Zugleich stellte er vor der Gala in San Sebastian bereits klar: "Normalerweise, wenn dir jemand so eine Auszeichnung gibt, kannst du denken, dass es jetzt genug ist. Aber ganz im Gegenteil. Es spornt mich an, weiterhin Filme zu machen", sagte der 79-jährige Regisseur.

Während sein Frühwerk vor allem dem (Body) Horror, Experimental- und Science-Fiction-Film zuzuordnen ist, liegt das Augenmerk in seinen späteren Arbeiten vornehmlich auf dem Filmdrama und der Literaturverfilmung. Das Leitmotive seiner Filme sei aber immer, die "Grenzen des Genres, des Plausiblen und des Normativen zu verfolgen". Dabei gehe es ihm im Gegensatz zu Alfred Hitchcock aber weniger darum, das Publikum an seine Grenzen zu pushen, sondern mehr sich selber.

Cronenberg stellte am Mittwoch in San Sebastian auch sein neues Science-Fiction-Drama "Crimes of the Future" mit Léa Seydoux, Kristen Stewart und Viggo Mortensen in den Hauptrollen vor. Der Film erzählt von einer dystopischen Zukunft, in der Menschen die Möglichkeit haben, durch Technologien ihre Körper zu verändern und auch keinen Schmerz mehr empfinden. Er habe das Skript dazu vor 20 Jahren geschrieben, betonte Cronenberg. Aber man habe damals schon spüren können, dass dies irgendwann mal kommen werde.

Er selbst sei das beste Beispiel dafür, wie die bionische Zukunft bereits im Gange ist. Er habe gerade eine Augenoperation gehabt, trage ein Hörgerät. "Ich bin die Zukunft", so Cronenberg. Ob diese so schön sein wird, beantwortete er nicht. Er sei nicht gerade optimistisch.

"Der Drang nach menschlicher Zerstörung ist real und allen Gesellschaften gemeinsam. Es ist kompliziert zu wissen, ob wir in der Lage sein werden, das zu kontrollieren, was wir in der Welt freigesetzt haben", fügte Cronenberg hinzu. Auch in "Crimes of the Future" schaukelt der Meister des subtilen Horrors zwischen Angst, Gesellschaftskritik und der Deformation des Körpers.

Am Sonntag war bereits die französische Schauspielerin Juliette Binoche für ihre Karriere mit dem Festivalehrenpreis ausgezeichnet worden. Binoche ist gleich mit zwei Filmen auf dem Festival vertreten, in denen sie eine Ehefrau und eine trauernde Mutter spielt.

Doch will sich die Französin, die für ihre Rolle in "Der englische Patienten" 1996 einen Oscar erhielt, nicht in Klischeerollen einsperren lassen. Deshalb habe sie in ihrer jahrzehntelangen Karriere nach eigenen Worten prinzipiell Rollen abgelehnt, bei denen Frauen zum Objekt gemacht wurden. Nur die Ehefrau von jemandem zu spielen, habe sie nie gereizt. "Ich habe einfach Nein gesagt, weil ich nicht interessiert war", sagte die 58-Jährige in San Sebastián.

Binoche erhielt den Ehrenpreis am selben Tag, an dem Ulrich Seidls Drama "Sparta" in San Sebastian im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere feierte. Der von Anschuldigen im Bezug auf die Umstände der Dreharbeiten überschattete Film des österreichischen Regisseurs ("Hundstage") wurde äußerst positiv vom Publikum wie von der Presse aufgenommen.

Viele Journalisten und sogar Festivaldirektor Jose Luis Rebordinos bezeichneten "Sparta" im APA-Gespräch als einen von Seidls "besten Filmen" überhaupt. Am kommenden Samstag, 24. September, wird sich bei der Vergabe der "Goldenen Muschel" zeigen, ob das auch die Festivaljury so sieht.

Ob die Jury eventuell bei der Preisvergabe auch bedenkt, dass Seidl wie schon zur Weltpremiere vielleicht auch nicht zur Preisvergabe kommen könnte? Hoffentlich nicht! Seidl erklärte, er wolle mit seiner Abwesenheit bei der Weltpremiere erreichen, dass mehr über den Film und weniger über ihn und die Anschuldigungen gesprochen werde. Nun hat "Sparta" gesprochen und überzeugt. Insofern spräche eigentlich nichts dagegen, dass der österreichische Filmemacher seine "Goldene Muschel" persönlich in Empfang nimmt - sollte er sie denn bekommen.