Wer hätte das gedacht, von wegen Jahrhunderttalent seit Anbeginn. Benjamin Karl avancierte vom Sternchenfahrer zum zweifachen Olympiasieger, Fünffach-Weltmeister und vierfachen Gesamtweltcupsieger. Pionier und Mentor Erik Wöll ebnete den Weg des ehrgeizigen Sportlers, wie der Snowboarder verriet: „Er hat mich aufgezogen wie seinen Bua und mich überall hin mitgenommen. Ich bin in eine Sporthauptschule gegangen, was der Grundstein für alles Weitere war. Ich habe mich schnell herangekämpft und als ich fix im Team war, schnappte ich mir den Sieg im Gesamteuropacup und wurde 2005 Junioren-Weltmeister.“ Er stieß zum Nationalteam, wo er sich zuerst als Einzelgänger einen Namen machte. Er gibt offen zu, dass er seinen Teil dazu beigetragen hat.
Bis zu seinem 25. Lebensjahr war er „komisch, hatte wenig Freunde“, war ein Außenseiter. „Ich hatte andere Ziele, habe anders gedacht. Das hat sich gewandelt. Ich bin ein Familienmensch, komme sehr gut mit meinen Kollegen aus, suche den Zusammenschluss. Ich bin weitsichtiger geworden und kann die Reise, auf der ich mich befinde, mehr genießen.“ Dass er polarisiert, stört ihn keineswegs: „Was ich nicht mag, ist, wenn mich jeder mögen würde. Ich bin ein Mensch mit Ecken und Kanten.“
Nur die Teamfrage ist noch offen
Aber es gibt auch die andere Seite des Ausnahmeathleten. Vor etwas mehr als einem Jahr schockte der gebürtige Niederösterreicher vor Bad Gastein mit Aussagen rund um Motivationsprobleme und dem Geständnis, dass es ihm nicht gut gehe. Dabei zeigte er eine völlig andere Seite von sich, eine verletzliche. Er sei eben keine Maschine. Aber: Sein Wille und Fokus lassen am Ende wieder den „Tiger“ aus ihm heraus.
Der 40-Jährige ist ein Typ, der Herausforderungen liebt. Und so wird Karl nun Radprofi. „Es gibt nichts Geileres, als schnell Rad zu fahren.“ Nur die Teamfrage ist noch offen. „Das sollte sich in ein bis zwei Monaten entscheiden.“ Cyclocross steht ebenso hoch im Kurs, allerdings fällt erst im Sommer der Entschluss, ob diese Sportart olympisch wird. Es handelt sich dabei um eine Winter-Variante des sogenannten Querfeldeinfahrens. Wenn es Nein heißt, wird der Wahl-Osttiroler sein Glück bei Straßen- und Gravelbike-Rennen versuchen.
Vor seinem Snowboardabschied gibt er sich entspannt. „Es ist nicht dramatisch. Mein Leben geht weiter, es ist ein neuer Abschnitt.“ Seine Liebe zur Fitness kennt fast keine Grenzen. Und er wäre nicht Benji, wenn er nicht seine Ideen verwirklichte. So eröffnete er 2020 sein Studio (“Athletic Heroes“) in Lienz.
Und privat? 2012 kam seine erste Tochter Benina zur Welt, gefolgt von Pia, die laut Papa beide unglaublich stur sind. Ein Romantiker steckt ebenfalls in ihm – zu jeglichen Anlässen darf sich seine Frau Nina über 30 rote Rosen freuen.