So wurde im Zuge des 100 Mio. Euro schweren Projekts die Ausstellungsfläche um 40 Prozent auf 21.000 Quadratmeter erweitert, indem das Büro KAAN Architecten in die einstigen Innenhöfe des Gebäudes weiße Kuben setzte. Wer braucht heutzutage noch einen Raucherhof? Während sich im historischen Altbau die Arbeiten bis 1880 finden, sind im neuen Weißraum die danach entstandenen Kunstwerke zu erleben.

Im Verbindungstrakt zwischen den beiden im Kern unabhängigen Gebäuden finden sich Arbeiten des Belgiers James Ensor, von dem das KMSKA die weltgrößte Sammlung besitzt. Insgesamt nennt die Institution rund 8.400 Werke ab dem frühen 14. Jahrhundert ihr Eigen, von denen rund 640 permanent gezeigt werden.

In der Präsentation nimmt man sich dabei zurück und lässt den Kunstwerken Raum zu atmen. Teils nur wenige finden sich in den riesigen, im Altbestand in Weinrot und Dunkelgrün gehaltenen Sälen, deren Stuck mittlerweile vergoldet ist. Einzig einen Saal hat man im Stile der Fin-de-Siècle-Salons in Petersburger Hängung vollgepackt, um den Eindruck des Flanierens zuzulassen.

Anders und gänzlich instragramable gestaltet sich da der überwiegend Weiß gehaltene Neubau, der einzig im Skulpturenteil in schummriges Dunkelbau gekleidet ist. Verspiegelte Böden, Lichtinstallationen in den Stiegenhäusern und Durchblicke über die Stockwerke hinweg bieten einen spektakulären Rahmen für die neuen Meister.

Ganz sakrosankt ist die Aufteilung in neue und alte Kunst dann übrigens auch wieder nicht, haben sich doch einige neuere Arbeiten in den Altbau verirrt und vice versa. Primär setzt man darauf, Verbindungslinien offenzulegen, weshalb sich etwa Albrecht Bouts' "Schmerzensmann" neben dem Jahrhunderte später entstandenen von James Ensor oder der gleichnamigen Skulptur von Berlinde De Bruyckere findet.

Die Gestaltung der Ausstellung wurde dabei nicht dem Zufall, sondern teils den Besuchern überlassen. "Wir haben das Museum nicht nur für, sondern auch mit unseren Besuchern gestaltet", unterstrich Direktorin Carmen Willems bei der Präsentation am Donnerstag. So wurden 100 aus 4.700 Bewerbern ausgewählt, die eine Fokusgruppe unter dem Titel "The Finest Hundred" bildeten, welche die Gesamtgestaltung bewertete und vorantrieb.

Diesen handfesten Ansatz der neuen Vermittlung sieht man etwa an Tieren und überdimensionalen Totenköpfen aus den Gemälden eines Saales, die realiter nachgebaut wurden und Kindern als haptisches Erlebnis dienen. Die Soundinstallation unter dem Titel "Radio Bart" lädt indes eher Erwachsene zum virtuellen Dialog mit einem blinden Menschen über Kunstwerke ein, was wohl auch für den Audioguide gilt, in dem Prostituierte von heute über ein Gemälde mit einem Bordell aus dem 17. Jahrhundert sinnieren. Und Hans Memlings "Christus umgeben von musizierenden Engeln" wird umspielt von Musik des 15. Jahrhunderts auf Replikas, die von Instrumentenbauern gemäß der Bildvorlage nachgearbeitet wurden.

Abseits der neuen Vermittlungswege nutzt man den Neustart im KMSKA auch, um die koloniale Vergangenheit der Sammlungen aufzuarbeiten, wofür man 2024 ein größeres Symposium angesetzt hat. Eine erste Zwischenerkenntnis liegt allerdings bereits vor: 3,3 Prozent der dem Haus gestifteten Arbeiten dürften nach jetzigem Stand mit Geld aus kolonialen Einnahmen bezahlt worden sein.

Vollends glücklich mit dem Neustart zeigte sich jedenfalls KMSKA-Vorsitzender Luk Lemmens: "Wir sind nun ein Museum, das sich auf Augenhöhe mit europäischen Museen wie dem Rijksmuseum oder dem Prado bewegt." Die 100 Mio. Euro, die dafür investiert werden mussten, schrecken den flämischen Ministerpräsidenten Jan Jambon in seiner Grußbotschaft dabei nicht: "Im Vergleich mit anderen Museumsprojekten im Ausland ist das ein kostengünstiges Projekt." Und ein gelungenes.

(S E R V I C E - )