Steht man auf der Tribüne der Trainingsplätze in Pegia, wirkt es, als könnte man vom Spielfeldrand direkt ins Meer springen. Dies ist natürlich nur eine optische Täuschung. Eine Straße, das luxuriöse Quartier Cap St Georges und der Strand trennen einen vom kühlen Nass. Traumwetter mit nur vereinzelten Wolken, die sich auf den blauen Himmel verirrt haben, 25 Grad Außentemperatur – das Ambiente, in dem sich das ÖFB-Team auf Zypern auf den Endspurt in der WM-Qualifikation vorbereitet, bietet Urlaubsfeeling.
Auch dies täuscht, schließlich steht harte Arbeit im Mittelpunkt. Nicht nur für die Spieler, sondern auch für Trainer und Betreuer. Man kann durchaus von einer Maschinerie sprechen, die sich täglich in Gang setzt, um die Mannschaft perfekt auf ihre Länderspiele vorzubereiten. Jeder Tag startet mit einem Medical Meeting, das nach den CK-Messungen der Spieler und den Rückfragen nach ihrem Befinden stattfindet. „Dabei wird entschieden, wer vielleicht nur teilintegriert oder gar nicht trainiert“, berichtet Co-Trainer Stefan Oesen.
Was dies in der Praxis bedeutet, ließ sich am Dienstag bei der für 11.30 Uhr angesetzten ersten Einheit dieses Trainingslagers beobachten. Mit Philipp Lienhart, Phillipp Mwene und Nikolas Wurmbrand radelten drei am Sonntag eingesetzte Akteure am „Matchtag plus zwei“ im eigens neben den Trainingsplätzen eingerichteten Fitnessraum. Ihnen leistete Christoph Baumgartner Gesellschaft, der zwar schon einen Tag früher mit Leipzig am Start war, in dieser Saison aber erfreulicherweise auch schon recht oft – ein klassischer Fall von Belastungssteuerung. Sein angeschlagener Vereinskollege Xaver Schlager absolvierte das Aufwärmprogramm auf dem Feld, ehe er sich zurückzog. David Alaba wurde an der Wade behandelt, während die Kollegen trainierten.
Das Team um den Teamchef
Dies taten sie unter der Anleitung eines eingespielten Trainerteams, das Oesen seit Jahresbeginn bereichert. Im Betreuerstab werkte der 40-Jährige bereits unter Ex-Teamchef Franco Foda als Spielanalyst. Dem Kreis der engsten Vertrauten, die dessen Nachfolger Ralf Rangnick um sich geschart hat, gehören zudem Tormanntrainer Michael Gspurning sowie die weiteren Co-Trainer Lars Kornetka und Onur Cinel an. Letzterer ist eigentlich Cheftrainer von Cercle Brügge und stößt am Donnerstag zur Mannschaft.
Während Rangnick seine übrigen Assistenten erst im Zuge seines ÖFB-Jobs kennengelernt hat, stand ihm Kornetka bereits 2007 in Hoffenheim erstmals zur Seite. Aus der Zusammenarbeit wurde längst auch eine private Freundschaft. „Er war damals mein Videoanalyst. Dieses Berufsbild haben wir in Deutschland begründet. Das kannte man dort nicht, wenn, dann vielleicht in Amerika im American Football“, denkt der 67-Jährige an die damalige Pionierarbeit zurück. Inzwischen sitzt Kornetka längst nicht mehr nur am Laptop, sondern ist auf dem Weg zur Pro-Lizenz. „Uns verbinden ähnliche Ansichten und Vorstellungen, wie wir Fußball wollen“, sagt Rangnick über den 47-Jährigen, dem er eine Zukunft als Cheftrainer zutraut.
Oesens Weg erinnert an jenen von Kornetka. Rangnick ist spürbar stolz, mit dem promovierten Sportwissenschaftler ein Trainertalent entdeckt und gefördert zu haben. Schon bei früheren Stationen habe er vereinsintern nach Potenzial gesucht, das es zu entfalten gilt: „Schlummert etwas im Verborgenen? Gibt es irgendjemanden, der noch gar nicht so richtig entdeckt wurde? Wenn ich an Christoph Freund oder Oliver Glasner in Salzburg denke, sind die damals noch im Büro gesessen und haben was auch immer gemacht, waren aber eigentlich gar nicht am Fußball dran. So ähnlich war es bei Stefan.“ Nachdem Oesen die Nachfolge des zur U21 übersiedelten Peter Perchtold angetreten habe, sei relativ schnell zu erkennen gewesen, „wie gut er wirklich ist. Inzwischen moderiert er schon ganz alleine Fußballspiele, wenn der Chef nicht rechtzeitig da ist“, spielt der Teamchef auf den gemeinsamen Nebenjob bei Canal+ an, als der dortige Sportchef Thomas Trukesitz (im „Nebenjob“ wiederum ÖFB-Pressesprecher) flugbedingt nicht rechtzeitig für seinen Kommentar in Manchester sein konnte und vom Field Reporter beziehungsweise Co-Kommentar Oesen vertreten wurde.
Gspurning ist im Hauptjob Tormanntrainer von Union Berlin, im Nationalteam folgte er 2023 seinem steirischen Landsmann Robert Almer. „Wir waren uns einig, dass wir einen Österreicher wollen, damit wir nicht zu deutschlandlastig sind im Trainerteam“, meint Rangnick im Hinblick auf seine Landsleute Kornetka und Cinel. Über die Entscheidung für Gspurning zeigt er sich „sehr froh. Es passt wunderbar, sowohl im Torwartteam selbst als auch zwischen uns.“
Mehr als eine Nummer eins
Die Letztentscheidung, wer am Spieltag das Tor bewacht, fällt der Teamchef höchstpersönlich. Gspurning ist sich der Besonderheit der Situation, mit Alexander Schlager und Patrick Pentz derzeit quasi zwei Einser-Goalies zu coachen, durchaus bewusst. „Das Wichtigste sind die Jungs, und die gehen extrem gut miteinander um. Über allem steht die Leistung. Solange es funktioniert, werden wir die Entscheidung von Spiel zu Spiel treffen“, sagt der 44-Jährige, der im Camp mit Nikolas Polster und Neuling Nicolas Kristof zwei weitere Torhüter trainiert und sich dafür mit Thomas Vollnhofer einen zweiten Tormanntrainer als Verstärkung geholt hat.
Laut Gspurning wird für Spezialtrainer der gesamtheitliche Blick immer wichtiger. „Ich bin sehr dankbar, dass ich mich auch zu anderen Themen äußern darf“, schmunzelt der Voitsberger, der gleichzeitig Feedback der Trainerkollegen zu Tormannthemen einfordert. Dass diverse Dinge Hand in Hand erarbeitet werden, liegt auf selbiger – etwa das Verhalten bei defensiven Standards in Kooperation mit Oesen, in dessen Zuständigkeit dieser Bereich liegt. „Es ist auch irrsinnig spannend, sich gemeinsam der Boxverteidigung oder dem Blocken von Schüssen zu widmen“, so Gspurning.
So läuft die Kommunikation während des Spiels
Wie funktioniert eigentlich das Zusammenspiel an der Seitenlinie während einer Partie? „Wir kommunizieren ständig und tauschen alle Informationen aus. Es kommt nicht vor, dass einer nur das macht und der andere nur das, aber es gibt natürlich Schwerpunkte“, erläutert Kornetka, dass jeder Coach alles im Auge haben muss, aber manches ganz speziell. Wie eben beispielsweise Oesen „seine“ Standards. Dazu kommen unterschiedliche Aufgaben, die von Spiel zu Spiel neu definiert und verteilt werden. „Wenn ein Gegner auf Konter setzt, muss einer speziell auf das Thema Restverteidigung achten“, nennt Kornetka als Beispiel.
Wer das Sagen hat und bei wem die wichtigsten Informationen schließlich zusammenlaufen müssen, muss nicht extra erwähnt werden. Rangnick ist jedenfalls spürbar zufrieden mit der Art, wie sein Tormanntrainer-Profi sowie seine Assistenten am Feld miteinander agieren. „Beide waren am Beginn ihrer Karriere hauptberuflich Videoanalysten und haben sich inzwischen zu richtig guten Trainern entwickelt“, lobt der Teamchef. Nun gilt es die Zusammenarbeit mit dem Erreichen des Ziels WM zu krönen. An den Arbeitsbedingungen auf Zypern sollte es nicht scheitern.