Es herrscht Friede! In Berlin-Karlshorst wird auf Verlangen der Sowjetunion die Kapitulation des Deutschen Nazi-Reiches wiederholt. Diesmal unterschreibt der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. In Österreich erlässt die provisorische Regierung einen Aufruf. Darin wird den verbündeten Weltmächten auch gedankt, dass sie Österreich vom „Druck der deutschen Gewaltherrschaft erlöst haben.“ Kein Wort wird darüber verloren, dass Österreicherinnen und Österreicher an dieser Gewaltherrschaft mitgewirkt und an deren Verbrechen maßgeblich beteiligt waren. Wenigstens dieser Satz findet sich: „Wir haben gelernt und werden das Gelernte nie mehr vergessen.“ Gleichzeitig wird das Verfassungsgesetz über das Verbot der NSDAP erlassen. Das Amt für Wirtschaft teilt der Bevölkerung am selben Tag mit, dass die Glasschäden durch den Krieg einen derartigen Umfang erreicht hätten, dass eine sofortige Instandsetzung unmöglich ist.

8.Mai : Europa feiert den Victory Day

Auf Verlangen der Sowjetunion muss Deutschland noch einmal die Kapitulation in dem von der Roten Armee besetzten Berlin unterfertigen. Der 8. Mai wird in vielen Ländern Europas als „VE-Day“ („Victory in Europe Day“) begangen, in Frankreich, Tschechien und der Slowakei etwa als offizieller Feiertag. Der Bauernbund erlässt an diesem Tag einen Aufruf an alle Landwirte „des bisher befreiten Österreich“. Darin heißt es: „Bauern Österreichs! Geht an die Arbeit, denn nun gilt Eure Arbeit nur dem befreiten österreichischen Volke. Nicht mehr den Nazis, sondern Eurer eigenen Heimat und Eurer eigenen Familie leistet ihr Dienst durch restlose Pflichterfüllung. Kein Stückchen Erde darf unbebaut bleiben, dies ist das Gebot des neuen Österreich.“ Gezeichnet ist dieser Aufruf von Rudolf Buchinger, Staatssekretär für Land- und Forstwirtschaft, sowie von Leopold Figl, Staatssekretär, der ab 20. Dezember der erste Bundeskanzler der Zweiten Republik sein wird.

7. Mai: Um 2.41 Uhr kapituliert Nazi-Deutschland bedingungslos

Im Hauptquartier der westlichen alliierten Streitkräfte in Reims unterschreibt Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, um 2.41 Uhr in der Nacht die Urkunde zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Die Einstellung der Kampfhandlungen soll tags darauf um 23.01 Uhr in Kraft treten. In den noch von den Nazis beherrschten „Gauen“ Kärnten und Steiermark wird die vom Reichssender Flensburg, dort wo Hitler-Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz und seine Regierung ihren Sitz haben, verbreitete Nachricht von der Kapitulation am nächsten Tag als „Lügenmeldung“ dargestellt, denn der Kampf im Osten, gegen die Sowjetunion, gehe weiter. Was nicht stimmte. Der von Hitler zuletzt noch entmachtete Reichsmarschall Hermann Göring, vormals der zweite Mann im Nazi-Reich, begibt sich im Salzburger Pinzgau auf der Flucht vor der Roten Armee in die Gefangenschaft der US-amerikanischen Armee.

6. Mai: Die Bühnen in Wien nehmen den Betrieb wieder auf

Eine Delegation der Wehrmacht unter Führung von Generaloberst Alfred Jodl trifft in Reims im Hauptquartier der westlichen alliierten Streitkräfte ein und will über eine Teilkapitulation nur im Westen verhandeln – was der Oberkommandierende, General Dwight D. Eisenhower, ablehnt. In Graz wird kundgemacht, dass am 7. Mai die Schuh-Umtauschstelle wieder eröffnet wird. In Wien fordert der provisorische Verwaltungsdirektor der Staatsoper via Zeitung alle Mitglieder des Staatsopernensembles auf, sich bis 12. Mai zu melden, andernfalls drohe eine fristlose Entlassung. Die Bühnen in Wien haben ihren Betrieb aufgenommen. Im Ronacher wird Nestroys „Das Mädel aus der Vorstadt“ gegeben, in der Volksoper Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“, im Josefstädter Theater der „Hofrat Geiger“, der mit Waltraud Haas als „Mariandl“ 1947 verfilmt wird: Das bekannte Lied wird extra für diesen Film geschrieben.

5. Mai: US-Truppen befreien das KZ Mauthausen

US-amerikanische Truppen befreien das Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich samt Nebenlager in Gusen. In Wien erhalten die Behörden von der sowjetischen Armee 100 Lkw und Personenkraftwagen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln leichter bewerkstelligen zu können. Das „Staatsamt für Industrie, Gewerbe, Handel und Verkehr“ der neuen Regierung unter Staatskanzler Karl Renner gibt bekannt, dass in den nächsten Tagen der Personen- und Gütertransport auf einigen Eisenbahnstrecken wieder aufgenommen wird. Auf der Südbahn: Wien und Wiener Neustadt zwei Mal am Tag, um 5 und um 19 Uhr. Auf der Westbahn: Wien nach St. Pölten, ebenfalls zwei Mal am Tag. Im noch von der deutschen Wehrmacht gehaltenen Prag, im von den Nazis begründeten „Protektorat Böhmen und Mähren“, nachdem sie 1938 die Tschechoslowakei zerschlagen hatten, kommt es zu einem Aufstand, worauf die deutschen Einheiten beginnen, abzuziehen.

Die Befreiung von Mauthausen durch die US-Truppen wurde zwei Tage später nachgestellt
Die Befreiung von Mauthausen durch die US-Truppen wurde zwei Tage später nachgestellt © DÖW

4. Mai: Salzburg wird kampflos an die US-Truppen übergeben

Die deutsche Wehrmacht erklärt die Teilkapitulation für ihre Streitkräfte in Nordwestdeutschland, Dänemark und den Niederlanden. US-amerikanische Truppen und eine französische Einheit besetzen Adolf Hitlers „Berghof“ auf dem Obersalzberg, der nach einer intensiven Bombardierung durch die Royal Air Force am 25. April bereits ein Trümmerhaufen war. Auf diesem „Berghof“ hatte Hitler am 12. Februar 1938 den damaligen österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zuerst gedemütigt, brüllend abgekanzelt und ihm dann unter Drohungen das „Berchtesgadener Abkommen“ diktiert, welches weitreichende Zugeständnisse an die Nazis in Österreich beinhaltete inklusive der Aufnahme von Arthur Seyß-Inquart als Innen- und Sicherheitsminister in die Regierung. Für die Stadt Salzburg bedeutet dieser 4. Mai das Ende des Krieges, bei traumhaftem Frühlingswetter marschiert die 3. US-Infanterie-Division ein, die Nationalsozialisten übergeben die Stadt kampflos.

US-amerikanische Soldaten treffen am 4. Mai 1945 in Salzburg ein
US-amerikanische Soldaten treffen am 4. Mai 1945 in Salzburg ein © DÖW

3. Mai: Die Katastrophe zur See kurz vor dem Ende

Sechs Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa kommt es in der Neustädter Bucht in Schleswig-Holstein zu einer der schrecklichsten Katastrophen der Seefahrt. Vermutlich ohne Kenntnis, um was für Schiffe es sich handelt – die auch nicht gekennzeichnet waren – bombardieren britische Jagdflugzeuge die Schiffe „Cap Arcona“ und „Thielbeck“. An Bord befinden sich Konzentrationslager-Häftlinge, Wachmannschaften und die Besatzungen. Bei dem Angriff kommen rund 7000 Personen ums Leben. Im Zuge dieses Angriffs wird auch das nur schlecht gekennzeichnete Lazarettschiff „Deutschland“ versenkt, mit vielen Toten, wie in den Chroniken vermerkt ist. In den „Ostmark-Gebieten“, also jenen, über die noch das Nazi-Regime herrscht, werden die Höchstpreise für Gemüse verlautbart und das Ernährungsamt verkündet, dass wegen Knappheit Zucker und Marmelade nur noch an Kinder bis zu sechs Jahren abgegeben werden.

2. Mai: Berlin erobert, Braunau besetzt

Die Schlacht um Berlin ist zu Ende: Die Wehrmacht kapituliert, ergibt sich bedingungslos der Roten Armee, Diktator Adolf Hitler hat sich bereits am 30. April gemeinsam mit seiner Frau Eva in seinem Bunker selbst getötet. Der am 16. April begonnene Kampf um die Hauptstadt des Nazi-Reichs kostete Schätzungen zufolge 170.000 Soldaten und einigen zehntausend Zivilisten das Leben. An diesem Tag besetzen US-amerikanische Soldaten kampflos Braunau am Inn, die Geburtsstadt von Adolf Hitler, während der Nazi-Herrschaft ein Kult-Ort. Die von Gauleiter August Eigruber befohlene Sprengung des Hitler-Hauses gelingt nicht, was der Nachwelt bis vor kurzem Probleme bereitete. In Innsbruck gelingt es am Abend der Widerstandsgruppe, die Führungsstäbe von Wehrmacht und SS festzusetzen und die Macht in der Stadt zu übernehmen. In den noch erscheinenden Medien in den Nazi-Gebieten widmet man sich der Naturheilkunde, diesmal der Heilkraft des Huflattichblattes.

1. Mai: Das Grauen in Berlin, eine neue Verfassung in Wien

Der neue Reichspräsident Karl Dönitz erklärt in seiner Rundfunkansprache, er werde den Kampf gegen den „bolschewistischen Feind“ fortsetzen, aber gegen die US- und britischen Truppen nur, so weit dies notwendig sei. Nachdem Stalin einen Waffenstillstand ablehnt und die bedingungslose Kapitulation verlangt, bringen sich in Berlin der von Hitler als neuer Reichskanzler bestimmte Joseph Goebbels und seine Frau Magda um, zuvor lassen sie ihre sechs Kinder vergiften. In Österreich wird im Westen wie auch in der Oststeiermark noch gekämpft, in Wien bereits der 1. Mai gefeiert. Und es tritt an diesem Tag im neuen Österreich die provisorische Verfassung in Kraft. Da es noch keine frei gewählte Volksvertretung gibt, übt die Staatsregierung vorerst die Gesetzgebung aus. In Wien nimmt das Ensemble der Staatsoper wieder den Betrieb auf – da das Haus am Ring zerstört ist, wird in der Volksoper gespielt – an diesem1. Mai Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“.

30. April: Des Diktators Flucht in den Tod

Der deutsche Rundfunk meldet am 1. Mai: „Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen ist.“ Eine Lüge. Hitler hatte nicht gekämpft, sondern für sich kämpfen und sterben lassen, auch Kinder und alte Männer. Der Diktator war auch nicht am 1. Mai „gefallen“, sondern brachte sich mit seiner frisch angetrauten Frau Eva am 30. April im „Führerbunker“ um. Kurz zuvor ernannte der Diktator per Testament den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, zu seinem Nachfolger an der Spitze des Staates, Propagandaminister Joseph Goebbels zum Reichskanzler. In den noch dem Nazi-Regime verbliebenen Gebieten der „Ostmark“ wird die Bevölkerung informiert, dass in den nächsten Tagen, neue, vereinfachte Reichsmark-Geldscheine in den Verkehr gegeben werden.

29. April: Staatskanzler Renner marschiert zum Parlament

Wien ist in großer Aufregung – die Massen strömen in die Innenstadt, diesmal säumen sie die Ringstraße: Dort gehen der Staatskanzler Karl Renner und seine provisorische Regierung vom Rathaus zum schwer beschädigten Parlament. Die Wienerinnen und Wiener jubeln, sie jubelten auch 1938 auf dem Heldenplatz, tanzen zum Donauwalzer, den eine russische Militärkapelle spielt. Am Parlamentsgebäude, wo noch Tage zuvor die Hakenkreuzfahne wehte, werden rot-weiß-rote Fahnen aufgezogen. In Caserta (Region Kampanien) unterschreiben Wehrmachtsoffiziere die bedingungslose Kapitulation der deutschen Truppen in Italien. Die US-Armee befreit das Konzentrationslager Dachau, findet halbtote Häftlinge und tausende Leichen vor. Die entsetzten US-Soldaten exekutieren SS-Männer, die sich bereits ergeben haben. In der Tiefe des „Führerbunkers“ in Berlin heiratet Adolf Hitler seine Freundin Eva Braun, die vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurde.

Generalleutnant und Stadtkommandant für Wien, Alexej Blagodatow, schüttelt Staatskanzler Karl Renner die Hand, rechts der Wiener Bürgermeister Theodor Körner.
Generalleutnant und Stadtkommandant für Wien, Alexej Blagodatow, schüttelt Staatskanzler Karl Renner die Hand, rechts der Wiener Bürgermeister Theodor Körner. © ÖNB/ Wilhelm Obransky

28. April: Ende eines Diktators

Während sich Adolf Hitler noch im Führerbunker in Berlin verschanzt, die Sowjet-Truppen dem Regierungsviertel immer näher kommen, findet sein Bundesgenosse Benito Mussolini ein Ende: der von Partisanen auf der Flucht geschnappte vormalige faschistische Diktator, der „Duce“, wird gemeinsam mit seiner Freundin Clara Petacci erschossen und in Mailand auf einer Tankstelle verkehrt aufgehängt. In Mauthausen, rund 20 Kilometer von Linz entfernt, führt die SS die letzte Vergasung in diesem Konzentrationslager durch. Bei Vils in Tirol überschreiten US-amerikanische Truppen die Grenze der Ostmark (eigentlich seit der Unabhängigkeitserklärung des Vortags wieder Österreich). Die noch erscheinenden Medien in den Nazi-Gebieten machen kund, dass der Reichsfinanzminister tags davor verordnet hat, dass die Umsatzsteuervorauszahlungen für Unternehmen für April bis 10. Mai zu entrichten sind. Da wird es das „Dritte Reich“ schon nicht mehr geben.

27. April: Die Philharmoniker spielen, Mussolini wird gefasst

In Wien wird an diesem Freitag die Unabhängigkeit und Wiedererrichtung der Republik Österreichs verkündet, die Wiener Philharmoniker machen die Musik dazu. Im Konzerthaus gibt das Orchester sein erstes Konzert in der vom Nazi-Regime befreiten Stadt. Clemens Krauss dirigiert, auf dem Programm stehen Franz Schuberts 7. Sinfonie („Die Unvollendete“), Ludwig van Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 sowie die 5. Sinfonie von Peter Iljitsch Tschaikowsky. Danach wird der Dirigent wegen seiner politischen Verbindungen zum Nazi-Regime mit einem Berufsverbot bis 1947 belegt. In Italien wird der flüchtige Ex-Diktator Benito Mussolini mit seiner Geliebten Clara Petacci von Partisanen gefasst. In den noch erscheinenden Tageszeitungen des Nazi-Regimes werden Ratschläge für die schwere Zeit gegeben. An diesem Tag wird erläutert, wie eine Feuerstelle gebaut werden kann, wenn der Herd durch Bomben oder andere „Feindeinwirkung“ zerstört worden ist.

26. April: US-Truppen kommen, eine sinnlose letzte Schlacht

Waren es bisher die Sowjettruppen, die auf ostmärkisches (österreichisches) Gebiet vorgedrungen sind, erreichen nun US-amerikanische Einheiten oberösterreichisches Gebiet. Gauleiter August Eigruber verkündet via Rundfunk: „Der Krieg klopft an die Tore von Oberdonau.“ Im „Altreich“ gelingt es der Wehrmacht, mit einem letzten größeren und blutigen Panzerangriff die Stadt Bautzen zurückzuerobern, 6500 deutsche Soldaten sterben bei dieser Schlacht, die sowjetisch-polnische Seite verzeichnet 11.000 Tote. Ein sinnloser Sieg der Hitler-Armee. Zwei Wochen später kapituliert die deutsche Wehrmacht. Im noch von den Nazis beherrschten Vorarlberg empfiehlt das regionale Tagblatt, mit der Maikäferbekämpfung jetzt zu beginnen und informiert auch darüber, dass auf Antrag der Reichswirtschaftskammer der Präsident des Reichskriegsschädenamtes eine Erleichterung bei der Abgeltung von kriegsbedingten Verlusten an Postsendungen zugestanden hat.

US-Amerikanische und russische Truppen treffen in Torgau an der Elbe aufeinander
US-Amerikanische und russische Truppen treffen in Torgau an der Elbe aufeinander © US National Archives and Records

25. April: Die SS mordet noch immer

In Torgau an der Elbe – von Berlin rund 150 Kilometer entfernt, 53 von Leipzig – treffen erstmals sowjetische und US-amerikanische Truppen aufeinander. In der Oststeiermark versucht die deutsche Wehrmacht eine an und für sich sinnlose Gegenoffensive und kann einige Ortschaften für kurze Zeit zurückerobern. Linz erlebt den letzten schweren Luftangriff. Im kärntnerischen Bad Eisenkappel stürmt eine SS-Einheit den Peršmanhof, der auch ein Stützpunkt von Partisanen ist. Die Partisanen können fliehen, doch elf Zivilisten werden von den SS-Leuten ermordet: vier Erwachsene und sieben Kinder. Nach Aufständen in norditalienischen Städten geben die Deutschen nun auch Mailand auf, aus dem der „Duce“ Benito Mussolini am Abend flieht. Der 25. April gilt seither in Italien als „Tag der Befreiung“. In Wien wird gegen das Verhungern angekämpft, die Sowjets stellen Lastwagen zur Verfügung, mit denen Lebensmittel aus Niederösterreich geholt werden.

24. April: Im befreiten Wien gibt es stundenweise Strom und Wasser

Noch 15 Tage bis zur Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands. In Berlin kämpft sich die Rote Armee Haus um Haus ins Zentrum vor. In dem von den Sowjettruppen eroberten und vom Nazi-Regime befreiten Wien wird gehungert, es gibt zwar stundenweise Wasser, Strom und Gas – aber keine Lebensmittel. Kranke und alte Menschen verhungern, berichtet die Chronik. In den noch von den Nazis beherrschten Gebieten Österreichs wird zur Ausgabe der Lebensmittelkarten für die 75. Zuteilungsperiode aufgerufen, welche Mengen von was man dafür bekommt, wird erst mitgeteilt, lautet die veröffentlichte Information, Lebensmittel sind hier gleichfalls Mangelware. Wie auch alle möglichen Sachgüter, die man benötigt. Man versucht sich auf dem Tauschweg. So wird per Inserat ein Paar „nur sehr gute Sport- oder Straßenschuhe der Größe 39“ gesucht, geboten wird dafür ein Sommerkleid, ein sehr hübsches und buntes, wie es in der Kleinanzeige heißt

Sowjetische Truppen marschieren durch die Wiener Innenstadt
Sowjetische Truppen marschieren durch die Wiener Innenstadt © Wikimedia Commons

23. April: Hitler lässt Hermann Göring verhaften

Während die Rote Armee Berlin eng umschließt und in Richtung Zentrum vorstößt, wütet das untergehende Nazi-Regime weiter. In der Reichshauptstadt erschießen Gestapo-Männer politische Häftlinge auf offener Straße, darunter Klaus Bonhoeffer, den Bruder des Theologen Dietrich (er schrieb im Konzentrationslager „Von guten Mächten wunderbar geborgen...“), den die Nazis am 9. April umgebracht hatten. Im KZ Mauthausen werden 40 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ Verurteilte vergast. Hitler lässt seinen „Kronprinzen“ Reichsmarschall Hermann Göring verhaften, weil der per Funk angefragt hatte, ob er die Führung übernehmen solle. In Graz findet ein Wechsel an der Spitze der Universität statt, der Anatom Anton Hafferl wird Rektor. Er ist Parteimitglied und ließ sich für seine Forschungen von der Gestapo Leichen liefern. Nach 1945 wird Hafferl wieder Ordinarius für Anatomie, sein Lehrbuch zählt zu den Standardwerken.

22. April: Entsetzen in Attnang-Puchheim, Sowjets in Wien

In Nürnberg, wo die Nationalsozialisten ihre bombastischen Parteitage abhielten und die Rassegesetze beschlossen, sprengen US-Truppen das überdimensionale Hakenkreuz. In Attnang-Puchheim herrscht Entsetzen. 24 Stunden zuvor hatten 300 US-Flugzeuge die Stadt bombardiert, weil hier ein Nachschubzentrum für die Alpenfestung vermutet wurde. 700 Menschen starben. In Wien trafen sich zu dieser Zeit Delegierte der SPÖ aus Wien und Teilen Niederösterreichs zur Gründungskonferenz. Adolf Schärf, schon am 14. April zum provisorischen Parteivorsitzenden bestellt, wird ebenso bestätigt wie Karl Renners Auftrag zur Bildung einer Koalitionsregierung. In Wien gibt die Sowjet-Besatzung die „Österreichische Zeitung“ heraus. Am Vortag wird vermeldet: „Der tausendste Traktor lief in der neuerbauten Stalingrader Traktorenfabrik vom laufenden Band.“ In Stalingrad verblutete im Winter 1942/43 die 6. deutsche Armee, darunter Tausende Österreicher.

Der bombardierte Bahnhof in Attnang-Puchheim 1945.
Der bombardierte Bahnhof in Attnang-Puchheim 1945. © OÖ Landesarchiv

20. April: Granaten zum Geburtstag und Grünkost für alle

Zum letzten Mal treffen in Berlin die Spitzen des Nazi-Staates zusammen, sie kommen, um Adolf Hitler zu seinem 56. Geburtstag zu gratulieren. Der Diktator hat sich in seinem „Führerbunker“, acht Meter unter der Erdoberfläche, im Regierungsviertel verschanzt, zu den Geburtstagswünschen seiner Paladine kommt der Donner der sowjetischen Artillerie und der ohrenbetäubende Lärm durch Luftangriffe. Die meisten der Nazi-Größen bringen sich nach der Feier in Sicherheit, Hitler zeichnet im Garten der Reichskanzlei Hitlerjungen, teilweise Kinder, für ihren Einsatz im Kampf aus. Dabei entsteht die letzte Filmaufnahme des Diktators, der seine zitternde Hand zu verstecken versucht. In den Medien des Regimes werden in diesen Tagen Rezepte schlichter Art schmackhaft gemacht, wie Brennnesselspinat: „Wer einmal gut zubereiteten Brennnesselspinat gekostet hat, der wird bestätigen, dass das keine Kriegskost ist, sondern wirklich schmackhafte Grünkost.“

19. April: Letzte Lügen aus Berlin und ein Auftrag für Österreich

Während sich die Truppen der Wehrmacht im Rückzug befinden oder sich ergeben, die Sowjet-Armee auf Berlin marschiert, strahlt der Rundfunk die letzte große Ansprache von Joseph Goebbels aus. Der Feind stürme vergeblich gegen die Verteidigungslinien an, lügt der Propagandaminister und verkündet: „Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch.“ Genau an diesem Tag erhält der ehemalige österreichische Staatskanzler Karl Renner von Kreml-Diktator Josef Stalin den Auftrag, in Wien eine Koalitionsregierung aus den neu formierten Parteien, SPÖ, ÖVP und KPÖ aufzustellen. In noch nicht vom Nazi-Regime befreiten Städten der Ostmark sind Lichtspieltheater, wie Kinos genannt werden, in Betrieb. Auf dem Programm: „Der Engel mit dem Saitenspiel“, ein Liebesfilm aus 1944, in dem Heinz Rühmann Regie führte, mit Hertha Fellner und dem Publikumsliebling Hans Söhnker, der in seinem Wochenendhaus immer wieder Juden vor dem Zugriff der Nazis versteckte. 

18. April: Hungernd dem Ende zu, aber Neubeginn in Wien

Noch 21 Tage bis zum Ende des Krieges in Europa. An der Oder, rund 70 Kilometer von Berlin entfernt, durchbrechen die sowjetischen Truppen die deutschen Verteidigungsstellungen. Während in Klagenfurt und Graz noch das Nazi-Regime den „Endsieg“ propagiert, in der Oststeiermark gekämpft wird, formiert sich in Wien, drei Tage zuvor von der Roten Armee eingenommen, aus Vertretern von SPÖ, ÖVP und KPÖ eine Stadtregierung mit Theodor Körner als Bürgermeister. Im Schloss Eichbüchl, unweit von Wiener Neustadt, wartet der einstige sozialdemokratische Staatskanzler Karl Renner darauf, von Sowjet-Marschall Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin den Auftrag, eine Koalitionsregierung zu bilden, zu erhalten und entwirft sein Regierungsprogramm. Auch mit Lebensmittelkarten müssen sich die Menschen in den letzten Kriegstagen mit weniger als tausend Kalorien begnügen, um deutlich die Hälfte weniger als die durchschnittlich benötigte Menge.

Bombenangriff Knittelfeld Bombardierung 1945
Die Stadt Knittelfeld nach einem Bombenangriff 1945 © Stadtarchiv Knittelfeld