Donovan Pines erfüllt nicht das Klischee eines typischen Fußballers. Er spricht gerne, eloquent und vor allem ausschweifend – ein Grund, weshalb Trainer Ferdinand Feldhofer ihn augenzwinkernd aus Angst vor Überlänge lange nicht bei Pressekonferenzen neben sich sitzen haben wollte. Die Sorge war unbegründet, sein Debüt in Weinzödl bestritt der US-Amerikaner am Mittwoch souverän, hielt sich kurz und prägnant. Der 28-Jährige kommt aus einer Akademikerfamilie, Vater Darryll ist als Professor für Luft- und Raumfahrttechnik Präsident der Universität in Maryland. An dieser ist Donovan für ein Soziologiestudium inskribiert, vor dem Schritt zum Profifußballer hatte er ein Biologiestudium angefangen. „Ich versuche so viel wie möglich von der akademischen Seite aufzusaugen, aber aktuell bin ich auf einem anderen Pfad. Ich liebe es, Fußball zu spielen und Fußball hat mir in meinem Leben schon so viele Möglichkeiten eröffnet“, sagt der GAK-Abwehrspieler.

Nach der Fußballer-Karriere will sich der 1,96-Meter-Hühne wieder mehr der Universität widmen. Ob er dem Fußball erhalten bleibt oder ob er in ein anderes Berufsfeld wechselt, darauf will sich Pines noch nicht festlegen. Das Wichtigste für ihn: „Was mir am Herzen liegt, ist, zu lernen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und der nächsten Generation zu helfen.“ Als Miteigentümer des Frauen-Fußballteams DC Power, das Teil der USL Super League ist, hat er einen der ersten Schritte auf diesem Weg schon gesetzt. „Ich möchte Mädchen die Möglichkeit geben, Fußball auf höchstem Niveau zu spielen“, sagt Donovan Cameron Pines, dessen Initialen dieselben sind wie jene von DC Power. „Die Möglichkeit zu haben, ein Teil davon zu sein, ist so cool. Ich möchte auch hier in Österreich Beziehungen weiterentwickeln und auf diese Weise das Team unterstützen.“

Pines: „Keine Unterschiede aufgrund von Geschlecht“

Für Pines ist das Engagement bei DC Power eine Herzensangelegenheit, „ein Geschenk an meine Mama“, wie er sagt. Diese hat einst selbst Fußball gespielt, ihretwegen ist Pines heute der Fußballer, der er ist. „Meine ,Mom‘ hat mir viele Werte vermittelt und ich möchte damit auch meine Dankbarkeit für all die Jahre harter Arbeit ausdrücken“, sagt Pines, den es freut, mehr und mehr Frauen im Fußballsport zu sehen. „Man sollte keine Unterschiede aufgrund von Hautfarbe oder Geschlecht machen – wir sollten alle an einem Strang ziehen“, sagt Pines, der auch die Installation von Marie-Louise Eta als Cheftrainerin von Union Berlins Männer-Bundesligamannschaft gutheißt. „Es gibt ja auch viele Männertrainer bei Frauen-Teams. Wenn man das Spiel versteht, sollte jeder die Möglichkeit haben, auf höchstem Niveau zu arbeiten, egal ob im Frauen- oder im Männerfußball“, sagt Pines. „Entscheidungen wie diese helfen, jungen Männern früh eine andere Sichtweise auf Geschlechterrollen zu geben und heben den Respekt gegenüber Frauen im Allgemeinen und was sie alles im Leben erreichen können – und das ohne Männer.“

Im roten Graz ist der Trainer ein Mann, heißt Ferdinand Feldhofer und freut sich, dass Donovan Pines auch in der kommenden Saison für die Rotjacken spielen wird. „Schon bei seinem Probetraining damals hat er uns vom Hocker gehauen“, sagt Feldhofer. „Er hat eine sehr gute Entwicklung genommen, ist von Spiel zu Spiel besser geworden.“ 66 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind einer der Topwerte in der Bundesliga, in der es für den GAK heute (19.30 Uhr, Sky live) gegen Ried geht. „Ich bin sehr froh, dass wir unseren zentralen Innenverteidiger halten und rundherum etwas aufbauen können“, sagt Feldhofer.

Dass der GAK die Option auf die Vertragsverlängerung gezogen hat, hat Pines quasi als Letzter erfahren. „Das war verrückt!“, berichtet Pines. „Franz (Stolz, Anm.) hat mir als Erster geschrieben, alle haben mir gratuliert – und ich habe nur gefragt: ,Was redet ihr da? Wirklich? Wieso weiß ich nichts davon?‘ Es war eine schöne Überraschung“, erzählt Pines lachend. Bei den Rotjacken fühlt sich Pines wohl. „Es fühlt sich an wie ein Zuhause weit weg von Zuhause“, sagt Pines, für den das Frustrieren der gegnerischen Stürmer „das schönste Gefühl“ ist. „Der Trainer vertraut mir, eine Führungsrolle in dem Team zu haben. Ich versuche, aus jedem das Beste herauszukitzeln. Ich habe hier große Ziele, ich weiß, was wir hier erreichen können, wenn alle Teile ineinander greifen.“

Pines: „Positiv zu bleiben war die härteste Aufgabe“

Nicht nur das Team, auch Pines persönlich hat sich in seiner ersten Saison in Österreich stark weiterentwickelt. Insbesondere die Phase zu Beginn mit elf Liga-Spielen ohne Sieg nagte an Pines, der es als Spieler in der US-amerikanischen MLS lange nie mit einer drohenden Abstiegsgefahr konfrontiert war. „Positiv zu bleiben war die härteste Aufgabe“, gesteht Pines. „Wenn du in den USA verlierst, dann ist das halt so, aber hier ist es gnadenlos – da geht es um Existenzen. Man muss da sein Hirn benutzen und sich selbst beschützen.“

Europa hat Pines, der zuvor schon für eineinhalb Jahre bei Barnsley in der englischen League One unter Vertrag stand, nicht nur andere Liga-Systeme sondern auch einen differenzierten Blick auf das aktuelle Weltgeschehen und sein Heimatland, für das er 2021 zwei Länderspiele bestritten hatte, präsentiert. „Seit ich in Europa bin ist vieles passiert“, sagt Pines, ein gläubiger Christ. „Nachrichten sind Nachrichten und seit der Covid-Pandemie ist es Lärm, der die Stimmung trüben kann, wenn man sich zu sehr damit beschäftigt. Das hat mich meinem Glauben noch näher gebracht – bete für die Dinge, die du nicht beeinflussen kannst und lass sie in Ruhe, das ist der gesündeste Umgang. Letztendlich wäre die Welt viel besser, wenn es mehr Liebe in ihr gäbe.“

Donovan Pines wünscht sich mehr Liebe in der Welt
Donovan Pines wünscht sich mehr Liebe in der Welt © GEPA

Ganz viel Liebe hat Pines für zwei Dinge übrig: Fußball und seinen Hund Odin. Jetzt, da Pines länger in Graz bleiben wird, soll die Französische Bulldoge aus den USA in die steirische Landeshauptstadt übersiedeln – „auch, wenn Papa Odin sehr ins Herz geschlossen hat“, sagt Pines, der – no, na – eine Wohnung gleich neben der Universität bezogen hat. Ganz so oft wie sein Papa ist er nicht an dieser, „aber ich gehe manchmal in die Universitätsbibliothek, um ein bisschen zu lernen.“ Donovan Pines erfüllt eben nicht das Klischee eines typischen Fußballers.