Katharina von Schnurbein im Porträt"Kampf gegen Antisemitismus ist auch Kampf für unsere Werte"

Die EU-Antisemitismusbeauftragte wurde mit der Torberg-Medaille der Israelitischen Kultusgemeinde geehrt.

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Katharina von Schnurbein
Katharina von Schnurbein © IKG / Morgensztern
 

Es ist ein Erlebnis in ihrer frühesten Jugend, das die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein heute noch dazu treibt, sich zu engagieren: In der Synagoge in ihrer Heimatstadt im bayerischen Straubing gab es so wenige männliche Überlebende, dass nicht einmal die nötige Zahl von zehn Männern für die Abhaltung des Gebets zusammenkam. „Wir haben sie damals kennengelernt, ich war erst zehn Jahre alt. Einer der Männer hat erzählt, wie er erschossen werden sollte, in die Grube fiel und solange dort – unverletzt – verharrte, bis die Mörder abgezogen waren und er herauskrabbeln konnte.“

Von Schnurbein und ihre Eltern waren keine Juden, und dennoch war das Gebot, dazu beizutragen, dass jüdisches Leben wieder zu einem Teil der Normalität im Alltag wird, immer schon Thema in der Familie.

Gestern wurde Von Schnurbein für ihr „außerordentliches Engagement gegen Antisemitismus und für jüdischen Leben in Europa“ mit der Torberg-Medaille der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) ausgezeichnet. IKG-Präsident Oskar Deutsch begründete dies damit, dass ihr Wirken „gerade den schwächsten jüdischen Gemeinden zugutekommt“.

Mit Österreich verbindet die Antisemitismusbeauftragte der EU, seit 2015 in diesem Amt, vor allem das Jahr 2018, in dem Österreich den EU-Vorsitz innehatte. Damals gelang es, einen Beschluss aller Mitgliedsstaaten gegen Antisemitismus und für die Sicherung jüdischer Einrichtungen zu erwirken, auf dessen Basis die Kommission vor einem Monat eine Zehn-Jahres-Strategie dazu verabschiedet hat. Eine Strategie, die den Kampf gegen den Antisemitismus, aber vor allem auch die Förderung jüdischen Lebens im Fokus hat. Wien ist für Von Schnurbein Vorbild – an kaum einem anderen Ort gebe es so viel Normalität im jüdischen Alltag, über Schulen und Kindergärten bis hin zu Restaurants und kulturellen Begegnungsorten.

Einer der wichtigsten Momente im Rahmen ihrer Tätigkeit war für sie die Einigung darauf, dass jede Form des Antisemitismus bekämpft werden muss, egal vor welchem Hintergrund, ob aus der christlichen, der rassistischen, der muslimischen Ecke oder als Resultat von Verschwörungsmythen oder Ressentiments gegen  Israel.

Die größte Herausforderung: Der Alltags-Antisemitismus, die Nebenbei-Bemerkungen, die unzähligen Kränkungen im Alltag, auch am Arbeitsplatz. "Das ist so tief verwurzelt. Der Umschwung wird erst kommen, wenn die Politiker verstehen, dass der Kampf gegen den Antisemitismus auch ein Kampf für unsere Werte ist, die unsere Demokratie bestimmen, wenn sie erkennen, dass alles zusammengehört. In diesem Fall betrifft es die Juden zuerst, aber Antisemitismus ist auch ein Zeichen dafür, dass in der Gesellschaft insgesamt was nicht stimmt."

Von Schnurbein ist mit einem Holländer verheiratet, hat vier Kinder und wohnt in Brüssel.

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