Während das Publikum in den Saal strömt, kann es sich auf einer riesigen Leinwand dabei selbst zusehen. Manche nützen die live von einer Kamera übertragenen Bilder, um mit ihren Armen Herzen zu bilden, als wollten sie laut rufen: "Hallo Welt, wir sind Teil des Kunstwerks!" Als Burg-Rückkehrer Meyerhoff dann in grauem Anzug und Sneakers die Bühne betritt, zitiert er Nietzsche ("Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen") und macht mit seinem Handy auch gleich noch ein Foto vom Publikum. Dann tippt er als Schriftsteller Jacob McNeal in sein Handy, auf der die Bühne ausfüllenden Leinwand poppt ein ChatGPT-Fenster auf, McNeal fragt: "Wer wird dieses Jahr den Nobelpreis für gewinnen?" Und ChatGPT antwortet gewohnt nüchtern: "Als ein KI-Sprachmodell kann ich weder den Gewinner des Nobelpreises, noch irgendein anderes zukünftiges Ereignis vorhersagen. Entschuldigen Sie bitte." Und McNeal tut, was wohl jeder tun würde, er adaptiert den Prompt so lange neu, bis die Künstliche Intelligenz sich zu Spekulationen hinreißen lässt.
Wien
Meyerhoff als KI-getriebener Autor in "Der Fall McNeal"
Was ist real, was fake? Was ist noch Kunst, was bereits künstlich? Wo endet das Zitat und wo beginnt das Plagiat? All diese Fragen stellt sich der amerikanische Autor Ayad Akhtar in seinem Stück "Der Fall McNeal", das Jan Bosse in der Übersetzung von Daniel Kehlmann am Samstag am Burgtheater zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht hat. Im Zentrum: Ein durch Understatement brillierender Joachim Meyerhoff in der Rolle eines narzisstischen Schriftstellers.
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