Der überpräsente Cartier-Bresson
Der größere Fokus liegt dabei auf dem international größeren Namen. Schließlich stellt Henri Cartier-Bresson (1908-2004) einen der Urväter des Fotojournalismus dar, dessen künstlerische Qualitäten mittlerweile aber anerkannt werden - so sehr, dass Kurator Ulrich Pohlmann bei der Anfrage zur Zusammenstellung einer großen Retrospektive zunächst zögerte, wie er bei der Präsentation der Schau am Freitag gestand: "Er ist ein Fotograf, der mir ein wenig überpräsent erschien."
Überfigur in Vielgestaltigkeit
Die Überfigur habe sich im Prozess der Aufarbeitung jedoch als weit komplexer denn gedacht herausgestellt. "Es gibt nicht einen Henri Cartier-Bresson, sondern sehr viele, weil er sich weltanschaulich und politisch doch sehr verändert hat", konstatierte Pohlmann, der deshalb unter dem Titel "Watch! Watch! Watch!" einen Parcours in zehn Stationen in der weitläufigen Foto-Arsenal-Anlage zeigt.
Meister der Fotoreportage
So wird der Franzose als einer der Mitbegründer der Agentur Magnum gewürdigt, als ein früher Meister des Genres der Street Photography, der mit spontanem, blitzartigen Zugriff auf die Wirklichkeit dem Alltag als Kondensat eine höhere Bedeutung entlockte. Zugleich war Cartier-Bresson stark vom Surrealismus der 20er geprägt.
Ab den 1930er-Jahren wendet er sich vermehrt der Fotoreportage zu, berichtet von der spanischen Front oder den Krönungsfeierlichkeiten in Großbritannien. In großen Reportagen brachte Cartier-Bresson dem Westen Ereignisse aus anderen Weltregionen näher wie die Beerdigung Gandhis oder den Fall der Kuomintang in China.
Zugleich war der Meister der spontanen Alltagsszene, der vermeintlich alltägliche Menschen in den Mittelpunkt rückte, immer auch Porträtist der Ausnahmepersönlichkeiten, der Coco Chanel oder Henri Matisse vor seiner Kamera hatte. Auch diese prominenten Motive werden jedoch nicht im Studio inszeniert, sondern in ihrem natürlichen Habitat. In 240 Exponaten sowie Publikationen zeichnet die Retrospektive diesen Lebens- und Stilweg nach.
De Grancy als Porträtistin Wiens
Einen gänzlich anderen Weg als der Kollege hatte indes die erst im März verstorbene österreichische Fotografin Christine de Grancy eingeschlagen, wenngleich die gebürtige Brünnerin den französischen Kollegen als Vorbild sah. Ein von der Fotografin geschossenes Porträt Cartier-Bressons dient gleichsam als Bindeglied der beiden Ausstellungen.
Seit den 70er-Jahren schuf Christine de Grancy ansonsten ein vielgestaltiges Porträt Wiens zwischen kleiner Nachkriegsrepublik und steinernen Zeugnissen des verflossenen Habsburger-Glanzes. Zur Würdigung de Grancys ist im Foto Arsenal nun die Bilderzählung "Über der Welt und den Zeiten" zu sehen, die sich mit den mythischen Gottheiten und Musen auf den historischen Dachlandschaften der Metropole beschäftigt. Meist grüßen hier die ansonsten nicht sichtbaren nackten Hinterteile der Figuren den Betrachter, während die Fotografin aus der Höhe auf die grafischen, monochromen Szenen am Boden blickt. Flankiert wird dieses Hauptwerk von exemplarischen Eindrücken des weiteren Œuvres der jüngst Verstorbenen.
S E R V I C E - "Henri Cartier-Bresson. Watch! Watch! Watch!" und "Christine de Grancy. Über der Welt und den Zeiten" von 28. Juni bis 21. September im Foto Arsenal Wien, Objekt 19A, 1030 Wien. fotoarsenalwien.at)