Bevor es in die Abfahrt geht, muss ich zum Super-G noch einmal was sagen. Es war 2017, da hat mir Stephanie Venier auch ein klein wenig zum Titel verholfen. Ich hatte damals, man glaubt es kaum, meine Glücksunterhose vergessen. Und Stephie hat mir angeboten, stattdessen von ihrem „Glückssaft“ zu trinken. Sie war dann ziemlich überrascht, dass ich zwei Schluck genommen habe, worauf ich ihr erklärt habe: „Logisch, ein Schluck für den linken Haxen, einen für den rechten.“ Sie hat damals nur einen Schluck genommen, ihr Super-G lief schlecht. Vor der Abfahrt in St. Moritz hat sie zwei Schluck genommen – und prompt Silber gewonnen. Ich bin mir sicher, sie hat auch am Donnerstag zwei Schluck genommen vom „Glückssaft“, dessen genaue Rezeptur geheim bleibt.
Mit dem Aberglauben ist das bei Sportlern so eine Sache, ich war es immer. Es ist eine mentale Geschichte – man findet etwas, woran man sich festhalten kann, der Kopf assoziiert Positives mit gewissen Abläufen, Ritualen. Bei mir etwa geht das extrem mit Musik, bei anderen mag es der Glückssaft sein. Davon wird Venier auch wieder vor der Abfahrt trinken, aber die Goldene macht die Aufgabe für heute nicht leichter. Vorher war alles locker, der ganze Druck war auf Conny Hütter projiziert, jetzt dreht sich alles um sie. Für mich veränderte sich in St. Moritz viel über Nacht. Auf einmal ist immer zumindest ein Kamerateam rund um dich, du hast Termine, Interviews, das kostet Energie. Aber Stephie ist routiniert, für sie wird das alles nicht so neu sein wie für mich damals.
Puchner könnte überraschen
Dafür wäre heute der Tag für eine andere Österreicherin: Mirjam Puchner hat gezeigt, dass ihr die Strecke liegt, sie hat durch ihre Größe extreme „Stoßdämpfer“, kann die Wellen ausgleichen und so immer beschleunigen. Da tun sich kleinere Fahrerinnen eben nicht so leicht, Lara Gut einmal ausgenommen. Aber auch Mirjam muss mit dem Druck fertig werden. Dass sie das kann, hat sie ebenfalls schon einmal bei einer WM gezeigt, aber für sie und Venier gilt: Beide sind mitunter ein Überraschungsei.
Ich habe vor der WM gesagt, dass sie keine für Favoriten wird. Warum? Weil kaum jemand die Strecke kennt, da gehen die Besten oft zu sehr ans Limit, um sich abzusetzen als an anderen Orten, wo man schon alles kennt. In Cortina, wo jedes Jahr gefahren wird, gab es Favoritinnensiege, in Méribel, wo selten gefahren wird, Überraschungen. So wie in Saalbach. Hoffentlich liefert die heute wieder eine Österreicherin, das Zeug dazu haben alle – speziell Conny Hütter, bei der man im Super-G merkte: Da geht nichts. Es wirkte, als würde sie kein Gefühl zum Ski finden, um ihn richtig zum Laufen bringen. Das fühlt sich an, wie wenn man mit falschem Schuhwerk wandert. Hoffentlich war Stephies Gold auch für sie der Dosenöffner.