Tränen liefen Mirjam Puchner in St. Anton die Wangen hinab, Ratlosigkeit und Enttäuschung waren ihr ins Gesicht geschrieben. Die Salzburgerin, ihrerseits Silbermedaillengewinnerin bei Olympischen Spielen, schnallte ihre Ski in der Abfahrt auf Platz 18 ab – nicht genug für die eigenen Ansprüche. „Es ist ziemlich enttäuschend, ich bin richtig frustriert“, gestand Puchner dabei und wurde emotional. „Es fehlt mir einfach die Lockerheit, die du brauchst.“
Die tränenreichen Aussagen sind nicht einmal ein Monat alt und dennoch sieht bei der Ski-WM in Saalbach plötzlich alles ganz anders aus. Als Wackelkandidatin galt die 32-Jährige vor dem Großevent in der Heimat, ein neunter und zehnter Platz war die beste Ausbeute in einer völlig verpatzten Saison. Puchner fand nie zu ihrem berühmt berüchtigten „Grundspeed“, der Fähigkeit, trotz Fehler schnell und angriffslustig zu sein. Manche hielten die Nominierung gar für einen Fehler, für Chefcoach Roland Assinger gab es jedoch keine Diskussion. „Gerade im flacheren Gelände bringt sie Tugenden mit sich, die schnell sind. Das war eine Grundlage, genauso wie ihre Erfolge aus der Vergangenheit, sie hat ja schon gezeigt, was sie kann. Das Vertrauen ist da.“
Plötzlich die große Gejagte?
Vertrauen, das sich offenbar auszuzahlen scheint. Denn ausgerechnet beim Großevent in der Salzburger Heimat präsentierte sich Puchner im Training von ihrer besten Seite, überzeugte auf dem Zwölferkogel vor allem mit ihren Fähigkeiten als Gleiterin. In der internen Qualifikation des zweiten Trainings ließ sie mit der Bestzeit keine Zweifel aufkommen und auch im abschließenden Trainingslauf wusste sie mit Platz zwei zu überzeugen. Ist Puchner somit automatisch die größte rot-weiß-rote Favoritin auf eine Medaille? „Wenn man sich die Ergebnisse der letzten Rennen anschaut, sollten wir den Ball schon flach halten“, meint Puchner. „Ich kann zumindest jetzt locker drauf losfahren und wieder ein bisschen mehr Spaß haben. Die vergangenen Wochen waren da für Kopf und Körper nicht ganz einfach.“
Zwar funktionierte es im Training immer wieder gut, die Rückschläge in den Wettkämpfen ließen das ohnehin angeschlagene Selbstvertrauen weiter schrumpfen – gepaart mit einer auch mental fordernden Grippe-Erkrankung. „Wenn es nicht läuft, will man es oft noch mehr erzwingen und verkrampft. Da ist es dann oftmals gar nicht so leicht den Kopf auszuschalten.“ Ausschalten konnte die Salzburgerin hingegen in den vergangenen Tagen ein wenig. Im Super-G stand sie nicht im Aufgebot, freute sich aber im Ziel umso mehr mit Goldmedaillengewinnerin Stephanie Venier.
Während die Medaille für die Stimmungslage innerhalb des Teams wortwörtlich Gold wert war, sind die starken Trainingszeiten für Puchner Balsam für die geschundene Ski-Seele. „Es taugt mir einfach, dass ich wieder das Gefühl gefunden habe, um voll zu attackieren. Endlich habe ich wieder Freude dabei.“ Ob sich mit dem richtigen Gefühl dann auch die Ausgangslage ändert und Puchner von der WM-Wackelkandidatin plötzlich zur großen Gejagten wird? „Nein!“, entgegnet die Speed-Spezialistin. „Die Gejagten sind andere, ich bin aber gerne die Jägerin.“