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VierschanzentourneeGranerud stichelt gegen Stoch: "Er ist so instabil"

Fuchsteufelswild stapfte Halvor Egner Granerud durch das Zielgelände und haderte mit sich und der Welt, die in diesem Fall auf einen einzigen Ort beschränkt war: Innsbruck. Denn mit dem Bergisel-Absturz am Sonntag könnte dem Norweger seine Chance des Lebens entglitten sein.

Halvor Egner Granerud
Halvor Egner Granerud © AP
 

Mit Platz 15 verlor der 24-jährige Halvor Egner Granerud die Führung in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee der Skispringer an Kamil Stoch. Sticheleien gegen die Polen und eine spätere Relativierung auf Twitter folgten.

"Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen die ganze Tournee für die Polen günstig waren. Es war furchtbar nervig, Kamil Stoch wieder gewinnen zu sehen", sagte Granerud zunächst dem norwegischen TV-Sender "TV2". Die Nachfrage, ob die Polen mehr Glück hatten als er, beantwortete Granerud so: "Sie hatten definitiv mehr Glück als ich, aber heute hatten sie auch mehr Glück als Geiger."

Mit den zweiten letzten zwei Sprüngen beim Finale in Bischofshofen am Mittwoch müsste Granerud etwa 11,4 Meter weiter springen als Stoch. Das traut er sich selbst offenbar zu. Denn Stoch sei "so instabil, dass es gutgehen sollte - oder gut gehen kann", stichelte Granerud weiter. Sein Trainer, der Tiroler Alexander Stöckl, sah die Ausgangslage eine Spur nüchterner. Stoch sei sehr erfahren und in guter Form. "20 Punkte sind sehr viel."

Den Ärger seines Athleten könne er nachvollziehen, betonte Stöckl gegenüber österreichischen Journalisten, noch bevor er Graneruds Wut-Interview gesehen hatte. "Das ist die Frustration des Augenblicks. Das verstehe ich. Wenn du das Gefühl hast, dass du es nicht mehr selbst im Griff hast, sondern die Umstände, dann tut das einfach weh." Nachsatz: "Morgen kann er sich abreagieren. Er geht sicher einmal eine Stunde laufen und dann startet er in Bischofshofen wieder ganz normal."

Die Bergisel-Schanze hatte zuvor wieder einmal ihre Tücken demonstriert. Nach nur 116,5 Metern setzte Granerud im ersten Durchgang auf, was gerade noch Rang 29 bedeutete. Dabei sei er kompletter Windstille im unteren Teil ausgesetzt gewesen, betonte Stöckl. "Da hast du am Bergisel sowas von keine Chance. Da holt es dich so dermaßen runter. Das ist dann wirklich bitter, wenn du um den Gesamtsieg kämpfst und dann an den Verhältnissen scheiterst." Das sei im Freiluftsport Skispringen auch einfach Pech. "Unfair kann man nicht sagen, es war alles innerhalb vom Windkorridor. Für das heute kann man niemandem die Schuld geben."

Auf dem Weg zum ersten Tourneetitel eines Norwegers seit 14 Jahren funken just die kurzzeitig aller Chancen beraubten Polen dazwischen. Er habe es befürwortet, die starken Polen wieder zuzulassen, sagte der Trainer angesichts der zwischenzeitlichen Kollektiv-Sperre nach einem Corona-Anlassfall. "Wir brauchen die Polen, es wäre schade fürs Skispringen, wenn sie nicht dabei sein könnten. Aber wir haben natürlich einen starken Gegner zurückbekommen."

Die Polen, die in den vergangenen vier Jahren dreimal den Goldenen Adler holten, hätten auch dieses Mal einen entscheidenden Vorteil, erklärte Stöckl: "Sie haben zwei Leute vorne mit dabei. Das hat man bei der Tournee immer wieder gesehen: Das waren Morgenstern/Schlierenzauer, Kraft/Hayböck, das sind Kubacki/Stoch. Wir haben leider nur Einen, der Zweite liegt im Krankenhaus." Marius Lindvik musste wegen einer Zahn-OP nach dem Auftaktbewerb pausieren und wird laut Stöckl auch in Bischofshofen eher kein Thema sein.

Granerud relativierte seine Aussagen wenige Stunden danach: "Ich war frustriert mit meinem Ergebnis und das bin ich noch immer", schrieb er auf Twitter. "An diese Schanze habe ich nur schlechte Erinnerungen und mit dem heutigen Tag sind meine Emotionen hochgekocht." Er halte den Rivalen Stoch "noch immer für einen der ganz Großen".

Huber sieht Aufholbedarf im ÖSV-Team

Sternstunden verblassen im kollektiven Gedächtnis nur allmählich. Das bekamen Österreichs Weitenjäger am Bergisel zu spüren, wo sie ohne Heimvorteil und Windglück über einen achten Platz von Stefan Kraft nicht hinauskamen und danach wieder einmal an frühere Glanzzeiten mit den Seriensiegern Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer erinnert wurden.

"Das war eine sehr erfolgreiche Zeit mit zwei Ausnahmesportlern", weiß auch Daniel Huber. "Es war beim Morgi und beim Gregor auch ein Unikum - dass zwei solche zur selben Zeit da waren." Als Belastung oder Bürde will der mittlerweile 28-Jährige die prägende Zeitspanne von 2009 bis 2015 mit sieben Tournee-Titeln für den ÖSV in Folge aber längst nicht mehr empfinden.

Das Skispringen habe sich seither weiterentwickelt, betonte Huber. "Andere haben aufgeholt, die schlafen nicht." Und sind, wie die Polen oder Norweger, als Team an den Österreichern vorbeigezogen. "Wenn wir das auch wieder aufholen, kann es in zwei, drei Jahren wieder ganz anders ausschauen. Dann kann es auch wieder sein, dass wir die absolute Nummer-eins-Nation sind", sagte Huber, der bei der laufenden Tournee bisher 13., 14., und 17. wurde.

 

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