauendominierten Feld von anderen getroffen werden, wie sie sagt. „Dabei sind da so viele Frauen, die wie Aigner-Rollett Wände durchbrechen und nicht davor stehen bleiben mit dem Gedanken, dass diese schon ihre Daseinsberechtigung haben, weil es sie schon so lange gibt.“

Ein Begriff, der für Fischer all diese Frauen eint: Vorbild. Dabei sehen sich eben jene Frauen gar nicht als solche, wie Coralee Meier unter Beweis stellt. „Bin ich ein Vorbild? Ich mache nur, was sich für mich richtig anfühlt.“ Die gebürtige Amerikanerin kam vor 50 Jahren für die Liebe in die Steiermark, seit 30 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich in der Hospizbegleitung für den Hospizverein Steiermark. „Das Schönste für mich ist, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, ihnen meine Zeit zu schenken und ihnen damit auch die Angst vor dem Tod zu nehmen.“

Vor 16 Jahren: Erste Frau an Spitze der Gebietskrankenkasse

Den eigenen Wert erkennen und den Mut haben, sich ins Rampenlicht zu stellen, sei essenziell für die Veränderung, die es im Gesundheitssystem noch brauche, sagt unterdessen Andrea Hirschenberger. Elf Jahre lang war sie Generaldirektorin der ehemaligen Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, bis 2020 – als erste Frau in der Geschichte: „Man muss sich mal überlegen, dass es erst 16 Jahre her ist, dass eine Frau an die Spitze einer der größten Gesundheitsorganisationen gekommen ist.“

Eva-Maria Adamer-König, Institutsleiterin Gesundheits- und Tourismusmanagement FH Joanneum
Eva-Maria Adamer-König, Institutsleiterin Gesundheits- und Tourismusmanagement FH Joanneum © Alexander Danner

Führungskraft im Lehrplan

Dass es im Gesundheitssystem an Frauen in Führungspositionen fehlt, weiß sie. „Es muss Frauen leichter gemacht werden, auch dorthin zu kommen, denn die Kompetenzen so vieler Menschen werden vergeudet, weil sie nicht gesehen werden – und auch, weil Führungskräfte als Motivatoren und Mutmacher versagen. Frauen brauchen oft einfach nur einen kleinen Schubs, um den letzten Schritt zu gehen und sich zu trauen, eine Chance zu ergreifen.“ Das mache am Ende auch eine gute Führungskraft aus: Stärken erkennen, den Rücken stärken und Unterstützung sein, so Hirschenberger. „Gute Führung bekommt ihre Gefolgschaft nicht durch die Funktion, sondern Vertrauen in die Person.“

Selbstermächtigung ist deshalb auch Teil des Lehrplans an der FH Joanneum, wie Adamer-König verrät. Sie selbst habe erst spät in ihrer Laufbahn realisiert, dass sie Führungsqualitäten besitze. Das soll eine veränderte Struktur in der Ausbildung für nachkommende Studierende verbessern. Ob Rhetorik oder Auftreten, neben fachlichem Wissen sollen die Studierenden auch in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden.

Effekt der Sichtbarkeit

Für Adamer-König ist dies aber nur ein Teilschritt zum Erfolg. „Die Gesellschaft ist auf Frauen in Führungspositionen immer noch nicht gut ausgerichtet“, kritisiert sie – und spricht aus Erfahrung, welchen Effekt weibliche Sichtbarkeit haben kann. „Als ich die Institutsleitung angetreten habe, war mein Sohn sehr klein und wir brauchten eine Kinderbetreuung, in meinem Ort gab es keine. Wir hatten eine Bürgermeisterin, die das Problem als solches erkannt hat und kurzerhand eine Kinderbetreuung eingerichtet hat – nicht nur für mich, natürlich, sondern für alle im Ort.“