Wer Pflege braucht, hat diese am liebsten bei sich zu Hause. Daher wundert es nicht, dass 80 Prozent aller Pflegeleistungen in Österreich zu Hause erledigt werden. Von pflegenden Angehörigen. Und das sind fast immer Frauen. Wie sehr sich diese Pflegeleistung und andere Faktoren auf die soziale Integration von Frauen auswirkt, hat sich eine internationale Studie mit österreichischer Beteiligung angesehen. Soziale Integration meint hier nicht die Familie, sondern die Beteiligung an der Gesellschaft, also Vereine, politische Aktivitäten oder Kultur und Sport. Melanie Wagner ist eine von fünf Studienautorinnen. Sie forscht als Demografin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihr gesellschaftlicher Befund für Frauen über 50 Jahren in Österreich ist recht eindeutig: „In Österreich, wie auch in der Slowakei, in Ungarn oder Deutschland herrscht ein familienorientiertes System vor. Und das bedeutet, dass Frauen die Care-Arbeit, also von den Kindern bis zur Pflege übernehmen sollen. Zwar unterstützt von staatlichen Einrichtungen, wie Kindergarten oder Altersheim, aber sie sind dafür zuständig“, so Wagner. Und ergänzt. „Und es gibt für diese Arbeiten auch einen gesellschaftlichen Druck, wenn man also Teilzeit arbeitet, weil man sonst die Kinder nicht betreuen kann, dann ist es fast logisch, dass man danach auch die älteren Angehörigen pflegt.“ Man hat sich extra schon Frauen ab 50 Jahren angesehen, um auch die soziale Veränderung zu beobachten, die eintritt, wenn Frauen in Pension gehen. Und auch hier schneiden Männer besser ab als Frauen.

Demografin Melanie Wagner über Unterschiede der sozialen Integration

Das Ergebnis dieser Untersuchung, die insgesamt 21 Länder umfasst hat, hat Wagner auch selbst überrascht. „Eigentlich weiß man aus anderer Forschung, dass Frauen die größeren sozialen Netzwerke haben und engere soziale Bindungen.“ Dennoch zeigen die Daten: Frauen sind insgesamt weniger stark in das gesellschaftliche Leben eingebunden.

Die Geschlechterunterschiede sind laut Studie in familienorientierten Gesellschaften besonders ausgeprägt – zulasten von Frauen. Ganz anders übrigens in Ländern, die keinen Familien-Schwerpunkt, sondern einen individuellen haben. In Skandinavien etwa sind Frauen sogar stärker als Männer sozial integriert. Wird hier auf Kinder und ältere Angehörige einfach vergessen? „Nein, diese Länder haben einfach viel bessere Systeme, gerade was die mobile Pflege oder diese kleinen Unterstützungen betrifft. Da kommt jemand in der Früh zum Waschen und fürs Frühstück und dann wieder am Abend. Viele Ältere wollen auch nicht von ihren Töchtern gepflegt werden, die sagen: Komm mich besuchen, das ist mir lieber“, schlüsselt Wagner die doch erheblichen Unterschiede auf. Und sieht gerade im Ausbau der mobilen Pflege das größte Potenzial. „Diese Kosten sind nicht so enorm und die Unterstützung könnte große Entlastung bringen.“

Aktuell gibt es in Österreich 947.000 pflegende Angehörige und bei der demografischen Entwicklung wird die Zahl der über 75-Jährigen laut Schätzungen der „Agenda Austria“ „von derzeit rund 900.000 auf über 1,6 Millionen im Jahr 2050 steigen. Die preisbereinigten Kosten für die Pflege so vieler alter Menschen – gemessen als Anteil am Bruttoinlandsprodukt – dürften sich bis 2050 in etwa verdoppeln.“