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Gedenken an Novemberpogrome"Hass bringt Menschenleben in Gefahr"

Nationalratspräsident vertritt den verletzten Bundespräsidenten bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages des Novemberpogroms. Regierung präsentiert einen Gesetzesentwurf zur Absicherung des jüdischen Kulturerbes in Österreich.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Österreich (IKG), Oskar Deutsch bei der Kranzniederlegung beim Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Österreich (IKG), Oskar Deutsch bei der Kranzniederlegung beim Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah © APA/HELMUT FOHRINGER
 

Heute, Montag, jährt sich zum 82. Mal das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich und Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Regierung, vertreten durch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) und Ministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) gedachte gemeinsam mit dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, dieser gewaltsamen Ereignisse mit einer Onlineveranstaltung im Bundeskanzleramt.

Die Pogromnacht "markierte eine folgenschwere Wende: aus den Worten wurden Taten, die sich gegen die jüdischen Mitmenschen richteten", sagte Kurz. Aus diesen Taten wurde dann "das größte Menschenverbrechen". Und das Gift des Antisemitismus sei noch immer nicht verschwunden. "Wir müssen darauf achten, nicht stetig neuen Antisemitismus zu importieren durch Menschen, die zu uns kommen", warnte Kurz. Dafür sei in Österreich kein Platz. Nur wer die Würde jedes einzelnen Menschen achte, habe in unsere Gesellschaft Platz. "Gegenüber der Intoleranz darf es keine falsch verstandene Toleranz geben", so der Kanzler.

Die Novemberpogrome in Österreich

Am 12. März 1938 erfolgte der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische deutsche Reich.

Am 9./10. November 1938 und an den darauffolgenden Tagen fanden im gesamten Deutschen Reich Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung statt. Die Nationalsozialisten prägten dafür den euphemistischen Ausdruck "Reichskristallnacht". Der Vorwand dafür war die Ermordung des deutschen Botschaftssekretärs in Paris, Ernst vom Rath, durch Herschel Grynszpan, einen jungen Juden, der an der Abschiebung seiner Eltern nach Polen verzweifelte.

Die pogromartigen Ausschreitungen, die zahlreichen Erlässe gegen die jüdische Bevölkerung und der Ausschluss der österreichisch-jüdischen Bevölkerung aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens wurden vom größten Teil der nichtjüdischen MitbürgerInnen nicht nur widerstandslos zur Kenntnis genommen, sondern von vielen aktiv mitgetragen.

 

Die Redner widmeten sich in ihren Ansprachen auch dem jüngsten Terroranschlag in Wien mit vier Toten und mehr als zwanzig Verletzten, der sich just vor der einzigen nach der Pogromnacht übrig gebliebenen Synagoge abspielte. Das ist nach Meinung von Kanzler Kurz "wahrscheinlich kein Zufall".

Die Pogromnacht muss uns "immer eine Mahnung bleiben", sagte Edtstadler. "Wir müssen auch acht Jahrzehnte nach dem Ende des dunkelsten Kapitels unseres Landes wachsam bleiben." Vizekanzler Kogler zeigte auf, welche Folgen die "zügellose Gewalt" jener Nacht hatte: Von sechs großen Synagogen und an die Hundert Vereinen und Gebetshäusern sei eine einzige Synagoge übrig geblieben.

Jene Nacht vor 82 Jahren habe gezeigt, dass "dort, wo Hass ist, auch Lebensgefahr ist", sagte Deutsch. "Wer Jude war, schwebte plötzlich in Lebensgefahr, weil er Jude war." Auch der jüngste Terroranschlag in Wien zeige, dass Hass Menschenleben in Gefahr bringe. Die jüdische Gemeinde bringe 20 Prozent ihres Budgets für die Sicherheit auf.

Absicherung des Kulturerbes

Mit dem heute präsentierten "Gesetz zur Absicherung des österreichisch-jüdischen Kulturerbes", das diese Woche im Ministerrat beschlossen wird, wird die Gemeinde mit vier Millionen Euro jährlich unterstützt. Kanzler Kurz sei es "ein ehrliches Anliegen, Judentum als zentralen Bestandteil der österreichischen und europäischen Identität zu unterstützen". Das Gesetz sei ein "historisches Projekt". Deutsch bedankte sich bei Kurz für dessen ehrliches Einsetzen für die jüdische Gemeinde und verglich ihn in diesem Punkt mit Altkanzler Franz Vranitzky.

Untermauert wurde die Veranstaltung von Texten über die Pogromnacht und unter anderem von der Autorin Ruth Klüger, die von Dramaturg Hermann Beil vorgetragen wurden.

Ebenfalls heute kommt EU-Ratspräsident Charles Michel zu einem Kondolenzbesuch nach Wien. Gemeinsam mit Bundeskanzler Sebastian Kurz wird in der Sterngasse der Opfer des Terroranschlags gedacht.

Gedenkstein für Gendarmen

Vor dem Innenministerium ist zum Gedenken an das Novemberpogrom ein Gedenkstein für Gendarm Karl Halaunbrenner, der 1938 als vehementer Gegner der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Buchenwald ums Leben gekommen war, angebracht worden. Innenminister Karl Nehammer und der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, enthüllten den "Stolperstein" in der Herrengasse bereits am 6. November 2020.

"Die historische und die zeitgemäße Verantwortung in der Gesellschaft hat auch in der Ausbildung der Polizisten eine große Bedeutung", betonte der Innenminister. "Hier arbeitet das Innenministerium mit dem Lehrer und Bildungsnetzwerker Daniel Landau zusammen, der eine Evaluierung der Lehrpläne im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Extremismus und Totalitarismus vornimmt." Seit vielen Jahren würden die Schüler der Polizei-Grundausbildungslehrgänge auch die Gedenkstätte Mauthausen besuchen, so Nehammer.

 

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